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Aviäres Influenza-Virus Ist die Vogelgrippe für Menschen gefährlich?

Immer wieder taucht die Vogelgrippe in den Medien auf. Zwar gibt es Übertragungsfälle von Tier zu Mensch, doch vor allem für Geflügel ist das Virus eine Bedrohung. Doch wie gefährlich ist die Vogelgrippe für den Menschen? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Von: Ortrun Huber, Leander Beil

Stand: 02.06.2021

Ein Nationalparkranger trägt im November 2020 an der Nordsee-Küste bei Dagebüll Schutzkleidung beim Einsammeln toter Vögel, die an der Vogelgrippe verendet sind.   | Bild: picture alliance/dpa | Christian Charisius

Die wichtigste Nachricht vorweg: Obwohl das H5N8-Virus zuletzt im Februar 2021 in Deutschland und Europa in den Wildvogel- und Geflügelbeständen grassierte, gehen Virologen weiterhin nicht von einer gestiegenen Infektionsgefahr durch die Vogelgrippe für den Menschen aus.

Was ist noch mal die Vogelgrippe?

Die aviäre Influenza, umgangssprachlich Vogelgrippe oder Geflügelpest genannt, wurde erstmalig in Italien beschrieben und ist seit über 100 Jahren bekannt. Auslöser der Erkrankung sind Influenza-A-Viren. Das Virus wird über Kot, Staub oder Tröpfcheninfektion übertragen und befällt in erster Linie Zug- und Wasservögel.

Für die schweren Ausbrüche der Vogelgrippe in Europa 2016/17 und 2020/21 sind sogenannte hochpathogene aviäre Influenza-Stämme der Untertypen H5 und H7 verantwortlich. Die Unterscheidung des Influenza-A-Virus in Subtypen erfolgt nach den Oberflächenproteinen Hämagglutinin (H) und Neuraminidase (N). H- und N-Subtypen können in verschiedenen Kombinationen bei unterschiedlichen Spezies auftreten.

Wie gravierend ist das derzeitige Vogelgrippe-Geschehen?

Der Virus-Subtyp H5N8 tritt neben weiteren H5-Subtypen seit Herbst 2020 in Europa verstärkt bei Wildvögeln auf und führte in der Folge zu zahlreichen Ausbrüchen bei Geflügel. Mitte Februar 2021 meldeten in Europa insgesamt 25 Länder Wildvögelfälle oder Infektionsgeschehen in Geflügelbetrieben, so Prof. Timm Harder, Leiter des Nationalen Referenzlabors für Aviäre Influenza am Institut für Virusdiagnostik, Friedrich-Loeffler-Institut. In Deutschland sind laut Friedrich-Loeffler-Institut seit Anfang 2021 über 230 Vogelgrippe-Fälle in Geflügelhaltung festgestellt worden (Stand: 2.6.2021).

Was hat die Vogelgrippe mit dem Menschen zu tun? 

Seit 1997 ist bekannt, dass bei intensivem Kontakt mit erkrankten Tieren auch Viren der Vogelgrippe auf den Menschen übertragbar sind. In Hongkong wurden 1997 erstmalig Infektionen des Subtyps H5N1 bei Tierhaltern nachgewiesen, von 18 nachgewiesenen Fällen verstarben damals sechs Patienten. 2003 kam es in den Niederlanden zu einem Ausbruch des Subtyps H7N7. Dabei infizierten sich 89 Menschen, ein Mensch starb. Seit 2006 infizierten sich vor allem in Asien sowie in der Türkei und in Ägypten mehrere hundert Menschen mit dem Vogelgrippe-Erreger H5N1. Daran starben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis Ende 2020 rund 450 Personen.

Kann die Vogelgrippe auch von Mensch zu Mensch übertragen werden?

Nach Auskunft des Robert Koch-Instituts (RKI) ist eine Übertragung von Mensch zu Mensch in Einzelfällen möglich. Doch ist eine Pandemie, also ein großflächiges Weitergeben des Vogelgrippe-Virus durch Menschen und ein dementsprechendes, weiträumiges Infektionsgeschehen, bisher nicht ausgelöst worden. Auch die WHO schätzt derzeit das Risiko einer nachhaltigen Weitergabe des Vogelgrippe-Virus durch den Menschen als gering ein. Nichtsdestotrotz muss jede Infektion mit aviärer Influenza unbekannten Subtyps beim Menschen an die WHO gemeldet werden.

