Report München


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Der NSU-Polizistenmord in Heilbronn Neue Fakten, neue Fragen

2007 sollen die beiden Naziterroristen Mundlos und Böhnhardt am hellichten Tag die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen haben. Jetzt tauchen neue Fragen zu diesem Verbrechen auf. Mitglieder des NSU-Untersuchungsausschusses im Deutschen Bundestag verlangen in report MÜNCHEN lückenlose Aufklärung.

Von: Ahmet Senyurt, Birgit Kappel, Pia Dangelmayer

Stand: 10.07.2012 | Archiv

Michèle Kiesewetter | Bild: picture-alliance/dpa

Ein Grab – eine Tragödie. Michèle Kiesewetter – der Mord an der jungen Polizistin ist bis heute ungeklärt. Sie starb am 25. April 2007 in Heilbronn.

Hinterrücks erschossen, im Dienst – während sie mit einem Kollegen Mittagspause machte. Er überlebte schwer verletzt, kann sich bis heute an die Tat nur bruchstückhaft erinnern.

Die Soko Parkplatz ging 4600 Spuren nach, verfolgte über 1000 Hinweise. Viereinhalb Jahre lang – ohne Erfolg.

Im November 2011, der Polizistenmord von Heilbronn plötzlich gelöst. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos vom NSU-Terrortrio sollen die junge Polizistin getötet haben.

Doch war es wirklich so? Waren sie tatsächlich die alleinigen Täter?

Heilbronn Festplatz Theresienwiese. Der Tatort heute. Das Polizeiauto, in dem Michèle Kiesewetter erschossen wurde, stand an dieser Stelle. Eine Gedenktafel erinnert an den Mord. Wir recherchieren vor Ort, treffen Zeugen, sprechen mit Ermittlern: neue Fragen tauchen auf.

In Berlin treffen wir dazu zwei führende Mitglieder des Untersuchungsausschusses, Wolfgang Wieland, Sprecher der Grünenfraktion für Innere Sicherheit, und Clemens Binninger. Der CDU-Mann ist Polizist, war 20 Jahre im aktiven Dienst. Kiesewetter war in seinem Wahlkreis stationiert.

Clemens Binninger, CDU, NSU–Untersuchungsausschuss des Bundestages: „Heilbronn ist in vieler Weise unerklärlich, es passt nicht in die Serie der anderen neun Morde, an den ausländischen Mitbürgern, es wurden andere Tatwaffen eingesetzt, natürlich auch um den Zusammenhang erst gar nicht erkennen zu lassen. Heilbronn hat nach wie vor viele offene Fragen.“

Die Fakten:

In dem Wohnmobil, in dem Böhnhardt und Mundlos tot aufgefunden wurden, werden die Dienstwaffen von Kiesewetter und ihrem Kollegen gefunden. In der ausgebrannten Wohnung in Zwickau, in der das Terrortrio gewohnt hat, finden Polizisten die Handschellen von Michèle Kiesewetter. 

Zudem ist im NSU Bekennervideo der Polizistenmord explizit erwähnt. Abgebildet sind Nachrichtenbilder vom Tatort und der Trauerfeier für Michèle Kiesewetter. Wie eine Trophäe wird die Dienstwaffe ihres Kollegen präsentiert.

Und Nahe Heilbronn wird knapp 40 Minuten nach dem Mord bei einer Ringfahndung ein Wohnmobil registriert, nach Erkenntnissen der Ermittler angemietet von Uwe Böhnhardt.

Für die Staatsanwaltschaft Heilbronn ist der Fall deshalb klar: Böhnhardt und Mundlos sind die Täter.

Wolfgang Wieland, Bündnis 90/Die Grünen, NSU-Untersuchungs-ausschuss des Bundestages: „Das ist völlig klar: Wir geben uns mit dem Abschlussbericht der Staatsanwaltschaft nicht zufrieden, wir haben auch den Anspruch, dass wir das ansonsten nicht tun.“

Denn: Noch immer gibt es im Mordfall Kiesewetter viele Ungereimtheiten.

Jamil Chehade ist am 25. April 2007 wie jeden Tag auf dem Rückweg von seinem Postfach, kurz nach 14 Uhr kommt er am Tatort vorbei.

Jamil Chehade, Zeuge: „Ich habe das Auto von allen Seiten gesehen, ich habe die zwei Polizisten gesehen, die auf dem Boden lagen und die Pistolen waren weg.“

report MÜNCHEN: „Das haben Sie schon gesehen?“

Jamil Chehade, Zeuge: „Ja, die Frau hatte die Hand auf ihrer Waffe, aber die Waffe war nicht da.“  

Die Täter, so die Spurensicherung, beugen sich über die Opfer und entwenden gewaltsam u. a. Dienstwaffen und Handschellen. Dabei müssen sie mit dem Blut der Polizisten in Kontakt gekommen sein.

