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Riesentintenfisch Der Kosmopolit der Weltmeere

Lautlos schwimmt das Monster heran, umkrallt das Schiff und zieht es in die Tiefe. Das Bild vom grausamen Riesentintenfisch geistert seit Jahrhunderten durch die Welt. Wie viel Wahres steckt darin?

Stand: 12.10.2016

Riesenkalmar | Bild: picture-alliance/dpa

Um kaum ein anderes Tier ranken sich so viele Legenden wie um den Riesentintenfisch. Befeuert werden die Horrorgeschichten dadurch, dass es ihn wirklich gibt - und man doch nur sehr wenig über ihn weiß: Er lebt in Tiefen von bis zu 1.000 Metern, in völliger Dunkelheit. Jahrhundertelang galt die Existenz des Giganten als Seemannsgarn - bis 1854 die ersten Überreste eines Riesenkalmars an die dänische Küste gespült wurden.

Riesenkalmare vor der Kamera

Verletzter Riesenkalmar im Oktober 2016 in Spanien

Im Oktober 2016 wurde ein 105 Kilogramm schwerer Riesenkalmar im Nordwesten Spaniens, am Strand von La Coruña, fotografiert. Das Tier war allerdings schwer verletzt, vermutlich ist es beim Kampf mit einem anderen Tier verwundet worden. Später ist der rote Riese seinen Verletzungen erlegen. Ein junger Riesenkalmar verirrte sich im Dezember 2015 in einen Hafen in der Nähe Tokios und wurde von mehreren Tauchern gefilmt:

Seit mit Schleppnetzen auch die Tiefsee durchkämmt wird, häufen sich die Funde. Überreste werden oft auch in Walmägen entdeckt. Dem japanischen Wissenschaftler Tsunemi Kubodera ist es bereits mehrmals gelungen, die Riesenkalmare in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten und sogar zu filmen.

Wissenswertes über Riesentintenfische

Architeuthis dux zieht als Kosmopolit durch die Weltmeere

Im Jahr 2004 ist es dem Japaner Tsunemi Kubodera erstmals gelungen, Riesenkalmare mit Unterwasserkameras zu fotografieren. Noch ist wenig über die Biologie und Verbreitung der Riesentintenfische bekannt. Inger Winkelmann von der Universität Kopenhagen und sein Team analysierten das Erbgut von 43 Riesenkalmaren aus unterschiedlichen Meeren. Das Erbgut unterschied sich von Tier zu Tier nur sehr wenig. Daraus schlossen die Forscher, dass es weltweit eine einzige Art von Riesenkalmaren gibt, die sich im Lauf von einigen Zehn- bis Hunderttausend Jahren stark vermehrt hat: Architeuthis dux. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Jungtiere mit der Meeresströmung um den Globus treiben. Erreichen sie eine bestimmte Größe, gelangen sie in die Tiefe der Meere, wo sie geschlechtsreif werden.

Silbrig glänzenden Riesen auf Bild und Film gebannt

Erstes Foto von einem Riesenkalmar (30.09.2004)	 | Bild: BR/Tobias Kubald zum Audio mit Informationen 30. September 2004 Erstes Foto von einem Riesenkalmar

Sollte es sie wirklich geben? Monster der Tiefsee? Am 30. September 2004 gelingt zwei Japanern das erste Foto eines Riesenkalmars. Die Begegnung war lebensgefährlich - allerdings nur für den Kalmar. Autorin: Carola Zinner. [mehr]

Zoologe Tsunemi Kubodera vom Nationalmuseum für Natur und Wissenschaft in Tokio hat sich dem Riesenkalmar verschrieben: Sein Büro ist voller Tintenfisch-Accessoires und einmal pro Jahr geht er mit seinem Team auf Expedition, um den Giganten aufzustöbern. Mit einem Mini-U-Boot können sie dem silbrig glänzenden Tintenfisch in hunderten Metern Tiefe folgen. Die ersten Aufnahmen waren Kubodera, der als einer der weltweit führenden Experten für Riesenkalmare gilt, bereits 2004 gelungen. Damals hatte der Meeresbiologe eine an einem Kabel befestigte Kamera in die Tiefe gelassen.

