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Interview // Jeffrey Tambor "Die Würde der Transgender stand auf dem Spiel“

Jeffrey Tambor spielt in "Transparent" einen Familienvater, der sich zum Coming-Out entschließt und offen als Frau leben will. Ein Interview über den Respekt vor anspruchsvollen Rollen, zitternde Hände und Unterhosen von Amazon.

Von: Juliane Frisse

Stand: 16.04.2015 | Archiv

Schauspieler Jeffrey Tambor | Bild: picture-alliance/dpa

Aus Mort wird Maura. Ein Mann stellt fest, dass er im falschen Körper geboren wurde, also eigentlich eine Frau ist. Nachdem er das viele Jahre lang erst für sich selbst klar bekommen musste und geheim gehalten hat, beschließt er, von nun an offen als Frau zu leben. Darum geht es in der Amazon-Serie "Transparent“, einer der besten neuen Produktionen 2014. "Transparent“ hat auch bei den Golden Globes zwei Preise bekommen. Einer davon ging an Jeffrey Tambor, den Schauspieler, der Mort beziehungsweise Maura spielt.

PULS: Eine Frau zu spielen, die als Mann geboren wurde, klingt für mich nach einer extrem anspruchsvollen Rolle. Auch wenn du ein erfahrener Schauspieler bist: Hattest du Angst, dieser Rolle nicht gerecht zu werden? 

Jeffrey Tambor: Ich habe mir Sorgen gemacht, Maura richtig darzustellen und die Dinge, die sie tut, korrekt zu spielen. Das hat mich schon belastet, schließlich stand dabei die Würde der Transgender-Community auf dem Spiel. Ich wollte sichergehen, dass sie gewahrt bleibt. Als wir zum Beispiel die Szene gedreht haben, in der Maura sich vor einer ihrer Töchter als transgender outet, haben meine Hände vor Aufregung gezittert. Aber dann habe ich mir gesagt: Mauras Hände dürfen ruhig zittern. Ein Coming-Out ist eine große Sache. Diese Verantwortung zu tragen fand ich ziemlich einschüchternd.

Wie hast du dich auf die Rolle vorbereitet?

Jill Soloway, die die Serie geschrieben hat, hat die Rolle im Drehbuch schon wunderbar angelegt und herausgearbeitet. Sie ist wirklich ein Genie. Außerdem hatte ich drei Coaches, die transgender sind. Sie waren großartige Mentoren. Ich habe jeden Tag Neues von ihnen gelernt. Auch viel über mich selbst, längst nicht nur Äußerlichkeiten wie: Eine Transgender-Frau läuft so und so und sie redet auf diese oder jene Art. Ich bin so vor allem dem Leben von Maura nähergekommen und habe besser verstanden, was sie durchmacht.

Was war denn der beste Ratschlag, den du von den Coaches bekommen hast?

Einige unsere Gespräche waren sehr persönlich. Lass es mich so sagen: Alle drei waren sehr offen. Sie haben viel wirklich Privates aus ihrem Leben erzählt. Das hat mir ermöglicht, alles selbst nachzufühlen. Manche Leute haben mich gefragt, ob ich für die Rolle die weibliche Seite in mir selbst entdecken musste. Ich würde sagen, nein, beziehungsweise das war nicht das Entscheidende. Ich musste vor allem Jeffrey, also mich selbst neu entdecken.

Hast du eigentlich auch kritische Reaktionen bekommen, dass du als Mann, der nicht transgender ist, die Rolle einer transgender Frau übernommen hast?

Ja, es gab ein paar negative Reaktionen, aber nicht so viele, wie ich dachte. Ansonsten war das Feedback von der Transgender-Community sehr positiv. Es bedeutet mir viel, dass "Transparent“ bei ihnen so gut ankommt. Aber klar, es gibt auch Leute, die finden, dass Maura besser von einer Frau, die als Mann geboren wurde, gespielt werden sollte. Da kann man allerdings auch argumentieren, dass Maura in ihrer Geschlechtsumwandlung noch an einem Punkt ist, an dem sie keine Hormone nimmt und sich keiner Operation unterzieht. Deshalb finde ich es gerechtfertigt, dass ich Maura spiele. Wenn sie in der Serie eine Hormontherapie beginnen und sich operieren lassen würde, dann, finde ich, sollte auch eine transgender Schauspielerin die Rolle übernehmen. Denn weder du noch ich sind transgender. Wir haben die Erfahrung das Geschlecht zu wechseln nicht gemacht.  