Fälle, bei denen Vogelgrippe auf Menschen übertragen wurde

Die Virusvariante H5N8 zum Beispiel gehörte bislang nicht zu den bekannten Vogelgrippe-Subtypen, die auf den Menschen übertragen werden, bis Mitte Februar 2021 eine Nachricht aus Russland bei der WHO eintraf. Die russische Gesundheitsschutzbehörde meldete, dass bereits im Dezember 2020 das Vogelgrippe-Virus des Subtyps H5N8 bei sieben Arbeitern einer Geflügelfabrik im südrussischen Astrachan nachgewiesen worden sei – die weltweit erste Übertragung von H5N8 auf den Menschen überhaupt.

"Die aus Russland gemeldete Übertragung auf den Menschen war nicht ganz unerwartet. Das H5N8-Virus ist derzeit in Europa weit verbreitet und zirkuliert stark in Wildvögeln und ist inzwischen auch in Geflügelbeständen angekommen. Ein Infektionsrisiko für den Menschen ist bei einer Exposition gegenüber dem Virus nie ganz auszuschließen; deswegen gibt es ja entsprechende Sicherheitsvorkehrungen beim Umgang mit infizierten Vögeln."

Prof. Timm Harder, Leiter des Nationalen Referenzlabors für Aviäre Influenza am Institut für Virusdiagnostik, Friedrich-Loeffler-Institut

Auch in China wurde Anfang Juni 2021 ein erster Übertragungsfall einer weiteren Virusvariane (H10N3) bekannt. Nachgewiesen wurde der Erreger bei einem 41-jährigen Mann, der sich Ende April in Zhenjiang, einer Stadt in der ostchinesischen Provinz Jiangsu, mit Fieber ins Krankenhaus begeben hatte. Das Robert Koch-Institut weist für den Fall darauf hin, man solle diesen nicht überbewerten.

Warum ist die Übertragung des Vogelgrippevirus von Tier zu Mensch so bemerkenswert?

Die Überschreitung der Artenbarriere, also die Ansteckung eines Menschen mit einem angepassten Influenza-Subtyp durch Wildvögel oder Zuchtgeflügel, könnte eine neue Influenza-Pandemie hervorrufen, also das weltweite Auftreten einer ansteckenden Krankheit. Da dieser neue Erreger zuvor in der Bevölkerung nicht vorgekommen ist, ist das Immunsystem der Menschen nicht vorbereitet und daher auch nicht geschützt. Das Virus könnte sich gut von Mensch zu Mensch verbreiten.

Wie entsteht überhaupt so ein Pandemie-Virus?

Nach Angabe des Robert Koch-Instituts gibt es für die Entstehung von Pandemieviren zwei unterschiedliche Mechanismen: Entweder ein Virus, das bislang nicht im Menschen vorkommt (beispielsweise ein Vogelgrippe-Virus), passt sich durch genetische Veränderungen derart an, dass es Menschen nicht nur krankmachen kann, sondern auch effektiv von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Oder, die zweite Möglichkeit: Grippeviren verschiedener Subtypen, beispielsweise ein Vogelgrippe-Virus und ein menschlicher Influenza-Virus, infizieren gleichzeitig eine Zelle. Die daraus hervorgehenden Viren können Bestandteile beider Ursprungsviren enthalten und sich sowohl im Menschen als auch im Vogel verbreiten. Damit ein pandemisches Virus entstehen kann, muss allerdings der Druck aufgrund hoher Viruslast, etwa durch eine starke Vogelgrippewelle, vorhanden sein.

Sind im Zusammenhang mit dem Grippevirus in der Vergangenheit bereits Pandemien aufgetreten? 

Seit 1580, der ersten dokumentierten Influenza-Pandemie, wurden über 30 Pandemien beschrieben. Die größte Pandemie im 20. Jahrhundert, die "Spanische Grippe", an der weltweit zwischen 50 und 100 Millionen Menschen starben, fand in den Jahren 1918/19 (Subtyp H1N1) statt.

1957 grassierte mit H2N2 die "Asiatische Grippe" und 1968 wurde der Influenza-A-Erreger H3N2 als "Hong-Kong-Grippe" berühmt. Seit 1977 kursieren zwei Influenza-A-Subtypen, H1N1 und H3N2. Diese beiden, neben einem jeweils aktuellen Influenza-B-Stamm, sind auch im jährlich aktualisierten Impfstoff enthalten. 2009 löste ein neuartiges von Mexiko ausgehendes A/H1N1-Virus ebenfalls eine (eher milde) Pandemie aus.  