Die ersten Aufnahmen - und Beweise

Acht Meter lang war der Riesenkalmar, den Kubodera 2004 aufgenommen hat.

Kubodera konnte die größten wirbellosen Bewohner der Ozeane als erster Mensch überhaupt fotografieren und filmen: Mit Ködern, die er in die Tiefe hinablässt, versucht er, sie vor die Linse seiner speziellen Tiefseekamera zu locken. 2004 hatte er damit erstmals Erfolg: Er hielt fest, wie ein Riesenkalmar stundenlang den kleinen, ausgelegten Tintenfisch attackierte. Eine Sensation, denn bis dahin hatte man vermutet, dass sich Riesenkalmare in ihrem kalten Lebensraum energiesparend nur langsam bewegen, eher dahintreiben und ihre Tentakel wie Fallen auslegen. Seine Beobachtungen aber zeigten, dass sie schnelle, geschickte und durchaus aggressive Jäger sind.

"Wie viele Stückchen Sushi würde der ergeben?"

Tsunemi Kubodera ist Zoologe - und dem Riesenkalmar auf der Spur.

Angst vor dem Tier, das in der ewigen Finsternis vor Norwegen, Großbritannien, Neufundland, Australien, Neuseeland, Südafrika und eben Japan haust, hat Kubodera nicht: "Japaner kennen die Legenden über den Riesenkalmar nicht, weil sie in Kalmaren und Kraken in erster Linie Meeresfrüchte sehen, nicht Monster. Wenn sie am Strand einen angeschwemmten großen Tintenfisch finden, dann fällt ihnen dazu als erstes ein, wie viele Stückchen Sushi man daraus hätte machen können. So sehen die normalen Japaner auch den Riesenkalmar."

Riesiger Kalmar, riesige Glupscher

An dieser Stelle sitzen basketballgroße Augen.

Riesenkalmare besitzen die größten Augen der Welt: Sie haben einen Durchmesser von mehr als 25 Zentimetern, Schilderungen nach sollen es sogar bis zu 40 Zentimeter sein. Die Augen von Blau- und Pottwalen, die ihnen an Körpergröße überlegen sind, haben dagegen "nur" einen Durchmesser von sechs bis zehn Zentimetern.

Wozu braucht der Riesentintenfisch in seinem finstren Reich in bis zu 1.000 Metern Tiefe derart große Glotzer? Forscher um den Schweden Dan-Eric Nilsson haben ihre Theorie dazu im März 2012 veröffentlicht. Weil größere Augen ganz einfach mehr Platz für Photorezeptoren bieten und es dort unten trotz Lichtmangels nicht ständig dunkel ist. Plankton, Quallen, Krabben, Fische und Weichtiere - und damit übrigens auch Tintenfische - können selbst Licht erzeugen. Und nicht nur die kann der Riesenkalmar erspähen, sondern auch seinen einzigen Feind: den Pottwal. Der hat den klaren Vorteil, dass er das Weichtier per Sonar orten kann. Doch der Tintenfisch profitiert davon, dass der Wal beim Schwimmen eine Strömung erzeugt, die wiederum Plankton zum Leuchten anregt. Mit seinen überdimensionalen Sehorganen kann er so den gewaltigen Fressfeind auf eine Entfernung von 120 Metern erkennen - und flüchten.

Kampf der Giganten

Mit ausgewachsenen Riesenkalmaren können es nur Pottwale aufnehmen.

