Auszeichnung in Oslo Friedensnobelpreis für Anti-Atomwaffen-Kampagne Ican

Die internationale Kampagne zur atomaren Abrüstung (Ican) bekommt den Friedensnobelpreis 2017. Die Entscheidung besitzt angesichts der Atomtests in Nordkorea eine hohe politische Signalkraft.

Von: Heike Westram, Roana Brogsitter

Stand: 07.10.2017 | Archiv

Bild: pa/dpa/Kay Nietfeld

Der Kampf gegen Atomwaffen war bereits vorab Favorit für die Verleihung in diesem Jahr gewesen, nachdem US-Präsident Donald Trump wiederholt damit gedroht hatte, das Abkommen mit dem Iran aufzukündigen und Nordkorea im Streit um seine atomare Aufrüstung nicht eingelenkt war.

"Ican", ein Bündnis aus 450 Friedensgruppen und Organisationen in 100 Ländern, erhalte die Auszeichnung für "ihre Arbeit, Aufmerksamkeit auf die katastrophalen humanitären Konsequenzen von Atomwaffen zu lenken", wie das norwegische Nobelkomitee in Oslo bekanntgab.

"Wir leben in einer Welt, in der das Risiko des Einsatzes von Atomwaffen größer ist als seit langem."

Nobel-Komitee

"Ican" habe sich bahnbrechend um ein vertragliches Verbot solcher Waffe bemüht. Die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen setzt sich seit zehn Jahren für ein vertragliches Verbot von Atomwaffen ein. "Ican" hatte unter anderem das im Juli in New York beschlossene UN-Abkommen für ein Atomwaffenverbot begleitet.

"Durch ihre inspirierende und innovative Unterstützung der UN-Verhandlungen über einen Vertrag zum Verbot nuklearer Waffen hat Ican eine große Rolle dabei gespielt, etwas herbeizuführen, das im heutigen Zeitalter einem internationalen Friedenskongress entspricht."

Berit Reiss-Andersen, Vorsitzende Nobelpreis-Komitee

Deutschland hat Vereinbarung nicht unterzeichnet

Kritiker sehen in der Vereinbarung allerdings eher einen symbolischen Akt, da er nicht von den Atommächten unterzeichnet wurde. Auch Deutschland hat ihn nicht unterzeichnet. Die Bundesregierung gratulierte "Ican" dennoch zum Nobelpreis. "Die Bundesregierung unterstützt das Ziel einer Welt ohne Atomwaffen", sagte Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer.

"Wir müssen allerdings auch erkennen, dass Atomwaffen von einigen Staaten als Mittel für eine militärische Auseinandersetzung betrachtet werden. Insofern besteht die Notwendigkeit einer nuklearen Abschreckung fort."

Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer

Die deutsche Sektion von "Ican" forderte die Bundesregierung heute nach der Bekanntgabe der Auszeichnung eindringlich dazu auf, dem Vertrag jetzt beizutreten.

"Die Bundesregierung hat die politische Bedeutung des Verbotsvertrages völlig verkannt. Sie sollte die heutige Würdigung dieses Vertrages durch das Nobelkomitee zum Anlass nehmen, dem Verbot beizutreten. Merkel muss sich nun dem Bündnis der Deeskalation anschließen."

 Sascha Hach, Vorstandsmitglied der deutschen Sektion von ICAN.

Wichtigste Auszeichnung weltweit

Die Bekanntgabe des Friedensnobelpreisträgers ist jedes Jahr der Höhepunkt in der Reihe der sechs Nobelpreis-Verkündungen. Er gilt als wichtigste Auszeichnung weltweit und hat einen hohen politischen Stellenwert. Theoretisch hat die Jury über den Preis die Möglichkeit, in einen aktuellen Konflikt einzugreifen. Genau dies hat sie in diesem Jahr getan.

Manche Entscheidungen erscheinen allerdings rückblickend fragwürdig. Dies zeigt zuletzt die scharfe Kritik an der Friedensnobelpreisträgerin von 1991, Aung San Suu Kyi. Seinerzeit wurde sie als Ikone des friedlichen Kampfes für Freiheit und Demokratie gefeiert. Heute ist sie Regierungschefin in Myanmar. Ihre heute passive Haltung zur Unterdrückung und Verfolgung der Rohingya-Minderheit steht für viele in krassem Widerspruch zur Ehrung von einst. Viele fordern deshalb, ihr den Preis wieder abzuerkennen. Dies ist laut den Statuten des Preises jedoch nicht möglich.

