Wissen - Klimawandel


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Weniger Schnee Abschied vom weißen Winter

Leise nieselt's, kein Schnee: Es ist wärmer geworden in Bayern - und das vor allem im Winter und besonders in den Bergen. Schon jetzt gibt es messbar weniger Schnee. Werden unsere Winter grün? Und was bedeutet das für die Skigebiete?

Stand: 16.09.2015

Skifahrer auf der grünen Wiese: Sind schneefreie Skigebiete die Zukunft Bayerns? Schon jetzt hat die Schneedecke überall im Land deutlich abgenommen. Ohne künstliche Beschneiung werden viele Skigebiete in Zukunft völlig schneefrei sein. | Bild: picture-alliance/dpa

Bayerns Bergwelt ist vom Klimawandel besonders betroffen, nicht nur, weil sie mitsamt ihren Bewohnern besonders sensibel auf die Veränderungen reagiert. Der Klimawandel wirkt sich dort auch stärker aus: Seit 1901 ist die Jahresdurchschnittstemperatur etwa in den Alpen um anderthalb Grad gestiegen - doppel so stark wie im Rest Deutschlands.

Schneemangel im Winter 2015/16

Dabei betrifft die Erwärmung in Bayern nicht so sehr die Sommer, sondern vor allem die Winter. Die Niederschläge nehmen zwar im Winter eher zu, aber höhere Temperaturen lassen es eher nieseln als rieseln.

Seit Jahrzehnten sinkt die Schneemenge, der Winter schrumpft

Pisten-Panorama im Dezember 2014

Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts nehmen auf der gesamten Nordhalbkugel Schneefälle, die Ausmaß der Schneedecke und die Dauer der Schneesaison ab. Jedes Jahrzehnt wird das Ausmaß der Schneedecke auf der Nordhalbkugel im Zeitraum März-April um ein bis zwei Prozent kleiner, alle zehn Jahre wird die Schneesaison um mehr als fünf Tage kürzer, stellt der jüngste Bericht des Weltklimarates fest. Und meint damit die Nordhalbkugel als Ganzes. Je südlicher die Region, desto stärker fallen die Veränderungen aus:

Die KLIWA-Studie des Bayerischen Landesamts für Umwelt zeigt, dass sich in Bayern allein von 1950 bis 1995 die Schneedeckendauer in niederen Lagen wie der Rhön um bis zu vierzig Prozent verkürzt hat, in mittleren Lagen um zehn bis zwanzig Prozent. Studien in den Schweizer Alpen zeigen eine beständige Abnahme der Schneefälle seit den 1980er-Jahren, insbesondere unter 1.300 Metern Höhe. Die Null-Grad-Grenze im Winter ist dagegen von 1960 bis 1990 um 300 Meter gestiegen - auf 900 Meter Höhe. Und dabei wird es wohl nicht bleiben.

Die Prognose: Es wird noch wärmer, vor allem im alpinen Winter

Die Prognose bis 2100

In einem sind sich alle Klima-Prognosen einig: Die Temperaturen werden steigen. Wie stark, fällt je nach Szenario unterschiedlich aus. Bis zur Mitte dieses Jahrhundert weichen die Klimamodelle noch wenig voneinander ab: Um etwa 1,5 Grad wird bis 2050 die Lufttemperatur im Jahresdurchschnitt steigen (im Vergleich zum langjährigen Mittel von 1961 bis 1990). Bis zum Jahr 2100 gibt es deutlich unterschiedliche Prognosen. Zurückhaltende Modelle rechnen mit einem Temperaturanstieg von etwa zwei Grad bis zum Ende dieses Jahrhunderts, pessimistischere Hochrechnungen kommen auf eine Erwärmung um vier Grad und mehr. Dabei wird weiterhin die Erwärmung im Winter stärker ausfallen als im Sommer. Und im Alpenraum durchschnittlich etwas höher. Das Bayerische Landesamt für Umwelt geht davon aus, dass in den bayerischen Alpen die Temperatur bis 2100 um 4,5 bis 5 Grad steigen wird.

Weiße Winter ade

In weiten Teilen Bayerns, besonders in tieferen Lagen, wird es dann seltener weiße Winter geben, auch wenn zunehmende Starkniederschläge lokal durchaus zu kurzfristig hohen Schneemengen führen können. Doch eine geschlossene Schneedecke über längere Zeit, das wird zur Seltenheit werden. In höheren Lagen sieht es etwas besser aus. Aber reicht das noch für den Wintersport?

Wie schneesicher sind Bayerns Skigebiete?

Was heißt "schneesicher"?

Ein Skigebiet gilt als schneesicher, wenn an zumindest 100 Tagen einer Skisaison eine Schneehöhe von 30 Zentimetern oder mehr auf mindestens der Hälfte der Pisten gegeben ist - und das in wenigstens 7 von 10 Skisaisons.

Zwei Drittel der bayerischen Skigebiete im Alpenraum haben eine mittlere Höhe von höchstens 1.200 Metern. Nur bei einem Drittel liegt mindestens die Hälfte der Pistenkilometer darüber. Ohne künstliche Beschneiung galten daher schon 2007 nur noch etwa siebzig Prozent dieser Skigebiete als schneesicher. 2013 waren es nur noch etwa fünfzig Prozent. Mit Hilfe von Kunstschnee sind momentan jedoch noch alle Skigebiete in den bayerischen Alpen schneesicher. Aber wohl nicht langfristig, je nachdem, wie schnell die Temperaturen steigen. Denn nicht nur für Schneefall, auch für Kunstschnee müssen die Temperaturen tief genug sein.

Bayerns Skigebiete: Schneesicher trotz Klimaerwärmung?

