Report München


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Smart und Social Wie Unternehmen aus der Not der Flüchtlinge Kapital schlagen

Die meisten Flüchtlinge haben ein Smartphone dabei, es ist ihr wichtigstes Werkzeug, um ihre Flucht nach Europa zu organisieren. Das wissen auch Schlepper, Mobilfunkanbieter und Banken - und wollen am Flüchtlingsstrom mitverdienen. Report München über die Rolle von sozialen Medien und mobilem Internet auf der Flucht - und das Profitstreben der Geschäftemacher.

Von: Hendrik Loven, Karl Hoffmann

Stand: 01.09.2015 | Archiv

Das Wichtigste: Strom. Strom für die Smartphones. Was nach Zeitvertreib aussieht, ist für sie Überleben. Denn hier organisieren sie ihre Flucht - online. Das Handy ist das wichtigste Werkzeug. Mobiles Internet für Flüchtlinge auch in Europa – dieses Geschäftsmodell hat Lycamobile entdeckt. Am Mailander Hauptbahnhof erwarten die Stände von Lycamobile die Flüchtlinge noch vor den Helfern der Caritas.

Lycamobile Mitarbeiter (Overvoice): „Die SIM-Karte ist umsonst und wenn man sie auflädt, kann man in der ganzen Welt telefonieren.“

Omar, seine Frau und ihr Baby sind gerade in Mailand angekommen. Geflohen vor dem Krieg in Syrien, das Baby ist auf der Flucht geboren. Erschöpft von den Reisestrapazen, führen ihre ersten Schritte auch zu einem der Handyläden, um sich die Lycamobile-SIM einlegen zu lassen. Der Telefonanbieter verkauft günstige internationale Internet- und Telefon-Pakete, auch für die Zielländer vieler Flüchtlinge wie Schweden und Deutschland. Das Angebot von Lycamobile ist für Migranten geradezu maßgeschneidert, oft die einzige erschwingliche Möglichkeit. Profitiert Lycamobile also vom Flüchtlingsdrama? Allein in Italien verzeichnete der Anbieter fast 15 Prozent Zuwachs, macht mehr als 1 Milliarde Euro Jahresumsatz. Auf Anfragen reagiert das Unternehmen nicht.

Flüchtlinge brauchen dringend mobiles Internet. In einem Berliner Kulturzentrum zeigt uns der syrische Flüchtling Houssam, warum das so wichtig ist. Früher hat er sich um Irak-Flüchtlinge in Syrien gekümmert, heute ist er selber Asylsuchender, geflohen vor Folter und Verfolgung. Er zeigt uns, wie Syrien-Flüchtlinge suchen - bei Facebook.

Houssam (Overvoice): „Hier haben wir „Zuverlässiges Schleppen zu günstigen Preisen.“

Günstig, manche verlangen 9000, 8000 und 7000 Euro. Mit illusorischen Versprechungen. Das nennt sich hier “Reisedienste für Syrer von der Türkei in die ganze Welt“ per Flugzeug und über Land, Bezahlung bei Ankunft. Wir liefern original Schengen-Visa, ausgestellt von der Botschaft.“

Natürlich, sehr viele nutzen die Situation jetzt aus und bringen die Leute um ihr Geld, alles organisiert unter anderem auf Facebook. Sie können dort kommunizieren, weil es weniger Kontrolle gibt. Immer wieder Facebook. Facebook scheint ein Schlüsselwort für Flüchtlinge zu sein. Frank Laczko von der Internationalen Organisation für Migration spricht von ungeahnten Dimensionen.

Frank Laczko, Direktor Zentrum für Migrationsdaten, Internationale Organisation für Migration: „Es gibt tausende Facebook-Seiten, auf denen Schlepper für ihre Dienste werben. Es sind sehr umfassende Informationen, die sogar in verschiedenen Sprachen angeboten werden. Es ist absolut kein nebensächliches, zu unterschätzendes Phänomen.“

Wir fragen bei Facebook nach. Antwort:

„Inhalte zu teilen, die Schlepper bei der Organisation und Koordination unterstützen, verstoßen gegen die Gemeinschaftsstandards von Facebook und werden umgehend gelöscht, wenn uns diese gemeldet werden.“

Facebook schiebt die Verantwortung auf die Nutzer. Nacktbilder dagegen werden auf Facebook innerhalb von Minuten gelöscht. Houssam zeigt uns, dass sogar gefälschte Dokumente für Flüchtlinge angeboten werden. Zum Beispiel Pässe, auch Heiratsurkunden auf Deutsch oder Fahrzeugpapiere.

Das Geschäft mit der Flucht. Damit die Flüchtlinge solche gefälschten Papiere, aber auch Schlepper oder Fahrkarten bezahlen können, schicken sie sich online gegenseitig Geld, zum Beispiel per Western Union. Der amerikanische Finanzdienstleister sorgt dafür, dass auch Flüchtlinge flüssig bleiben. Wie hier in Mailand. Das bestätigen Mitarbeiter, die unerkannt bleiben wollen.

Mitarbeiter (verdeckt): „Das Geschäft nimmt zu: Wir haben viele Migranten, die von ihren Familienangehörigen in Europa Geld geschickt bekommen für die Weiterreise. Oder, wenn sie sich bei uns um Asyl bewerben.“

Die Geldversendung funktioniert auch online, doch billig ist sie nicht. Für  eine Überweisung aus der Türkei von bis zu 100 Dollar verlangt Western Union satte 15 Dollar, das sind 15 % Gebühren. Das Unternehmen will sich nicht äußern. Experten fordern, dass die Gebühren fairer werden.

Frank Laczko, Direktor Zentrum für Migrationsdaten, Internationale Organisation für Migration: Wir haben eine Initiative gestartet und versuchen mit den Geldtransfer-Unternehmen enger zusammen zu arbeiten. Unser Anliegen ist es, dass die Migranten ehrlichere Informationen bekommen über die Kosten des Geldtransfers.“

Das Geschäft mit der Flucht in sozialen Medien, mit neuen Technologien: Solange es keine geregelten Wege nach Europa gibt, wird sich daran kaum etwas ändern.

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