Dabei ist der Riesenkalmar gar nichts für unseren Teller: In seinem Muskelgewebe sind große Mengen an Ammoniumchlorid enthalten, das lässt ihn im Salzwasser schweben, stinkt aber bestialisch und macht das zähe Fleisch ungenießbar - für uns zumindest. Pottwale stört das nicht, sie sind die einzigen wirklichen Fressfeinde ausgewachsener Riesenkalmare. Ihre Kämpfe mit den Tintenfischen nährten früher übrigens die Legende vom Meeresmonster: Da auf der Walhaut riesige Narben von Tintenfisch-Saugnäpfen entdeckt wurden, schätzte man deren Länge auf bis zu 60 Meter. Dabei hat man jedoch nicht beachtet, dass die Narben mit dem Wal mitwachsen ...

Gigantische Kraken jagten Fischsaurier

Was von den Fischsauriern übrig blieb ...

Riesige Tintenfische von bis zu 30 Metern - und damit doppelt so groß wie die größten heutigen Tiefsee-Kalmare - sollen im Erdzeitalter der Trias, vor 200 Millionen Jahren, Fischsaurier gejagt und gefressen haben. Diese These vertritt der Geologe Mark McMenamin und beruft sich dabei auf Funde von 37 Fischsaurierskeletten im US-Bundesstaat Nevada. Die Sedimentsgesteine lassen vermuten, dass die Fossilien auf dem Meeresboden lagen. Die Glieder von 14 Tieren waren seltsam geordnet und in Nord-Süd-Richtung ausgerichtet. McMenamin geht davon aus, dass die riesigen Kopffüßer mit den Überresten ihrer Opfer gespielt und dabei die Knochen geordnet haben. "Moderne Kraken machen das auch", so der Forscher. 

Die größten wirbellosen Tiere der Ozeane

Wohl bis zu 18 Meter lang kann ein Riesenkalmar werden.

Von Schauergeschichten und überzogenen Schilderungen lässt sich Kubodera nicht beeindrucken, er weiß es besser: "Menschen übertreiben ja immer, wenn es um Größe geht. Wenn Fischer einen Ein-Meter-Fisch fangen, ist er am nächsten Tag 1,20 Meter und eine Woche später zwei Meter lang. Es ist also schwierig zu sagen, wie groß der größte gesichtete Riesenkalmar war. In japanischen Gewässern werden sie etwa viereinhalb Meter lang, ohne Fangarme. Aber im Nordatlantik gibt es viel größere, acht oder neun Meter reine Körperlänge. Und die Fangarme sind bei ihnen sehr lang. Also etwa 18 Meter insgesamt. Riesig."

Tiefseekrake hält Brutrekord

Viereinhalb Jahre harrte das Krakenweibchen bei ihren Eiern aus.

Viereinhalb Jahre lang hat ein Krakenweibchen in der Tiefsee ausgeharrt, um seine Eier zu betreuen. Eine derart lange Brutzeit sei bei keinem anderen Tier bekannt, berichten Forscher Ende Juli 2014.
Die Wissenschaftler um Bruce Robinson vom Monterey Bay Aquarium Research Institute (MBARI) in Kalifornien hatten den knapp zehn Zentimeter langen Tiefseekraken Graneledone boreopacifica im Frühjahr 2007 mit einem Tauchroboter in etwa 1.400 Metern Tiefe entdeckt. Bei insgesamt 18 Tauchgängen in viereinhalb Jahren hütete das Weibchen sein Gelege aus olivengroßen Eiern. Während die heranwachsenden Jungen immer größer wurden, wurde das Weibchen immer dünner und bleicher. Die Forscher konnten es nie beim Fressen beobachten, stattdessen war es damit beschäftigt, seinen Eiern frisches Wasser zuzufächeln und Feinde zu vertreiben. Zuletzt beobachteten die Forscher das Tier im September 2011. Im Monat darauf war es verschwunden und wahrscheinlich tot. Die leeren Eikapseln ließen auf etwa 160 geschlüpfte Kraken schließen.