+ 1° = nur noch 11 Skigebiete

Eine Studie im Auftrag des Deutschen Alpenvereins von 2013 errechnete: Steigt die Jahresdurchschnittstemperatur nur um ein weiteres Grad im Vergleich zur mittleren Temperatur von 1970 bis 2000, wird nur noch ein Viertel unserer alpinen Skigebiete auf natürlichem Wege schneesicher sein: elf Skigebiete insgesamt. Mit künstlicher Beschneiung bleiben aber immerhin noch 75 Prozent schneesicher.

+ 2° = nur noch 4 Skigebiete

Bei einer Erwärmung um zwei Grad, wie sie selbst die konservativsten Modelle bis zum Ende des Jahrhunderts errechnen, gibt es nur noch vier Skigebiete in den bayerischen Alpen, die ohne Kunstschnee noch schneesicher sind: die Zugspitze, Fellhorn, Nebelhorn und das Skigebiet Grasgehren im Allgäu. In Garmisch können noch etwa zwanzig Prozent der Pisten befahren werden, am Wendelstein ein Zehntel. An der Kampenwand, in Brauneck, am Spitzingsee und im Sudelfeld geht ohne Kunstschnee gar nichts mehr. Künstliche Beschneiung ist bei einem Plus von zwei Grad nur noch in Höhen über 1.500 Metern möglich, immerhin noch bei fast vierzig Prozent der bayerischen Skigebiete in den Alpen.

+ 4° = nur noch 1 Skigebiet

Steigt die Jahresdurchschnittstemperatur jedoch um vier Grad, wie es auch das Bayerische Landesamt für Umwelt bis zum Jahr 2100 erwartet, bleibt ohne Kunstschnee nur ein einziges Skigebiet übrig: die Zugspitze. Auf dem Nebelhorn haben immerhin noch 43 Prozent der Pisten genügend Schnee. Selbst mit künstlicher Beschneiung verbleiben nur drei Skigebiete, die noch als schneesicher gelten können: Zugspitze, Nebelhorn und Fellhorn. In Garmisch könnten mit Kunstschnee dann immerhin noch gut ein Zehntel der Pisten befahren werden.

Künstliche Beschneiung? Ja, aber wie lang?

Studien mit ähnlichen Ergebnissen gibt es zu den höher gelegenen Skigebieten im österreichischen Tirol und in der Schweiz, und auch sie kommen zum gleichen Schluss: Für niedrig gelegene Skigebiete ist die Aufrüstung der Beschneiungstechnik keine Lösung, weil die Erwärmung so schnell voranschreiten wird, dass die teuren Anlagen nicht einmal mehr abgeschrieben werden können, bis auch künstliche Beschneiung dort keine Schneesicherheit mehr bringt. In höher gelegenen Skigebieten lässt sich der Skibetrieb durch Kunstschnee mittelfristig wohl noch erhalten.

Kurzfristiger Jubel der Skiliftbetreiber

Pünktlich zu Beginn der Skisaison 2014/15 feierte der Verband Deutscher Seilbahnen eine seinerseits in Auftrag gegebene Studie, laut der auch in dreißig Jahren Skifahren in Deutschland noch möglich ist. Fokus der Studie ist die Frage, ob es auch zukünftig noch genügend Tage geben wird, die sich zur Produktion von Kunstschnee eignen.

Dabei stellt die Studie fest, dass in den vergangenen zwanzig Jahren die Zahl der Tage, an denen künstliche Beschneiung überhaupt möglich ist, im Vergleich zu den zwanzig Jahren davor im Mittel schon um ein Zehntel zurückgegangen ist. Und dass solche "Beschneiungstage" bis 2050 vermutlich weiter zurückgehen werden, am meisten in den Monaten November, März und April. Aber auch in der Kernzeit von Dezember bis Februar sinkt die Zahl der Tage für Kunstschnee voraussichtlich um ein Viertel und mehr. Damit verbleiben aber laut der Studie genügend Beschneiungstage, um bis 2050 mit dem Skitourismus weiterzumachen.

Allerdings zu einem hohen Preis, davor warnen Forscher und Umweltschützer. Nicht nur für die Betreiber der Anlagen. Energie- und Wasserverbrauch für den Kunstschnee werden enorm sein, denn auch die Menge an Kunstschnee, die für Schneesicherheit produziert werden muss, wird sich vervielfachen.
Langfristig ändert aber auch künstliche Beschneiung nichts daran: Im nächsten Jahrhundert wird es in Bayern außer auf der Zugspitze wohl keine Skigebiete mehr geben.

Schneemangel wird auch im Sommer spürbar

Schnee ist aber nicht nur die Grundlage für Skifahrer, er ist auch wichtig für den Wasserhaushalt in Bayern. Denn der Schnee in den Alpen reguliert den Wasserabfluss: Die hohen Niederschlagsmengen im Winter treffen erst verzögert im Tal ein, zum Teil mit der Schneeschmelze im Frühjahr. Aber der Abfluss verteilt sich sogar über mehrere Monate, mit einer Abfluss-Spitze im Juni. Intakte Gletscher speichern die Niederschläge sogar dauerhaft. Fällt in den kommenden Jahren immer mehr Niederschlag in Form von Regen und nicht mehr als Schnee, wird dieser natürliche Schutz vor Hochwasser immer geringer. Treffen im Frühjahr die häufiger werdenden Starkniederschläge mit der Schneeschmelze zusammen, kommt es in den Bergen zu mehr Lawinen und Murenabgängen, im Tal zu mehr Überschwemmungen.

In einigen Tälern wird es dann für die Menschen, die dort leben, ungemütlicher. Sie müssen mehr als bisher mit widersprüchlichen Extremen zurechtzukommen, zum Beispiel mit Wasserknappheit im Sommer und gleichzeitig mit reißenden Bergbächen, die die Dörfer überfluten.


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