Report München


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Verunsicherte Eigentümer Das fragwürdige Verhalten einer Hausverwaltung

Immer wieder fallen bei Eigentumswohnanlagen Reparaturen an. Dann muss schnell Geld zur Verfügung stehen. Was aber passiert, wenn die Hausverwaltung das Geld investiert hat? report München folgte der Spur des Geldes.

Author: Kirsten Girschik, Claudia Gürkow, Volker Siefert, Gabriele Knetsch

Published at: 27-11-2023

Günter Hormann aus Hannover hat große Sorgen. In seiner Eigentumswohnanlage gibt es viele Probleme.  

"Da könnt ihr schon sehen: da tropft es sogar. Auch jetzt tropft es. Es regnet draußen und ist nass. Der ganze Bereich. […] Baujahr 1970. Wir haben ja auch schon vom TÜV die gelbe Karte bekommen. Und wir müssen neue Fahrstühle haben, ob wir wollen oder nicht. […] Hier stehen wir auf einem Dach, das sanierungsbedürftig ist."

Günter Hormann, Wohnungsbesitzer

Als wir das Interview führen, fehlt auf dem Konto aber Geld, das die Eigentümer zurückgelegt hatten. Jahrelang hatten sie gespart - für die Sanierung von Tiefgarage, Fahrstühlen, Dächern. 180.000 Euro buchte der ehemalige Hausverwalter - die Consigma München GmbH - Ende 2021 ab und legte das Geld an.

Günter Hormann ist einer der drei gewählten Beiräte der Wohnungseigentümergemeinschaft. Auf einem Kontoauszug entdeckten die Beiräte: Der ehemalige Hausverwalter hatte das Geld in eine Anleihe der DR Deutsche Rücklagen GmbH investiert. Nur ein Einzelfall? Das wollen wir herausfinden. Monatelang recherchieren wir gemeinsam mit einem Kollegen des Hessischen Rundfunks.

Seit Jahren kauft die Consigma Holding AG für die Consigma-Gruppe in Deutschland Hausverwaltungen auf. So stellt sie es selbst dar. Und: Wir finden weitere Fälle, wo Hausverwalter der Consigma-Gruppe ein fragwürdiges Finanzgebaren an den Tag legen. 

Gelder aus Rücklagen plötzlich abgebucht

In der Regel darf ein Hausverwalter das gesparte Geld der Eigentümergemeinschaft nur mündelsicher anlegen; nicht mündelsichere Anlagen sind nur mit Zustimmung der Eigentümer zulässig. Schnell verfügbar muss das Ersparte auch sein - so fordern es die Gerichte.

Allein im Großraum München hat die Consigma-Gruppe zeitweise viele Tausend Wohnungen verwaltet. Auch die Eigentümer dieser Wohnanlage haben ihre Erfahrungen mit der Consigma München GmbH gemacht. 200.000 Euro aus den Rücklagen waren plötzlich abgebucht.

"Zunächst war völlig unklar, ob dieses Geld dort überhaupt noch ist, denn auch da lief die Information sehr, sehr schleppend. Wir haben keine oder nur ungenügende Auskunft darüber bekommen und mussten da also wirklich Druck machen, um Informationen zu bekommen und auch um herauszufinden, ob dieses Geld noch da war."

Oliver Stöckel, Wohnungseigentümer (Beirat)

Erst nach massiven Beschwerden wurde das Geld zurücküberwiesen. Zudem buchte die Hausverwaltung Sonderhonorare ab. 

Burkhard Rüscher hat rund 30 Wohnungseigentümergemeinschaften gegen die Consigma München GmbH vertreten, bei denen ebenfalls ungerechtfertigte Sonderhonorare abgebucht wurden. Er spricht von Summen bis zu 15.000 Euro.

"Ich kenne es bei Verwaltern nicht und ich arbeite viel mit Wohnungseigentums-Verwaltern zusammen, dass ja schon fast in dieser Art Dreistigkeit, hier Gelder abgebucht werden aufs eigene Konto, ohne dass hierfür auch nur im Ansatz eine Rechtsgrundlage ersichtlich ist. Und dass in diesem großen Stil und einheitlich an einem Tag hier massenhaft Abbuchungen erfolgen. Das kenne ich nicht, das hab ich noch nie erlebt bei Verwaltern. Das ist bisher einmalig."

Burkhard Rüscher, Fachanwalt für Immobilienrecht

Insgesamt liegen uns allein aus Bayern 16 rechtskräftige Urteile von Amts- und Landgerichten vor. Darin werden Consigma-Hausverwaltungen durchweg zu Rückzahlungen verurteilt. Ein Consigma-Manager schreibt uns: "Die Abbuchungen waren aus Sicht unserer Mitarbeitenden in der Buchhaltung vertragskonform. (…) Diese Fälle sind bereits geklärt."

Firmennetzwerk im Hintergrund?

Und was geschah mit den Rücklagen der Wohnanlage in Hannover? Wir stoßen auf ein Unternehmensnetzwerk. Hier nur ein Ausschnitt: Zur Consigma Holding AG gehören zahlreiche Hausverwaltungen der Consigma Gruppe. Auch im Fall der Wohnungseigentümer aus Hannover landete Geld in Anleihen bei der DR Deutsche Rücklagen GmbH. Die Deutsche Rücklagen investiert laut Eigendarstellung in Bauprojekte und Immobilien. Auffällig: In dem Netzwerk stoßen wir immer wieder auf dieselben Personen.