"Die Vogelgrippe verläuft wellenförmig. Wir gehen davon aus, dass es einen Viruspool in Geflügelbeständen in Zentralasien gibt mit unterschiedlichen Subtypen. Gehen diese Viren auf Wildvogelpopulationen über, können manche dieser Viren dann in einer Art Staffellauf von den Zugvögeln im Herbst nach Europa gebracht werden. Hierbei können einige Arten zwar selbst Virusträger sein, müssen aber nicht an der Vogelgrippe erkranken. Nicht jeder Virustyp führt dabei zu einem größeren Ausbruch."

Prof. Timm Harder, Leiter des Nationalen Referenzlabors für Aviäre Influenza am Institut für Virusdiagnostik, Friedrich-Loeffler-Institut

Wie kann man verhindern, dass das Vogelgrippe-Virus auf den Menschen übertritt?

Vogelgrippe-Viren sind für den Menschen eigentlich nicht sehr infektiös. Wenn eine solche Infektion jedoch stattfindet, kann dies auch zu schweren Erkrankungen führen. Deshalb ist es wichtig, eine solche Übertragung zu verhindern. Denn die meisten bislang an Vogelgrippe (H5N1) erkrankten Personen und auch die neueren Fälle in Russland (H5N8) oder China (H10N3) dürften im Vorfeld engen Kontakt zu erkranktem oder verendetem Geflügel gehabt haben.

So wird vermutet, dass Menschen sehr große Virusmengen aufnehmen müssen, um sich zu infizieren. Insgesamt, so betont Susanne Glasmacher, Sprecherin des RKI, ist das Risiko jedoch auch dann als sehr gering einzuschätzen. Dies ergibt sich schon daraus, dass weltweit mehr als hundert Millionen Vögel mit Influenza A (H5N1) infiziert wurden, beim Menschen aber nur wenige hundert A (H5N1)-Fälle bestätigt sind.

"In Deutschland nutzen wir ein zusätzliches Frühwarnsystem: Im Umfeld von Geflügelpestausbrüchen achten wir insbesondere auf mögliche empfängliche Säugetiere wie Katzen und Marder, da einige Tiere dieser Arten auf der Insel Rügen im Jahre 2006 bei dem durch H5N1 verursachten Geflügelpestgeschehen betroffen waren."

 Prof. Timm Harder, Leiter des Nationalen Referenzlabors für Aviäre Influenza am Institut für Virusdiagnostik, Friedrich-Loeffler-Institut

Tritt ein Vogelgrippevirus bei Nutzgeflügel auf, sind in erster Linie Beschäftigte in der Geflügelindustrie und Tierärzte in den Betrieben gefährdet, die sich entsprechend den Vorgaben des Arbeitsschutzes wappnen müssen. Für die breite Bevölkerung sieht das Robert Koch-Institut allerdings kein Risiko. Wer kranke oder verendete Wildvögel auffindet, sollte diese schon aus hygienischen Gründen nicht anfassen, den Fund allerdings dem Gesundheits- oder Veterinäramt melden.

Wird das Infektionsgeschehen der Vogelgrippe überwacht?

Der Verdacht, die Erkrankung und der Tod von Menschen an Vogelgrippeviren sind in Deutschland meldepflichtig. Ärzte, die einen Verdacht auf eine zoonotische Influenzainfektion bei einem Menschen haben, müssen diesen dem örtlichen Gesundheitsamt melden. Beim Nationale Referenzzentrum für Influenza des Robert Koch-Instituts können zoonotische Influenzaviren mit einem sogenannten PCR-Test nachgewiesen werden.

"Damit wir die Gefahr der Ausbreitung des Virus und damit auch die des Überspringens auf den Menschen begrenzen, ist es unbedingt notwendig, dass Geflügelhalter bei entsprechenden Warnsituationen ihre Bestände schützen und alle Vorsichtsmaßnahmen, die das Gesundheits- und Veterinäramt anordnen, wie etwa die Stallpflicht, einhalten. Bei Ausbrüchen in Geflügelhaltungen gehört auch die Keulung von Beständen zum Arsenal der Bekämpfungsmaßnahmen. Die hierdurch enstehenden finanziellen Verluste für die Geflügelhalter werden allerdings durch die Tierseuchenkassen der Länder entschädigt."

Prof. Timm Harder, Leiter des Nationalen Referenzlabors für Aviäre Influenza am Institut für Virusdiagnostik, Friedrich-Loeffler-Institut

Quellen: Robert-Koch-Institut, Friedrich-Loeffler-Institut, WHO, dpa


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