Amazon setzt bei seinen eigenproduzierten Serien auf das Feedback der Crowd: Es werden von mehreren Serien Pilotfolgen produziert, die dann auf der Amazon-Website angesehen und bewertet werden können. "Transparent“ ist zwar inzwischen ein mit Preisen dekorierter Kritikerliebling, aber von der Crowd gab es damals die schlechtesten Bewertungen von allen Serien.  Hattest du Sorge, dass "Transparent“ am Ende gar nicht von Amazon bestellt werden könnte?

Ich bin seit 50 Jahren Schauspieler. Ich hab gelernt, meine Aufmerksamkeit auf anderes zu richten, wenn solche Dinge anstehen. Als Amazon die Serie bestellt hat, habe ich mich wahnsinnig gefreut. Ich habe aber vorher nicht rumgerechnet oder schon wie verrückt auf die Entscheidung gewartet. Ich habe damals den Bewertungsprozess, der da im Netz stattgefunden hat, nicht wahrgenommen, ich wusste nicht, was da passiert.

Streaming-Anbieter wie Amazon und Netflix sind recht verschlossen, wenn es um Zahlen und Statistiken zu den bei ihnen gezeigten Serien geht. Bekommt ihr als die Macher von "Transparent“ ein Feedback von Amazon, wie häufig die Serie gestreamt wird?

Ich bekomme keine Zahlen. Aber ich habe ein Gefühl dafür, ob Leute die Show sehen. Über Twitter bekomme ich mit, ob Leute die Serie schauen und was sie über "Transparent“ denken.  Aber mein Job ist zu schauspielern, nicht die Zahlen zu kennen.

Du bekommst überhaupt kein Feedback von den Verantwortlichen bei Amazon?

Nein. Sie sind meine Verbündeten, aber von ihnen bekomme ich kein Feedback. Aber immerhin: Ich bestelle bei Amazon meine Unterwäsche, und am nächsten Tag wird sie geliefert. 

Werden dir jetzt andere Rollen angeboten als vor "Transparent“?

Ja, die Rollen sind tatsächlich ein bisschen anders geartet. Aber das ist gut. Ich habe gerade erst einen Film mit Ben Affleck gemacht, in dem ich seinen Lehrer spiele. Generell läuft das Geschäft gerade ganz gut.  Meine Agenten sind jedenfalls sehr glücklich momentan.

Gibt es nach der Doppelrolle Mort/Maura noch eine andere herausfordernde Rolle, die du gerne spielen würdest?

Wenn es nach mir geht: Ich könnte diese Rolle für die nächsten zehn Jahre spielen. Ich hoffe, das klappt. Ich liebe Maura so sehr und ich liebe diese Art zu arbeiten. Sowas wollte ich mein ganzes Leben lang machen. Naja, und dann habe ich auch noch vier Kinder, ich schreibe ein Buch – ein Buch über Jeffrey Tambor, ich weiß ziemlich langweilig – und außerdem halte ich auch noch Vorträge über Kreativität und toure damit durch die USA. Ich bin eh schon ziemlich beschäftigt gerade.

Hat die Arbeit an "Transparent“ dein Bewusstsein für die Probleme vergrößert, die die Transgender-Community hat, die ganz generell queere Menschen haben?

Ja, von A bis Z. Wirklich. Obwohl ich in San Francisco aufgewachsen bin, in der Theater-Szene war, also wirklich in einem sehr liberalen Umfeld groß geworden bin. Trotzdem musste ich jetzt noch sehr viel lernen übers Queersein. Ich denke, das müssen wir alle. Ich hatte jedenfalls eine steile Lernkurve. Und es war eine lebensverändernde Erfahrung. Ich bin dadurch ein besserer Vater, ein besserer Ehemann und ein besserer Staatsbürger geworden.  

Die erste Staffel von "Transparent“ kann bei Amazon Prime Instant Video gestreamt werden, sowohl in der englischsprachigen Originalversion als auch in einer ins Deutschen synchronisierten Fassung.


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