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So funktioniert's Eine Bombe entschärfen

Er ist einer der gefährlichsten Jobs, den man nur machen kann: Kampfmittelentschärfer. In ganz Deutschland liegen noch tausende Blindgänger unter der Erde, die entschärft werden müssen. Doch wie geht das eigentlich genau?

Von: Yvonne Maier

Stand: 20.04.2018

Fliegerbombe | Bild: picture-alliance/dpa

Dort, wo im Zweiten Weltkrieg Bombardierungen stattfanden, können auch heute noch Blindgänger im Erdreich stecken. Das gilt vor allem für größere Städte und Flächen ehemals kriegswichtiger Einrichtungen. Im Jahr 2016 wurde der bayerische Kampfmittelbeseitigungsdienst mehr als 1.100 Mal gerufen: Rund 60 Tonnen Kampfmittel wurden entsorgt, darunter 192 alliierte Spreng- und Splitterbomben mussten unschädlich gemacht werden. Die mit der Beseitigung beauftragte Firma verfügt über zehn Spezialisten, die ihr Handwerk meist bei der Bundeswehr gelernt haben, und wertet dazu auch Kriegsluftbilder aus. Jährlich kostet das etwa 900.000 Euro.

Bombe entschärfen - Schritt eins: die Blindgänger finden

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Manche Blindgänger liegen nur knapp unter der Oberfläche - andere metertief darunter. Einige dieser Bomben werden zufällig gefunden - bei Bauarbeiten oder von Landwirten. Wer einen Blindgänger findet, muss das der Polizei melden, die verständigt dann das Sprengkommando und das rund um die Uhr, auch am Wochenende. Man kann aber auch gezielt nach Blindgängern suchen: im Straßenbau oder vor einem Hausbau. Dabei kommen Luftbilder der Alliierten zum Einsatz, die während des Krieges kurz nach den Bombenabwürfen gemacht wurden. Experten erkennen darauf, ob sich im Baugebiet von heute Blindgänger von damals befinden. Mit Metalldetektoren spüren die Kampfmittelräumdienste die Bomben dann vor Ort auf.

Bombe entschärfen - Schritt zwei: den Zündmechanismus entfernen

Vor Ort müssen die meisten Blindgänger auch entschärft werden - sie zu transportieren wäre oft zu gefährlich. Denn kein Panzerwagen der Welt könnte eine detonierende Fliegerbombe abschirmen. Mit Baggern und Schaufeln wird die Bombe im Boden freigelegt. Dabei müssen die Feuerwerker sehr vorsichtig sein - wenn Blindgänger bewegt werden, können sie plötzlich explodieren. Der nächste Schritt: Identifizieren des Zündmechanismus. Ein heikler Moment, denn wenn ein Zünder in der Bombe ist, ist sie auf jeden Fall scharf. Er muss unbedingt entfernt werden. 

Es gibt mechanische und chemische Zündmechanismen - gefährlich sind beide. Je älter eine Bombe ist, desto unberechenbarer wird sie. Denn das Verfallsdatum für den Sprengstoff ist 65 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs weit überschritten. Chemische Zwischenprodukte können sogar noch brisanter sein als der ursprüngliche Sprengstoff - und die Zünder bleiben funktionstüchtig. So kommt es in Deutschland im Schnitt einmal pro Jahr zu einer Selbstdetonation.

Auf den Zünder kommt's an

Säure- oder Langzeitzünder

Hier hält eine Scheibe aus Zelluloid oder Kunststoff den Schlagbolzen fest. Beim Aufprall auf der Erde zerbricht eine Glas-Ampulle voller Aceton. Dieses Lösungsmittel löst das Zelluloid auf und löst den Schlagbolzen aus - die Bombe explodiert.

Die Verzögerung liegt je nach Dicke des Zelluloids zwischen einer halben bis zu 144 Stunden nach dem Aufprall.