Die Homepage der Deutsche Rücklagen benennt die Consigma Holding AG als Teil ihres Netzwerks. Wir suchen in Transparenzregistern, Handelsregistern und finden Hinweise: Die personellen Verflechtungen scheinen eng zu sein. Ein zentraler Akteur der Consigma taucht auch ganz offen auf der Homepage der Deutsche Rücklagen auf.

Mehr als 30 Millionen Euro sind nach eigenen Angaben in Anleihen der Deutsche Rücklagen GmbH investiert worden. In mehreren, uns bekannten Fällen soll dies ohne die Zustimmung der Wohnungseigentümer geschehen sein. Ist das möglich?

Und: Wo ist das Geld? Doch wir finden zunächst nur einen Briefkasten. Darauf: Namenschilder von Consigma-Firmen und auch der Firma (DR) Deutsche Rücklagen.

Wir gehen rauf bis in den fünften Stock. Laut der Nachbarn ist die Firma vor ungefähr zwei Monaten ausgezogen. Wir suchen also eine Firma mit 30 Millionen Euro, die laut Handelsregister hier sitzt, und die ist nicht da.Der Sache werden wir weiter nachgehen. Daniel Bauer vertritt die Interessen von Kapitalanlegern: Wir zeigen ihm das Unternehmensnetzwerk der Consigma-Gruppe und der Deutsche Rücklagen.

"Das sieht für mich nach einem System aus, um Gelder von den Wohnungseigentümern abzugreifen. Gelder, die man sonst von Dritten anscheinend nicht bekommen hat für seine Projekte."

Daniel Bauer, Vorstandsvorsitzender Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger

"Aus meiner Sicht müsste sich die Staatsanwaltschaft das mal anschauen."

Daniel Bauer, Vorstandsvorsitzender Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger

Was geschah mit dem Geld?

Ermittlungen dazu gab es allerdings nach unseren Informationen bisher nicht. Grundsätzlich gilt: Investitionen in der Immobilienwirtschaft sind immer risikobehaftet. 

Aber was geschah mit dem Geld der Eigentümergemeinschaft aus Hannover?  Im Handelsregister taucht Mitte November eine neue Adresse auf - in Tauberbischofsheim. Auch hier finden wir nur einen Briefkasten, kein Klingelschild, keine Mitarbeiter. Kurz darauf erfahren wir: die Deutsche Rücklagen ist hier als Untermieter einer anderen Firma eingezogen.

Dem Geschäftsführer haben wir Fragen per E-Mail geschickt. Er weist alle Vorwürfe zurück: "Die DR Deutsche Rücklagen GmbH bietet Hausverwaltungen die Möglichkeit, für ihre WEG-Kunden Rücklagengelder gesetzeskonform anzulegen. Ursprünglich war das als exklusives Angebot für ConSigma Kunden gedacht. Mittlerweile wird es auch von anderen Hausverwaltungen genutzt."

Auch der Consigma-Gruppe schicken wir Fragen. Die Verantwortlichen bestreiten alle unsere Vorwürfe und verneinen, dass Eigentümergemeinschaften ohne ihr Wissen unfreiwillig Anleihen der Deutsche Rücklagen gezeichnet haben: "Es gibt keine unfreiwilligen Anleger. Alle Anlagen wurden gesetzeskonform getätigt."

Die Wohnungseigentümer in Hannover bangen derweil um ihr Geld. Ihr neuer Hausverwalter hat die 180.000 Euro im Oktober von der Deutsche Rücklagen zurückgefordert. Doch erst mal ohne Erfolg.

"Jetzt ist nur noch die Frage, ob das Geld in voller Höhe uns erhalten bleibt, oder es wird - wenn es jetzt wirklich gekündigt wird und plötzlich heißt es, es sind nicht mehr 180.000, sondern vielleicht noch 80.000, man weiß es nicht."

Günter Hormann, Wohnungseigentümer

Auf unsere Frage, wie schnell die Wohnungseigentümer im konkreten Fall ihr Geld zurückbekommen können, antworten die Verantwortlichen der Consigma-Gruppe und der Deutsche Rücklagen nicht.

Doch dann landen die 180.000 Euro kurz nach unserer Nachfrage wieder auf dem Konto von Günter Hormanns Eigentümergemeinschaft. Und wir fragen uns: Wie oft wurden Ersparnisse von Wohnungseigentümern auf diese Weise angelegt?

Transparenzhinweis

Nach Redaktionsschluss taucht eine E-Mail aus dem Dezember 2021 auf. Darin kündigte die Consigma München GmbH den Beiräten der WEG Heidering an, 180.000 Euro in Anleihen der DR Deutsche Rücklagen GmbH zu investieren. Dass das Geld tatsächlich dort angelegt wurde, erfuhren die Beiräte nach eigenen Angaben erst bei einer Belegprüfung beim aktuellen Hausverwalter 2022. Wann die Gelder flossen und in welche Anlageform investiert wurde, wurde ihnen erst durch Reporter von BR und hr bekannt, sagen sie. Experten halten diese Transaktion auch mit Ankündigung für nicht zulässig, sie verstoße gegen den Verwaltervertrag der WEG Heidering. Vor Redaktionsschluss stellten BR und hr konkrete Nachfragen zur WEG Heidering in Hannover und zur Transaktion, weder die Consigma-Gruppe noch die Deutsche Rücklagen haben darauf geantwortet. - Inzwischen haben sich bei BR und hr etliche Wohnungseigentümergemeinschaften gemeldet, die angeben, dass Consigma-Hausverwaltungen auch Gelder ihrer WEG in Anleihen der Deutsche Rücklagen investierten. Es gibt Hinweise auf Unstimmigkeiten, denen wir nachgehen. Wir recherchieren weiter.

Manuskript des report-Films zum Druck

Manuskript als PDF:


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