Welche Namen auch immer schon vorab durch die Medien geistern - reine Spekulation. Denn das Nobel-Komitee hält bis zur letzten Minute geheim, wer den Nobelpreis bekommt. Wer zwar nominiert war, ihn aber doch nicht bekommt, darüber wird noch weitere fünfzig Jahre Stillschweigen gewahrt. Bekannt ist nur, dass 215 Personen und 103 Organisationen nominiert waren.

Fünf deutsche Friedens-Nobelpreisträger

1901 wurde der Friedensnobelpreis zum ersten Mal vergeben - an Henri Dunant, den Gründer des Roten Kreuzes, und an Frédéric Passy, den Gründer der französischen Friedensgesellschaft. Seither haben insgesamt fünf Deutsche den Friedensnobelpreis erhalten - zuletzt 1971 der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt für seine Ostpolitik.

Die Jury

Der Friedensnobelpreis ist der einzige der renommierten Preise im Gedenken Alfred Nobels, der nicht vom schwedischen, sondern einem norwegischen Komitee vergeben wird. Nobel selbst hat nie erklärt, wie es zu dieser Ortswahl kommt. Doch da zu Nobels Lebzeiten Schweden und Norwegen noch vereinigt waren und das norwegische Parlament nur für innenpolitische Fragen verantwortlich war, hielt Nobel die Norweger vermutlich für nicht so leicht manipulierbar. Vergeben wird der Preis von fünf Politikern, die vom norwegischen Parlament gewählt werden, darunter Ex-Politiker und Friedensforscher. Ausgezeichnet werden soll wer

"am meisten oder besten für die Verbrüderung der Völker und für die Abschaffung oder Verminderung der stehenden Heere sowie für die Bildung und Verbreitung von Friedenskongressen gewirkt hat."

Alfred Nobel darüber, wem der Friedensnobelpreis gebührt

Seit 1960 werden auch der Einsatz für Menschenrechte und seit 2004 das Wirken für die Umwelt geehrt. Verliehen wird er - wie auch die anderen 5 Nobelpreise - am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels. Das Preisgeld wurde dieses Jahr auf neun Millionen schwedische Kronen erhöht. Dies entspricht rund 940.000 Euro.

Preisträger der vergangenen Jahre

  • 2016: Juan Manuel Santos, Präsident von Kolumbien, für seine Anstrengungen, den mehr als fünfzig Jahre andauernden Bürgerkrieg in dem Land zu beenden
  • 2015: Tunesisches Quartett für nationalen Dialog für ihre Bemühungen um eine pluralistische Demokratie in Tunesien
  • 2014: Malala Yousafzai (Pakistan) & Kailash Satyarthi (Indien) für ihren Kampf gegen die Unterdrückung von Kindern und für deren Recht auf Bildung
  • 2013: Die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OVCW) für ihren weltweiten Einsatz gegen Chemiewaffen
  • 2012: Die Europäische Union für ihre jahrzehntelange Verbreitung von Frieden und Versöhnung
  • 2011: Ellen Johnson Sirleaf, Leymah Gbowee und Tawakkul Karman für ihren gewaltfreien Kampf für die Sicherheit von Frauen und für das Recht der Frauen auf volle Beteiligung an friedensbildender Arbeit.
  • 2010: Liu Xiaobo, inhaftierter Dissident und Bürgerrechtler aus China
  • 2009: der damalige US-Präsident Barack Obama für seine Bemühungen um eine Stärkung der internationalen Diplomatie
  • 2008: Martti Ahtisaari für seine Vermittlungen in zahlreichen internationalen Kriegen und Konflikten
  • 2007: Al Gore und der Weltklimarat für ihren Kampf gegen den Klimawandel
  • 2006: Professor Mohammed Junus für seine Grameen Bank in Bangladesch
  • 2005: Die Internationale Atomenergieorganisation IAEO und ihr Generalsekretär Mohammed el-Baradei
  • 2004: Wangari Muta Maathai
  • 2003: Schirin Ebadi
  • 2002: Jimmy Carter
  • 2001: Die UNO und ihr Generalsekretär Kofi Annan