Diese Zündmechanismen haben häufig versagt, ihr Anteil an den Blindgängern ist besonders hoch. Kam die Bombe zum Beispiel verkehrt herum zur Ruhe, tropfte das Aceton nicht wie vorgesehen direkt auf das Zelluloid.

Äußerlich ist bei Blindgängern daher nicht zu unterscheiden, ob die Zündvorrichtung versagt hat oder ob die Bombe bisher nur nicht ausgelöst hat.

Aufschlagszünder

Sie arbeiten rein mechanisch - meistens lösen Zündnadeln die Sprengladung beim Aufschlagen im Ziel oder während des Eindringens aus.

Das Entschärfen dieser Blindgänger ist weniger gefährlich als bei chemischen Zündmechanismen.

Doch je länger diese Blindgänger im Boden liegen, desto unberechenbarer werden auch sie, zum Beispiel wenn die Zündnadel verrostet ist.

Der gefährlichste Moment für die Feuerwerker ist das Herausdrehen der Zünder. Bei chemischen Zündern ist oft sogar eine Ausbausperre vorhanden. Sie löst den Zünder sofort aus, wenn er herausgedreht wird. Darum müssen diese Bomben auf eine besondere Weise entschärft werden. Mit einem Wasser-Granulat-Schneidegerät wird die Hülle zwischen Schlagbolzen und Sprengstoff getrennt und die Bombe so unschädlich gemacht.

Aufbau eines chemischen Zünders

Bombe entschärfen - Schritt drei: den Sprengstoff zerstören

Manchmal werden Bomben und Munition vor Ort gesprengt.

Haben die Feuerwerker die Zünder erst einmal aus den Blindgängern ausgebaut, muss nur noch der Sprengstoff vernichtet werden. Zu Tausenden lagern auf dem Gelände des Sprengkommandos im Münchner Norden entschärfte Bomben, Granaten und Patronen. In frostfreien Zeiten, wenn viel gebaut wird, werden hier monatlich zwei Tonnen Munition angeliefert. Pro Monat können die Feuerwerker aber nur eine Tonne vernichten. Der Rest muss bis zum Winter warten, bis die Männer vom Sprengkommando wieder Zeit haben. Die Granaten und Patronen landen in einem berstsicheren Ofen, mit lautem Knallen verbrennt der Sprengstoff.

Kampfmittelräumung - wer zahlt's?

  • Die Suche per Metalldetektor oder Luftaufnahmen muss jeder selbst zahlen.
  • Die Entschärfung der Blindgänger durch das Sprengkommando bezahlt der Freistaat Bayern.
  • Die Beseitigung der alliierten Sprengstoffe zahlt der Freistaat Bayern, die des Deutschen Reiches zahlt der Bund als Rechtsnachfolger des "Dritten Reichs".
  • Insgesamt stellt Bayern jedes Jahr eine Million Euro für Bergung und Vernichtung alliierter Munition zur Verfügung, die Verantwortung hat das Innenministerium.
  • "Die Bombe nebenan - Alte Kampfmittel immer gefährlicher": am 18.07.2018 um 13:45 Uhr, ARD-alpha
  • "Kriegsaltlasten - Tödliches Erbe im Untergrund?": am 29. August 2015 um 10.30 Uhr in "X-enius", BR Fernsehen
  • "Vorsicht Explosionsgefahr": am 11. September 2014 um 16 Uhr in "W wie Wissen", ARD alpha
  • "Explosive Altlasten - Tödliches Erbe im Untergrund ": am 15. April 2014 um 22 Uhr in "Faszination Wissen", BR Fernsehen

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Barbara, Samstag, 25.März, 19:44 Uhr

6. Siebzig Jahre nach dem 2. Weltkrieg und immer noch werden Bomben gefunden.

Nimmt das denn kein Ende? Der 2. Weltkrieg hat ca. 50 Millionen Menschen das Leben gekostet!

