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Hochbegabung Genies in der Schule

Sie sind störrisch und können in der Schule kaum stillsitzen. Sie träumen und ziehen sich zurück. Lehrer und Eltern sind meist ratlos, wenn die Diagnose lautet: hochbegabt. Welche Möglichkeiten der schulischen Förderung gibt es für diese Genies?

Stand: 05.07.2018

Junge macht seine Hausaufgaben. | Bild: Image Source

Wer einen Intelligenz-Quotienten von mehr als 130 hat, gilt als besonders begabt oder hochbegabt. Auf rund zwei Prozent der Bevölkerung trifft das zu. Was zunächst positiv klingt, ist bei Kindern und Jugendlichen mit vielen Problemen verbunden. Denn aufgrund ihrer Besonderheit werden sie in der Schule schnell zum Außenseiter.

Hochbegabte fallen auf

Hochbegabte fallen häufig durch kreative oder originelle Lösungsansätze auf.

Hochbegabung ist Fluch und Segen zugleich. Die Kinder sind meist sehr sensibel, kreativ und intuitiv. Sie begreifen schneller als ihre Altersgenossen, was sie aber nicht vor Misserfolgen in der Schule schützt. Sie machen ihre Hausaufgaben nicht immer ordentlich, ihnen unterlaufen bei leichten Aufgaben Fehler und sie verhalten sich oft unangepasst. Hier ist die Erfahrung des Lehrers gefragt, zu erkennen, ob der Schüler unterfordert ist.

Ansichten des Hochbegabtenforschers Detlef Rost

Verhaltensprobleme

Für Detlef Rost, Gründer der Begabungsdiagnostischen Beratungsstelle BRAIN an der Universität Marburg, kursieren oft falsche Vorstellungen von Hochbegabung:
"Viele Eltern denken, dass Verhaltensprobleme ein Indikator sind. Das Gerücht stimmt nicht."

Anpassung

Viele Hochbegabte kommen, so Rosts Erfahrung, ziemlich gut durch die Schule und durchs Leben.
"Intelligenz ist auch die Fähigkeit sich anzupassen", so der Hochbegabtenforscher.

Langeweile

Wenn ein Kind sich im Unterricht langweilt, sei das meistens ebenfalls kein Zeichen für Hochbegabung, wie Rost erklärt, "sondern für schlechten Unterricht. Kinder langweilen sich eher, weil sie überfordert sind."

Diagnostik

Für Rost schafft nur eine solide psychologische Diagnostik Klarheit. Ansonsten gebe es nur einige vorläufige Hinweise auf Hochbegabung. Etwa wenn ein Kind mehrere tiefgehende, auch außerschulische Interessen habe und in diesen Bereichen sehr viel wisse.
"Manche Kinder, von denen man es vielleicht gar nicht denkt, werden dann wach, wenn es schwierig wird."

Förderung

"Gerade Vorschulkinder brauchen viel freie Zeit, um zu spielen, die Umwelt zu explorieren und mit Gleichaltrigen zusammen zu sein," betont der Forscher. In einer abwechslungsreichen Umwelt förderten sich die Kinder selbst. "Die beste Förderung für ein Kind ist es, immer wieder mit ihm zu sprechen und häufig zum Sprechen anzuregen." Vorlesen, gemeinsames Lesen, Fragen beantworten und Gespräche sind laut Rost besonders wichtig.

Kindergarten

Deshalb sind nach Auffassung des Wissenschaftlers kleine Kindergartengruppen sehr wichtig. Auf einen Betreuer dürften nicht mehr als vier Kinder kommen. "In Gruppen mit 15 Kindern ist keine vernünftige Interaktion möglich", erklärt der Forscher. Problematisch sei zudem, dass in Kindergärten häufig die Bezugspersonen wechselten.

Intelligenztests - was sagen sie aus?

Zum Messen der intellektuellen Fähigkeiten des Schülers wird dann zumeist ein standardisierter IQ-Test herangezogen. Diese Tests sollen in erster Linie die Begabungsrichtung und die Intelligenzhöhe des getesteten Kindes bestimmen. Die Testergebnisse bestätigen oft die Einschätzung der Eltern hinsichtlich der Begabungen ihres Kindes und schützen davor, den Sohn oder die Tochter zu über- bzw. zu unterfordern.

Kluge Hirne filtern besser

Forscher der University of Rochester wollten herausfinden, ob sich die optische Wahrnehmung bei Menschen je nach Intelligenz-Quotient unterscheidet. Das Ergebnis des IQ-Tests hat sie selbst überrascht: Probanden mit einem hohen IQ konnten zwar schneller erkennen, dass sich ein Bild mit Streifen bewegte. Ging es allerdings darum, etwas im Hintergrund zu erkennen, waren sie deutlich langsamer als Personen mit niedrigerem IQ. Die US-Forscher deuten das so: Bei intelligenteren Menschen filtere das Hirn unwichtige Informationen heraus. Diese würden erst gar nicht verarbeitet. Bisherige IQ-Tests kranken oft daran, dass sie verbale Aufgaben enthalten und spezifisch für Menschen aus unserem Kulturkreis zugeschnitten sind. Der neue Test könnte daher eine kultur-unabhängige Methode sein, um die Intelligenz eines Individuums zu testen, so die Forscher.