Die Forscher vermuten, die Brutphase sei so intensiv, weil die niedrige Temperatur in der Tiefsee die Entwicklung der Eier verlangsame und die Jungtiere bessere Überlebenschancen hätten, wenn sie beim Schlüpfen bereits weit entwickelt seien. Die bislang längste bekannte Brutzeit eines Kraken lag bei 14 Monaten. Das Beispiel zeige, wie wenig über die Lebewesen der Tiefsee bekannt sei.

Beute fest im Klammergriff

Zwölf Meter lang und 245 Kilogramm schwer war dieser Kalmar.

Riesenkalmare haben acht Arme und zwei überlange Tentakel, die sie im Reißverschlussverfahren zu einem einzigen Greifarm kombinieren können. Der japanische Wissenschaftler konnte zeigen, dass sie Köder von der Seite attackieren und anschließend fest mit den Tentakeln umklammern. Und dass selbst abgetrennte Saugnäpfe noch lange aktiv sind und alles ansaugen, was ihnen in den Weg kommt. Über den Speiseplan der Giganten ist allerdings noch wenig bekannt. In ihren Mägen fanden sich überwiegend Reste von anderen Kalmaren und Fischen. Sie dagegen haben wesentlich mehr Fressfeinde: Wale und Haie in erster Linie, kleinere Exemplare fallen verschiedenen Fischen zum Opfer, die ganz kleinen sogar Hochseevögeln.

Schatzkiste Tiefsee

Allein aus dem Mageninhalt von Pottwalen schließt der Zoologe Kubodera, dass es sehr viele Tintenfische in der Tiefe geben muss. Und vielleicht noch größere als man bislang kennt - oder gar ganz andere, gigantische Lebewesen: "Die Tiefsee ist eine dunkle Welt. Und wir können nur mit Licht sehen. Wenn wir also Kameras runtnerlassen, brauchen wir zum Fotografieren starkes Licht. Falls es dort unten noch andere große Tiere gibt, könnte es sein, dass sie vor dem Licht flüchten. Das wäre schon denkbar. Schwierig zu sagen."

Definitionen

Tintenfische

Tintenfische sind eine Unterklasse in der Klasse der Kopffüßer.
Sie gehören zum Stamm der Weichtiere, sind also wirbellose Tiere - und deshalb auch gar keine echten "Fische".
Tintenfische zeichnen sich durch ein von Weichteilen umschlossenes Gehäuse und einen Tintenbeutel aus. Es gibt nämlich auch Kopffüßer, die keinen Tintenbeutel besitzen: Perlboote und Ammoniten.
Zu unterscheiden sind die Gruppe der Achtarmigen und die Gruppe der Zehnarmigen Tintenfische.

Kalmare

Kalmare gehören zu den Zehnarmigen Tintenfischen. Mit mehr als 250 Arten bilden sie die größte Gruppe innerhalb der Kopffüßer. Typisch für sie ist der keilförmige Mantel.

Kraken

Kraken dagegen sind eine Teilgruppe der Achtarmigen Tintenfische. Oft spricht man von Riesenkraken, wenn eigentlich Riesenkalmare - die mit den zehn Armen - gemeint sind.

Oktopus

Oktopus ist einfach nur ein anderer Name für die Gewöhnliche Krake. Das Fußball WM-Orakel Paul (2010) war ein Oktopus.
Die acht Arme des Oktopus sind mit Hunderten von Saugnäpfen bestückt, die sich normalerweise an jede Oberfläche saugen. Warum also nicht an die eigenen Arme? 2014 haben israelische Biologen herausgefunden, dass Oktopusarme deshalb nicht aneinander haften, weil die Saugnäpfe es von sich aus, sozusagen selbstständig, vermeiden. Um das herauszufinden, amputierten die Forscher Gemeinen Kraken Arme. Diese bewegen sich nach ihrer Abtrennung noch über eine Stunde lang und heften sich an andere Tiere, jedoch nicht an andere Oktopusarme.


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