Musikalische Anhedonie Wenn Musik egal ist

Die glücklichsten wie traurigsten Momente eines Menschenlebens sind oft mit Musik unterlegt: das Knutschen in der Disko, der Weg zum Altar, die letzte Weihe in der Kirche. Aber was, wenn Musik keinerlei Gefühl auslöst?

Von: Stefan Sommer

Stand: 20.03.2017

Musikalische Anhedonie | Bild: BR

Jede Wette, die Menschheit hätte weniger geweint, weniger gewütet und weniger gelächelt, wenn niemand die Musik erfunden hätte. Wie wäre die Welt wohl heute, wenn anstatt von Musik in Clubs, auf Hochzeiten, in der Kirche, in Hollywood-Filmen, Fahrstühlen oder auf Meisterschaftsfeiern ... Stille herrschen würde? Wären neun Monate nach Woodstock weniger Kinder auf die Welt gekommen? Würden an einsamen Sonntagen weniger Taschentücher verbraucht werden? Wahrscheinlich nicht.

Was aber, wenn für einen Menschen Musik überhaupt kein Gefühl provoziert? Nichts. Null. Wenn Musik - egal welcher Stilrichtung - schlicht und einfach ein vollkommen egales Geräusch ist - ein großes bedeutungsloses Rauschen? Wenn das Röhren eines Staubsaugers und Beethovens Fünfte auf der selben Stufe stehen? Forscher haben dafür einen Begriff gefunden: musikalische Anhedonie.

Bei einer Studie, die im vergangenen Herbst publiziert wurde, ermittelten Forscher der University of Barcelona, dass eine kleine Gruppe von Testpersonen auf Musik anders reagiert als die große Mehrheit der Menschen. Eine steigende Herzfrequenz und eine erhöhte Leitfähigkeit der Haut sind Parameter für eine körperliche Reaktion auf äußere Einflüsse wie beispielsweise Musik - zwischen drei und fünf Prozent der Probanden wiesen diese Parameter nicht auf, als ihnen Musik vorgespielt wurde. Heißt: Ihr Körper reagierte einfach nicht auf Musik. Kein Kribbeln, kein Adrenalin - no response. Und es sind keine Ausnahmefälle: Drei bis fünf Prozent der Weltbevölkerung leiden laut den Wissenschaftlern unter musikalischer Anhedonie.

Keine Verbindung mit dem Belohnungszentrum

Eine Folgestudie der University of Montreal und der University of Barcelona ging nicht den körperlichen, sondern neuronalen Effekten von Musik auf den Menschen auf die Spur. Was passiert im Gehirn, wenn man Musik hört oder was passiert eben nicht? Die Forscher um Robert Zatorre testeten 45 Probanden, spielten ihnen Musik vor und führten mit einem MRI-Scanner Messungen der Gehirnaktivitäten durch.

Das Ergebnis: Der Part des Gehirns, der für das Hören zuständig ist und das Belohnungszentrum, das für die adäquate Emotion zuständig ist, interagieren bei Menschen mit musikalischer Anhedonie nicht miteinander. Die Forscher betonen aber, dass das nicht krankhaft oder gefährlich ist - Menschen mit musikalischer Anhedonie sind in anderen Lebensbereichen und mit anderen Stimuli ebenso zu Emotionen fähig, wie jeder andere.

"Es hat sich gezeigt, dass die Art und Weise, wie man Musik erlebt, mit diesem Muster der neuronalen Reaktion verbunden ist – je mehr dieses Muster vorhanden ist, desto mehr Interaktionen gibt es zwischen den beiden Systemen und desto mehr Freude empfindet man beim Hören von Musik."

Robert Zatorre, Kognitiver Neurologe und Mitautor der Studie.

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Es gibt nicht nur Menschen, die Emotionen oder Gefühle für alles außer Musik empfinden können, sondern – der andere Extremfall – auch welche, die ausschließlich etwas für Musik empfinden können: die musikalischen Hyper-Hedonisten. Für die Forscher ist das eine wichtige Erkenntnis: So können möglicherweise neue Wege in das Belohnungssystem des Gehirns gefunden werden. Gerade für Depressive kann das eine Hilfe sein, um den eigenen Gefühlshaushalt zu regulieren und zu steuern.

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