Erzähl-ein-Märchen-Tag Wenn das GUTE über das BÖSE siegt

Von: Constanze Alvarez

Stand: 26.02.2021

Märchen beflügeln die Phantasie, sie helfen, die Welt zu begreifen und machen Hoffnung. Nicht nur Kinder, auch Erwachsene lieben es, Märchen zu hören. Deswegen haben Geschichtenerzähler auch heute noch viel zu tun.

Ein Mädchen erteilt einem Monster ein Befehl. | Bild: picture-alliance/dpa / Montage: BR

Märchenkunde Vom Einhorn bis Freud

Prinzip Hoffnung Märchen als Mutmacher

"Das Märchen ist die einzige poetische Form, in der das Böse am Ende veschwunden ist. Und zwar für immer, ohne Wiederkehr."

Prof. em. Kristina Wardetzky, Märchenforscherin, Universität der Künste, Berlin

Stoffsuche Wie kamen die Brüder Grimm zu ihren Märchen?

Anders als ursprünglich vermutet, sind die Brüder Grimm Anfang des 19. Jahrhunderts nicht über Land gezogen, um Märchen zu sammeln und aufzuschreiben. Vielmehr waren es junge, gebildete Damen aus ihrem Bekanntenkreis, wie zum Beispiel die Apothekerstochter Gretchen Wild, die zu ihnen ins Haus kamen, um im gemütlichen Wohnzimmer Volksmärchen zu erzählen.

Streitfrage Waren Märchen Schuld an Nazi-Verbrechen?

Klasse mit Lehrerin. In umgebauten Nissenhütten (Behelfsunterkunft, nach dem britischen Konstrukteur Nissen benannt) wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Hamburg-Groß Borstel der Unterricht einer Volksschule abgehalten. | Bild: picture-alliance/dpa

Während der deutschen Nachkriegszeit gab es eine heftige Debatte über die Frage, ob die Märchen der Brüder Grimm Schuld waren an den Gräueltaten der Nazis. Ausgangspunkt für diesen Streit war das Entsetzen der Siegermächte über die Nationalsozialistische Ideologie und ihre Folgen. 1947 prüfte der britische Leutnant T. J. Leonard die Schulbücher der wilhelminischen Zeit und kam zu dem Schluss, die Grimmschen Märchen hätten bei den deutschen Kindern eine unbewusste Neigung zur Grausamkeit erzeugt.

In ihrem Aufsatz "...die Märchen in den Ofen feuern!" Der Märchenstreit im Nachkriegsdeutschland“ (2012) hat Prof. Kristin Wardetzki unter anderem erforscht, wie die anderen Besatzungsmächte dazu standen und herausgefunden, dass Franzosen, Russen und Amerikaner nicht unbedingt diese Meinung teilten. Nichtsdestotrotz dauerte es bis in die 70-er Jahre, bis der Ruf der Brüder Grimm rehabilitiert war. Dazu trug der heutige Klassiker: „Kinder brauchen Märchen“ von Bruno Bettelheim bei, der aus psychoanalytischer Sicht die für Kinder tröstende und stärkende Wirkung von Märchen herausarbeitete.

Universelles Muster In zehn Schritten zur spannenden Geschichte

Den meisten Mythen, Sagen und Märchen liegt eine archetypische Erzählstruktur zugrunde: die Heldenreise. Vor allem der Mythenforscher Joseph Campbell hat das Motiv der Heldenfahrt erforscht. Bis heute erfreut sich diese dramaturgische Form in der Literatur und im Film großer Beliebtheit. Auch die Star-Wars-Filme beruhen darauf.

Infografik: Die Reise des Helden | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Handwerk Kann man Geschichtenerzählen lernen?

Erzählen ist die kleinste Form des Theaters. Der Erzähler ist zugleich Autor, Regisseur und Schauspieler in einem. Mittlerweile bieten viele Einrichtungen Kurse zum Märchenerzählen an, wie die Märchenakademie Bamberg.

Kontrovers Sind Märchen zu gruselig für Kinder ?

Hänsel und Gretel werden im Wald ausgesetzt, weil es zuhause nichts mehr zu essen gibt. Bei Aschenputtel werden den Stiefschwestern die Augen ausgehackt. Kann man das Kindern zumuten? Darüber wurde schon zu Zeiten der Gebrüder Grimm gestritten. Heute gibt es dazu zwei Lager: Das eine hält Märchen aufgrund ihrer grausamen Inhalte und überkommenen Rollenmodelle für ungeeignet für die kindliche Entwicklung.

Das andere Lager, dazu zählt die Märchenforscherin Prof. Kristin Wardetzki, ist der gegenteiligen Ansicht. "Die Schrecken, die in Märchen vorkommen, so wie Krieg, Armut, Hunger, sind auch in der Welt vorhanden", so Wardetzki. Und: "Ängste seien Teil des kindlichen Seelenlebens". Es sei besser, diese zu thematisieren, als sie zu unterdücken. Wichtig sei dabei die innere Haltung der Eltern. "Niemand sollte sich dazu zwingen, Märchen zu erzählen, wenn es als unangenehm empfunden wird", erklärt Prof. Kristin Wardetzki.

Was ist besser Vorlesen oder Erzählen?

  • Beim Vorlesen können Kinder die Geschichte über die Illustrationen mitverfolgen
  • Durch Vorlesen werden Kinder neugierig gemacht auf das Medium Buch und werden motiviert, selber Lesen zu lernen
  • Kinder, denen das Lesen lernen Mühe macht, erfahren durchs Vorlesen, dass sich die Anstrengung lohnt, dass es Spannendes zu entdecken gibt
  • Erwachsene, denen das freie Erzählen nicht liegt, fühlen sich beim Vorlesen wohler, was zu einer positiven Stimmung beiträgt
  • Erzählen erzeugt unmittelbare Nähe
  • Beim Erzählen ist Augenkontakt möglich, das vermittelt dem Kind das Gefühl von Geborgenheit, gerade wenn eine gruselige Stelle kommt
  • Über die Augen lassen sich viele Emotionen vermitteln und man merkt, wie das Kind auf die Geschichte reagiert
  • Erzählen ist interaktiv, Kinder können mit „einsteigen“, eine Geschichte miterfinden
  • Wer frei erzählt, kann die Geschichte abkürzen, variieren oder ausschmücken

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