Es gibt mehrere hoch interessante Zeugenaussagen, die diese Erkenntnisse der Spurensicherung bestätigen und weiterführen.

Eine Zeugin muss bei Rot halten, sagt aus, sie habe an der Straße zur Theresienwiese einen Mann mit blutverschmiertem Arm über die Kreuzung laufen sehen.

Ein weiterer Zeuge gibt an, drei Verdächtige unterhalb der Theresienwiese gesehen zu haben, zwei Männer und eine Frau mit weißem Kopftuch. Er habe deutlich gesehen, dass einer der Männer Blut an den Händen hatte und sich die Hände im Neckar reinigte.

Einem anderen Zeugen fällt an anderer Stelle ein wartender PKW auf. Er habe einen Mann angerannt kommen sehen, der ins Fahrzeug gehechtet sei. Auffällig an dem Mann: Sein rechter Arm sei voller Blutflecken gewesen.

Aufgrund dieser und weiterer Aussagen kommt das Landeskriminalamt 2009 in einem Bericht zu der Hypothese, an der Tat hätten insgesamt sechs Personen beteiligt gewesen sein können.

Wolfang Wieland, Bündnis 90/ Die Grünen, NSU- Untersuchungs-ausschuss des Bundestages: „Uns ist das auch aufgefallen, dass also am Tatort Heilbronn sehr unterschiedliche Zeugenaussagen sind, dass viele sich auf einen Mann mit blutigen Händen kaprizieren, der in ein Auto gestiegen sein soll. Eine Spur, der man nicht weiter nachgegangen ist, das ist auffällig.“

Die Polizei lässt mehrere Phantombilder anfertigen, teilweise werden diese nie veröffentlicht – auffällig: keine der Zeichnungen gleicht den NSU-Terroristen Böhnhardt und Mundlos. Die ermittelnden Behörden halten die Zeugenaussagen heute teilweise für nicht glaubwürdig, die Phantomzeichnungen für unbrauchbar.

Clemens Binninger, CDU, NSU–Untersuchungsausschuss des Bundestages: „Natürlich muss man an die Glaubwürdigkeit von Zeugen immer hohe Anforderungen stellen und wenn die Wahrnehmungen nicht passen, muss man sie auch relativieren. Das, was wir aber bisher aus den Akten kennen und auch den Bewertungen der Polizei, galten diese Zeugen durchaus als glaubwürdig.“

Der Tod der Polizistin. Ein Rätsel.

Vor allem auch eine bislang unbekannte Aussage aus ihrem persönlichen Umfeld. Der Patenonkel von Michèle Kiesewetter, ebenfalls Polizist, gibt bei einer Befragung, acht Tage nach dem Mord an seiner Nichte, zu Protokoll: Seiner Meinung nach bestehe ein Zusammenhang zu den bundesweiten „Türkenmorden“.

Unglaublich! Bereits im Mai 2007. Wie kam er darauf?

Wir wollen mit dem Patenonkel von Michèle Kiesewetter darüber sprechen, doch er möchte sich zu seiner damaligen Aussage nicht äußern.

Wolfang Wieland, Bündnis 90/Die Grünen, NSU-Untersuchungs-ausschuss des Bundestages: „Wenn jemand wirklich eine Verbindung von den sogenannten Dönermorden zu Heilbronn hergestellt hat und sei es in Frageform, dann ist das interessant, weil er irgendetwas wissen muss, denn kein Zeitungsleser kam im Grunde auf die Idee, dass da ein Zusammenhang besteht, weil bei Heilbronn das fremdenfeindliche Motiv fehlte.“

Nach der Sommerpause wird Heilbronn im Untersuchungsausschuss des Bundestages das große Thema sein. Deshalb hat der Ausschuss weitere Akten aus Baden-Württemberg angefordert. Merkwürdig: Ein Teil der Akten wurde dem Ausschuss in einer ersten Anfrage verwehrt. Begründung: Sie seien nicht tatrelevant.

Clemens Binninger, CDU, NSU–Untersuchungsausschuss des Bundestages: „Wir brauchen alles. Also eine Argumentation, manche Akten sind nicht relevant für den Untersuchungsausschuss, zu diesem Urteil können nur wir selber kommen, ob etwas relevant ist für uns oder ob es nicht relevant ist. Und deshalb haben wir noch mal ergänzend beschlossen, dass man uns alle Akten übermittelt, ich gehe sehr davon aus, dass das Innenministerium von Baden-Württemberg sich nicht anders verhält als andere anderen Ministerien bisher auch. Und dass wir all die Akten bekommen, die wir für unsere Arbeit brauchen.“

Der mysteriöse Mord an Michèle Kiesewetter. Wird der gewaltsame Tod der jungen Polizistin jemals aufgeklärt?

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