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Geschichte des Wunschzettels Liebes Christkind, ich wünsche mir ...

Einen Teddybär, ein Pony und ein Smartphone - solche Wünsche schreiben Kinder heute ans Christkind. Wunschzettel zu Weihnachten gibt es schon seit Jahrhunderten. Nur von Geschenken war darin anfangs keine Rede.

Stand: 16.11.2017

Wunschzettel ans Christkind | Bild: picture-alliance/dpa

Neben Christbaum, Krippe und Kipferln gehört noch etwas anderes unbedingt zu Weihnachten: der Wunschzettel. Woher sollte das Christkind sonst wissen, was es bringen soll? Und irgendwie freuen sich doch auch Eltern, Geschwister, Omas, Opas, Tanten und Onkel darüber. In der Weihnachtszeit einen Wunschzettel zu verfassen, diesen Brauch gibt es schon seit mehreren Jahrhunderten. Der Inhalt war früher allerdings ein ganz anderer.

Erzwungener Dank der Eltern an sich selbst

Wunschzettel waren früher edel gestaltete Weihnachtsbriefe - mit schwülstigen Lobhudeleien.

"Die frühesten Spuren mit Hamburger Material stammen aus dem ausgehenden 17. Jahrhundert", erzählt der Hamburger Kunst- und Kulturhistoriker Torkild Hinrichsen. Um 1800 hießen die bemalten und beschriebenen Blätter noch "Weihnachtsbriefe". Adressaten waren nicht das Christkind oder der Weihnachtsmann, sondern Eltern und Paten. Im Inhalt war keine Rede von den Herzenswünschen der Kinder, im Gegenteil: Die Kleinen wurden von den Erwachsenen gezwungen, schwülstige Lobhudeleien aufs Papier zu bringen. Schreibmeister lieferten kunstvoll verzierte Vorlagen, die Lehrer oder Pfarrer im Auftrag der Eltern kauften und für die frömmelnden Inhalte sorgten: Die Kinder hatten sich bei den Eltern und Paten für Erziehung und Wohlverhalten zu bedanken und baten um Gottes Segen. Die frühen Wunschzettel waren also nichts anderes als ein Dank der Eltern an sich selbst, vom Kind nach Vorlage und unter Aufsicht in Schönschrift zu Papier gebracht.

"Das war vor allem ein Oberklassenphänomen."

Torkild Hinrichsen, Kunst- und Kulturhistoriker, ehemaliger Direktor des Altonaer Museums in Hamburg

Beispiele aus Weihnachtsbriefen

Aus dem Jahr 1782

"Vater! Mit Entzücken nenn ich diesen Namen", bringt Johann Hieronymus Jantzen aus Hamburg 1782 zu Papier.

1809

"Lob durchdringt jetzt meine Glieder." Den "werthgeschätzten Aeltern" wünscht Hanns Wullenweber aus Lockstädt 1809 für das neue Jahr Gottes Segen, Frieden und Lebenskräfte.

1830

"Wer hat die theuren Eltern mir gegeben; Die mich so treu geschützt, gepflegt, genährt", heißt es von Matthias Bremer aus Teufelsbrück 1830.

"Eine erzieherische Leistungsschau am Jahresende - mit schwülstigen Dankesworten an die Eltern, die dann auch noch auswendig vorgetragen werden mussten. Es ist eigentlich vollkommen pervers."

Torkild Hinrichsen

Die ersten echten Kinderwünsche

Den Wunschzettel aus dem Jahr 1916 ziert ein schreitender Engel mit Helm und Gewehr.

Später gab es auch an den Volksschulen entweder vorgedruckte Wunschzettel oder ein Gedicht des Lehrers, das dann alle abschrieben. Trotzdem waren es meistens immer noch Segenswünsche an die Eltern. Nach und nach änderten sich die Bildmotive am Rand der Wunschzettel: Aus den christlichen Szenen wie der Krippe wurde die bürgerliche Weihnachtsstube, aus Maria mit Jesus die Bürgersfrau mit Kindern. Der Weihnachtsbaum kam mit aufs Papier und im Text tauchten langsam die eigenen Wünsche der Kinder auf. "So um 1850 kippt es um - und zwar ganz deutlich unter kommerziellen Gesichtspunkten", weiß Torkild Hinrichsen, ehemaliger Direktor des Altonaer Museums in Hamburg.

"Eine geniale Marketing-Idee"

Nachlesen

Nikolaus - oder ein Weihnachtsmann? | Bild: Oliver Lang/ddp. zum Artikel Weihnachts-Brauchtum Christkind oder Weihnachtsmann? Geschenkt!

Das Christkind spricht sächsisch. Das jedenfalls behauptet BR-Journalist Matthias Morgenroth, Experte für Weihnachtsbrauchtum. Statt vom strengen heiligen Nikolaus ließen sich die (sächsischen) Protestanten lieber die Geschenke vom Christkind bringen. [mehr]

Die Vorläufer der heutigen Wunschzettel kamen auf - aber auch wieder nicht von den Kindern erfunden. Hinrichsen bezeichnet sie als "geniale Marketing-Idee" der deutschen Spielwarenindustrie. "Hersteller und Händler druckten Blätter, auf denen bildlich ein großes Angebot dargestellt war. Die Kinder brauchten ihre Wünsche nur noch markieren." Wieder änderten sich die Verzierungen auf den Briefen: "Um 1880 erhalten die Gabenbringer das Monopol", erzählt Hinrichsen. Beliebt waren das Christkind mit Engeln, die Geschenke verteilen, und ein voll bepackter Weihnachtsmann.