Ravera Giovanni, Montag, 26.Dezember, 13:07 Uhr

5. Blindgänger entschärfen

Ich fühle weit mehr, als nur Bewunderung, wie mutig und professionell ein Mensch sein kann und muss, um ein solches infernales Ding zu entschärfen. Als Soldat in den 60er Jahren, habe ich zwar nur mit Blendhandgranaten zu tun gehabt, ein Krümel in Vergleich mit einer Fliegerbombe, obwohl diese Dosengrossen Handgranaten in der unmittelbare Umgebung ebenfalls tödlich sind! Ich kriege Gänsehaut, bei dem Gedanken, was durch den Kopf geht,dem mutigen Entschärfer, sobald die Herausforderung beginnt.....ein Himmelsfahrt Kommando? Sicherlich, wenn das Ding detoniert, ist man in Himmel noch bevor die Detonation verhallt ist, also, kann man sagen , ohne Schmerzen ! Was bewegt ein Mann zu einen solchen Beruf? Ich glaube, es ist die Faszination mit den Tod zu spielen und zu siegen! Ich hatte beim Pilze suchen (in Polen) eine 88 Granate gefunden, die drei Zündstiften waren zerdrückt, aber das Geschoß war intakt. Ich nahm es in die Hand und wollte mit nach Hause nehmen, ich ließ es sein!!!!!

Andrea, Freitag, 21.August, 20:37 Uhr

4. So einfach ist dass wohl doch eher nicht mit der Entschärfung

Wow... auf den ersten Blick klingt dass ja alles recht einfach. Aber ich denke: so einfach dürfte dass nicht sein, vor allem dann wenn der Zünder rostig ist und sich festgerostet hat. Ob dann ein Rostlöser noch was bringt?? Außerdem haben wir ja in Schwabing gesehen, was bei einer Entschärfung so alles schief gehen kann und die Folgen nach der Sprengung.

Von daher meine ich auch, dass die Kampfmittelräumer eigentlich viel mehr Dankbarkeit bekommen müssten.

Aber in Sachen mit dem Punkt Bezahlung aus dem Artikel:

"Die Beseitigung der alliierten Sprengstoffe zahlt der Freistaat Bayern, die des Deutschen Reiches zahlt der Bund als Rechtsnachfolger des "Dritten Reichs"."

frage ich mal: sind wir eigentlich seit der Wiedervereinigung überhaupt noch Rechtsnachfolgerin des "Dritten Reiches"?? Denn für mich war das Dritte Reich eigentlich die Zeit zwischen 1933 und 1945. Das heißt: die damalige BRD war eigentlich die Rechtsnachfolgerin zusammen mit der DDR.

  • Antwort von Andreas, Dienstag, 06.Oktober, 15:17 Uhr

    Nachdem jetzt Bundesrepublik Deutschland und Deutsce Demokratische Republik wiedervereinigt sind (eigentlich war die DDR doch beigetreten), sind wir doch sicher erst recht Rechtsnachfolger des Dritten Reiches.

Jochen Menzel, Sonntag, 15.Dezember, 19:04 Uhr

3. Bombenentschärfung

Als in Braunschweig vor 2 Jahren die Fahrbahn der Göttingstrasse erneuert wurde ,fragte ich einen Mann der Kampfmittelbeseitigung ob sie fündig geworden sind! "Ja es wurden 19 scharfe Brandbomben gefunden"! Diese Männer müssten viel mehr Dankbarkeit bekommen,denn sie müssen immer ihr Leben aufs Spiel setzen.Es ist ausserdem der einzige Beruf bei dem nicht gesagt werden kann,dass man aus Fehlern lernen kann.Ich ziehe den Hut vor diesen Männern. J:M:

Rasen-Sprenger, Mittwoch, 11.Dezember, 11:16 Uhr

2.

Danke für die Anleitung, klingt eingentlich ganz einfach! ;-)
Hab mal einen interessanten Bericht gelesen, die Blindgänger sind ein echtes Problem, insbeseondere in unsren Großstädten und auch drum herum, hisichtlich Planung von Neubaugebieten oder Straßenneubauten.