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Literaturnobelpreis für Mo Yan Ohne Worte, sehr beredt

"Der Sprachlose" bedeutet der Künstlername Mo Yan, geboren wurde der Autor als Guan Moye. Dass das Schreiben trotz seiner Herkunft aus einfachen Verhältnissen und den Folgen der Kulturrevolution möglich ist, hat der Autor eindrucksvoll bewiesen. Nun wurde er mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.

Stand: 11.10.2012 | Archiv

Mo Yan | Bild: picture-alliance/dpa

Der Preis für Literatur gilt als einer der umstrittensten unter den Nobelpreisen. Und schon oft gab es große Überraschungen - doch in diesem Jahr wählte die Jury einen Erzähler, der durchaus auf der Liste der Favoriten vertreten war: Mo Yan, der 1955 als Sohn eines Bauern in der Provinz Shandong zur Welt kam. Er konnte nur fünf Jahre zur Schule gehen, musste auf dem Feld und in der Fabrik arbeiten. Mit 20 Jahren trat er der Volksbefreiungsarmee bei. Er nahm eine Stelle als Bibliothekar an und begann sein schriftstellerisches Werk. Der literarische Durchbruch gelang ihm 1987 mit dem Buch "Die rote Sorghumhirse", das bei uns unter dem Titel "Rotes Kornfeld" bekannt wurde. Verfilmt wurde es von Zhang Yimou.

Hang zum Handfesten

Mo Yan gilt als einer der bedeutendsten Autoren Chinas. Seine Werke schaffen den länderübergreifenden Spagat und sind sowohl in seiner Heimat als auch im Westen erfolgreich. Der Autor ist ein passionierter Geschichtenerzähler, der sich bis heute inspirieren lässt von den Traditionen und Mythen seines ostchinesischen Heimatdorfs Gaomi. In seinem Werk schreibt er von dem Schicksal einfacher Menschen und bedient sich der Sprache der dort lebenden Bauern. Kritiker bescheinigen ihm einen Hang zu blutrünstigen Szenen und eine Vorliebe für Show-Downs, etwa in "Die Sandelholzstrafe", das vor dem Hintergrund des Boxeraufstandes 1899 die grausamste aller Foltermethoden beschreibt, die dem Roman seinen Titel gegeben hat.

"Die Bücher von Mo Yan sind nichts für schwache Nerven."

Peter Jungblut, Bayern 2

Reaktionen aus China

Ai Weiwei

"Ich akzeptiere das politische Verhalten von Mo Yan in der Realität nicht. Er ist möglicherweise ein guter Schriftsteller. Aber er ist kein Intellektueller, der die heutige chinesische Zeit vertreten kann." Und per Twitter: "Ein Schriftsteller, der sich nicht der Realität stellt, ist ein Lügner."

Staatsagentur Xinhua

"Mit mehr chinesischen Schriftstellern wie Mo Yan kann die Welt mehr über das wahre China lernen."

Bürgerrechtler Yu Jie

"Ich denke, der Nobelpreis sollte an niemanden verliehen werden, der Mao Tsetung lobt, egal wie populär sein Werk ist."

Mo Yan selbst

"Ich denke, der Grund, warum ich den Preis gewonnen habe, ist, dass meine Arbeit verschiedene Leben mit einzigartigen Charakteristika vorstellt und auch Geschichten aus der Sicht einfacher Menschen erzählt, was Verschiedenheiten zwischen Nationen und Rassen überwindet."

Sechs Werke auf Deutsch erschienen

Literatur-Nobelpreise seit 1995

2011: Tomas Tranströmer
2010: Mario Vargas Llosa
2009: Herta Müller
2008: J.M.G. Le Clézio
2007: Doris Lessing
2006: Orhan Pamuk
2005: Harold Pinter
2004: Elfriede Jelinek
2003: J.M. Coetzee
2002: Imre Kertész
2001: V.S. Naipaul
2000: Gao Xingjian
1999: Günter Grass
1998: José Saramago
1997: Dario Fo
1996: Wislawa Szymborska
1995: Seamus Heaney

Mo Yan selbst wohnt seit über 20 Jahren in Peking und ist der erste chinesische Literaturnobelpreisträger, der in China lebt und arbeitet. In seiner Heimat hat Mo Yan nahezu jeden Literaturpreis für seine Erzählungen und Romane erhalten. Kritiker werfen Mo Yan vor, ein "Staatsschriftsteller" zu sein. Denn 2009 gehörte der Autor zur offiziellen chinesischen Delegation des umstrittenen Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse. Als die Delegation unter Anleitung des damaligen chinesischen Botschafters Mei Zhaorong aus Protest gegen die Teilnahme chinesischer Dissidenten an einem Symposium demonstrativ den Raum verließ, marschierte Mo Yan mit.

Murakami, Nadas und Trevor ausgestochen

In deutscher Übersetzung sind zuletzt die Romane "Die Sandelholzstrafe" und "Die Knoblauchrevolte" erschienen. Insgesamt können deutschsprachige Fans derzeit aus fünf Romanen und einer Erzählung wählen. Auf der Liste von Ladbrokes, dem größten Buchmacher der Welt, auf der man Jahr für Jahr auf die Nobelpreis-Favoriten wettet, galt Haruki Murakami als Favorit vor dem ungarischen Autor und Fotografen Peter Nadas und dem Iren William Trevor.

Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass der Schriftsteller "mit halluzinatorischem Realismus Volksmärchen, Geschichte und Zeitgenössisches" verbinde.

Biografisches

  • geboren am 17. Feburar 1955 als Guan Moye in Gaomi in der ostchinesischen Provinz Shandong als Kind von Bauern
  • Schulbildung bis zur fünften Klasse
  • 1976 tritt er in die Volksbefreiungsarmee ein und beginnt unter dem Künstlernamen "Mo Yan" ("sprich nicht") zu schreiben
  • 1981 Veröffentlichung der ersten Kurzgeschichte in einer Literaturzeitschrift
  • 1984 - 1986 Sinologiestudium an einer Militärakademie
  • 1987 Veröffentlichung von "Das rote Kornfeld" in China
  • 1988 Die Verfilmung von "Das rote Kornfeld" gewinnt bei der Berlinale den goldenen Bären
  • 1989 "Die Knoblauchrevolte" erscheint
  • 1992 Veröffentlichung von "Die Schnapsstadt"
  • 1996 "Große Brüste und breite Hüften" erscheint
  • 2004 "Die Sandelholzstrafe" erscheint
  • 2006 Veröffentlichung von "Der Überdruss"
  • 2009 Eröffnung eines Literaturmuseums zu seinen Ehren in seinem Heimatdorf
  • 2009 "Wa" (dt: "Frosch")
  • 2009 Mitglied der offiziellen Delegation Chinas als Gastland bei der Frankfurter Buchmesse

Hintergrund

Wie schafft es die 18-köpfige Jury, sich auf ein Werk zu einigen? Nobels Maßgabe, der Preis solle an ein "in idealer Weise herausragendes Werk" verliehen werden, ließ und lässt einigen Deutungsspielraum. Dennoch gilt der Literatur-Preis als der bedeutendste unter allen Nobelpreisen.

Deutschsprachige Literatur-Nobelpreisträger


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