"Dir du liebes Christkindlein, send ich meine Wünsche ein; Geh zu Karstadt, Nikolaus, und suche mir das Schönste aus."

Briefwunschbogen des Kaufhauses Karstadt, um 1930

"Wunschzettel sind Spiegel ihrer Zeit"

Mehr Taschengeld, gute Noten, gutes Wetter - und einen Bruder, aber nur einen jüngeren!

1937 listet der siebenjährige Hermann Kluge aus Bremen auf seinem Zettel neun Wünsche auf. Immerhin nimmt er dem Weihnachtsmann ein wenig Arbeit ab und schreibt gleich dazu, in welchem Kaufhaus die Spielsachen zu welchem Preis zu finden sind. 1947 wünscht sich Hanni Steiner einen schicken Mantel, ein Taschenmesser, Geschirr für die Puppen, eine Armbanduhr, einen Teddy und einen Hund. Ihre ordentlich geschriebene Liste an den "lieben Weihnachtsmann" war so lang, weil sie auf der Flucht aus dem pommerschen Bublitz nach Westdeutschland nur wenig mitnehmen konnte. "Ich habe einfach drauflos gewünscht, nicht ganz unbescheiden", erinnert sie sich. Den mit Zeichnungen von Tannenzweigen, Kerzen und roten Herzen verzierten Wunschzettel hat sie aufgehoben. Auf Platz eins ihrer Liste hatte sie Soldatenfiguren gesetzt - so wie viele andere Kinder damals auch.

"Wunschzettel sind immer ein Spiegel ihrer Zeit."

Kunst- und Kulturhistoriker Torkild Hinrichsen.

Kreuze in Spielzeugkatalogen

Ein "Hendy", was auch sonst, steht auf dem Wunschzettel vieler Kinder.

"Die letzte Phase ist dann das, was wir heute sehen: Wo man in einem Spielwarenkatalog ankreuzen kann", erzählt Kulturhistoriker Torkild Hinrichsen. Mit solchen "Wunschzetteln" werden die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer in Deutschlands ältestem Weihnachtspostamt im niedersächsischen Himmelpforten tatsächlich häufig konfrontiert. "Manchmal bekommen wir ganze Kataloge, in denen die Wünsche einfach angekreuzt sind", berichtet Wolfgang Dipper, der Leiter des weihnachtlichen Postamts.

Kuscheltiere und Smartphones

Wolfgang Dipper erhält im Weihnachtspostamt Himmelpforten sogar Briefe aus China.

In Himmelpforten stapeln sich jährlich rund 50.000 Wunschzettel aus der ganzen Welt - die alle von Dipper und fast dreißig ehrenamtlichen Helfern beantwortet werden. Die meisten Briefe sind liebevoll bemalt. Viel Selbstgebasteltes, Glitzer und Gummibärchen für den Weihnachtsmann oder das Christkind sind dabei. Die Klassiker unter den Wünschen seien Kuscheltiere, hoch im Kurs stünden Spielekonsolen, MP3-Player und Smartphones, erzählt Wolfgang Dipper. In dieser Hinsicht wüssten schon Fünfjährige ganz genau, was sie wollten. Um Dinge, die nicht zu kaufen sind, gehe es selten.

Post für Weihnachtsmann und Christkind

Weltweit

Mehrere Millionen Briefe aus aller Welt werden jedes Jahr an den Weihnachtsmann geschickt. Viele der Briefe sind einfach an den "Weihnachtsmann, Nordpol" gerichtet. Was normalerweise wegen unbekannter oder fehlender Adresse als unzustellbar gilt, wird in diesen Fällen an Stellen weitergeleitet, die sich um Antworten kümmern.

In Deutschland

In Deutschland gibt es sieben offizielle Weihnachtspostämter. Hunderttausende Briefe, Karten und Wunschzettel aus dutzenden Ländern trudeln dort Jahr für Jahr ein. In Bayerns einzigem Weihnachtspostamt im unterfränkischen Himmelstadt gehen jährlich rund 80.000 Briefe ein. Ehrenamtliche Helfer machen es sich in den Postämtern zur Aufgabe, jeden Brief zu beantworten.

Ans Christkind

Unter dieser Anschrift wird es erreicht:

  • 21709 Himmelpforten
  • 51777 Engelskirchen
  • 97267 Himmelstadt

An den Weihnachtsmann

Unter dieser Anschrift wird er erreicht:

  • 16798 Himmelpfort
  • 31137 Himmelsthür

An den Nikolaus

Unter dieser Anschrift wird er erreicht:

  • 49681 Nikolausdorf
  • 66351 St. Nikolaus

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