Wer den Streifentest einmal selbst probieren möchte, kann ihn in diesem Video nachvollziehen:

Förderung von Hochbegabten

Selbstständiges und projektorientiertes Arbeiten steht im Vordergrund.

Lehrer orientieren sich bei der Vermittlung des Lernstoffs zumeist am Klassendurchschnitt. Bei Schülern, die mehr Stoff verarbeiten könnten, als der Lehrplan in einer bestimmten Zeit vorsieht, hat der Lehrer zwei Möglichkeiten: Er kann den normalen Unterricht beschleunigen (Akzeleration) oder anreichern (Enrichment). Beide Maßnahmen setzen eine flexible Unterrichtsgestaltung und motivierte Pädagogen voraus.

Beschleunigung der Schullaufbahn

Unter Beschleunigung versteht man die frühzeitige Einschulung in die Grundschule, den frühzeitigen Übergang in weiterführende Schulen oder auf die Universität und das Überspringen einer oder mehrerer Klassen. Beschleunigung muss aber nicht immer nur das Überspringen einer Jahrgangsstufe bedeuten: So kann ein begabter Schüler auch ein Schulbuch eigenständig schneller durcharbeiten.

Anreicherung des Unterrichts

Eine besondere Begabung kann auch beim Sport gegeben sein.

Mit Anreicherung ist die Erweiterung oder Vertiefung des Lehrstoffs gemeint. So kann man in Extra-Wahlfächern weitere Interessensgebiete anbieten und fördern wie Musik, Sport, Fremdsprachen, fremde Kulturen und Völker, Raumfahrt, Kunst und Geschichte - entsprechend den Anlagen des Schülers und den Möglichkeiten der Schule.

Förderklassen in Bayern

Mittlerweile gibt es in Bayern, über alle Regierungsbezirke verteilt, an acht Gymnasien Förderklassen für Hochbegabte: in Augsburg, Bayreuth, Deggendorf, Gauting, München, Nürnberg, Weiden und Würzburg. Ein mehrstufiges Aufnahmeverfahren soll sicherstellen, dass die Schüler tatsächlich hochbegabt sind. Ein Schulpsychologe untersucht jeden Bewerber und schreibt ein diagnostisches Gutachten. Bei erfolgreicher Beurteilung werden die Schüler zu Kennenlern-Tagen eingeladen, um herauszufinden, ob sie auch in der Klasse zueinanderpassen.

Bei Hochbegabten: weniger Wiederholung, dafür mehr Vertiefung im Unterricht.

Im Hochbegabtenprogramm sollen die Schüler ihre Kreativität entfalten und ihre Begabungen herausbilden. Der Unterricht hat ein höheres Lerntempo mit weniger Wiederholungen. Dafür sind mehr anspruchsvolle Übungen vorgesehen, zum Beispiel Referate und Präsentationen. In zusätzlichen Schulstunden stehen selbstbestimmtes und projektorientiertes Arbeiten im Vordergrund.


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Kommentare

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Hannah, Dienstag, 31.Januar, 18:56 Uhr

4. Hochbegabung, noch ein Tagesgespräch angedacht ?

Leider war ich heute nicht zu Hause um bei dieser Diskussion teilzunehmen.
Dazu könnte ich viel beitragen, da ich wegen meinem Sohn voll involviert war.
Ich selbst bin auch von vielen Eltern angesprochen worden, die Hilfe, Beratung dringend
nötig hatten. Es wäre schön, wenn zu diesem Thema Hochbegabung, Schul-u.soziale Schwierigkeiten
u.vieles mehr, noch einmal ein Beitrag möglich wäre. Nur kurz soviel, sollte ihr Kind in der Schule sehr auffällig werden, machen sie bei ihrem Kind einen Intelligenztest. Der alleine hilft allerdings nicht. Wir haben uns noch in München an den Psychologischen Dienst, Pündtnerplatz gewandt und da wurde uns sehr geholfen. Die machen auch Tests, wieviel Schulwissen, Stoff der jeweiligen Klasse bei ihrem Kind
vorhanden ist. Das kann wichtig sein, um zu wissen, ob eine Klasse übersprungen werden soll, kann.
Auch gibt es einen Hochbegabten Verein, der für die Kinder Kurse aller Art anbietet.
Bei solchen Kindern ist jede Anregung hilfreich.

Bekannter von Lehrern, Dienstag, 31.Januar, 12:30 Uhr

3. Förderung

Es gab früher wohl an mehreren Schulen solche Hochbegabten-Förderprogramme.

Aber für diese Programme in naturgemäß sehr kleinen Gruppen wurden dann Studiendirektoren ausgewählt. Die kommen aber wohl oft an ihre Stellen nicht aufgrund besonderer fachlicher Leistungen, sondern weil sie dem Schulleiter passen.
Und der Grund ist oft eine Art verwaltungsmäßige "Fähigkeit", die natürlich wenig mit dem Unterrichtserfolg zu tun haben muss.

Inwiefern die dann für die Förderung Hochbegabter geeignet sind, ist eher zweifelhaft.

Bekannter von Lehrern, Dienstag, 31.Januar, 12:18 Uhr

2. Bürokratie gegen Begabung

Ein Bekannter erzählte vor einigen Jahren, wie sein Schulleiter mit einem offensichtlich Hochbegabten in der Mittelstufe eines Gymnasiums umging:
In einem Unterrichtsbesuch konnte auch der Schulleiter erkennen, dass dieser Schüler, der mehreren Fächern der Klassenbeste war, auch dem geprüften Fach alles optimal beherrschte.

Dann nahm er allerdings dessen Heft in die Hand und stellte fest, dass das völlig chaotisch geführt war, auch in einem entsprechenden äußeren Zustand.

Der Schulleiter wollte jetzt den Lehrer verpflichten, den Schüler mit Ordnungsmaßnahmen wie Nacharbeiten am Freitag Nachmittag, dazu zu bringen, ein "ordentliches" Heft zu führen. Das sei genauso wichtig, wie die Kenntnis des Stoffs.

Kommentar überflüssig!

Kerstin Friedrich , Montag, 09.Dezember, 09:22 Uhr

1. Förderung - sehr schwer

Danke für den Artikel, allerdings muss ich als Mutter von zwei kleinen Genies bestätigen, dass es ohne intensive Anreicherung in der Freizeit regelrecht zum Chaos in der Schule führt. Je mehr und unterschiedlicher ich die Kinder mit Museumsbesuchen, Werkarbeiten oder Ausflügen "füttere" um so eher haben wir die Chance, dass der Stoff für die Schule hängen bleibt. Leider haben wir bei der großen keinen Platz am Maria-Theresia Gymnasium bekommen und in ihrer jetztigen Schule heißt es sogar noch, "ist die wirklich hochbegabt oder faul ?" Mit viel Engagement vom Elternhaus können wir diese fatale Einstellung der Lehrer unserer Tochter gegenüber ausbügeln, müssen sie motivieren und ihr Selbstbewußtsein stärken.

P.S. Pilotentestfragen sind z.B. genialer Zeitvertreib für meine 12 jährige !!! na dann

  • Antwort von Oliver S., Dienstag, 31.Januar, 10:32 Uhr

    " ... muss ich als Mutter von zwei kleinen Genies bestätigen ..."

    Also mir wäre es zu peinlich, von meinen eigenen Kindern zu behaupten, sie wären Genies. Ich käme mir da etwas arg überheblich vor. Vielleicht tuen sich Ihre Kinder auch einfach nur leicht und langweilen sich deshalb mit dem Schulstoff? So geht es einer meiner Töchter nämlich auch. Nur würde ich nie behaupten, sie wäre ein Genie ...

  • Antwort von hochbegabt und ungefördert, Dienstag, 31.Januar, 14:43 Uhr

    Sehr geehrter Herr Oliver S. - Hallo, mein Gott, jetzt sein 'S doch net gar so pingelig ;-) das Wort "Genie" war doch (von dieser Mutter) wohl sicher nur "im übertragenen Sinne" so gemeint, um es kurz zu fassen.
    Ich selbst wäre wohl eventuell ein normal-guter Geiger, Grafiker oder Pianist geworden, hätte man mein Talent erkannt und tatsächlich "be- fördert". Ich habe mich in sehr viel Unterrichtsstunden jahrelang zu Tod gelangweilt. Abgesessene Lebenszeit. Und Mathe hätte ich sowieso direkt "abgewählt", weil es sich mir das eh nie ganz erschlossen hat; obwohl ich versucht habe "gute Noten" zu schreiben.
    Aber 1 gute Zensur kann wirklich trotzdem "totes" Wissen bedeuten.
    Wie hätten sich z.B. Leonardo da Vinci oder W.A. Mozart mit ihren "Multi-Talenten" in unseren heutigen Schulen "benommen" (integriert?), wahrscheinlich wären sie (wegen Schwererziehbarkeit) auf eine geschlossene Klinikschule als "unbeschulbar" eingestuft worden. Wirklich "furchtbar" diese "kleinen Genies", oder ?

  • Antwort von Hannah, Dienstag, 31.Januar, 20:14 Uhr

    Hochbegabt und ungefördert
    Ich konnte mir das Problem mit der Langeweile selbst immer sehr gut vorstellen.
    Alleine bei meinen Meetings, bei denen ein paar Dummschwätzer immer ihre gleichen
    sinnentleerten Sätze losbringen mußten. Da war ich gedanklich weg !
    Deshalb konnte ich mir das bei meinem Sohn in der Schule gut vorstellen.
    Er hat halt dann Hochhäuser entworfen und sonstigen Unsinn angestellt.
    Er ist verhaltensauffällig geworden. Früher wäre er wahrscheinlich auf einer Sonderschule gelandet. Er war auch meist kein Einserschüler. Die Einser hatte er nur, wenn die Lehrerin schöne,
    begehrte Sticker als Belohnung verteilt hat. Sein Allgemeinwissen war aber außergewöhnlich.
    Wir mussten dann aber doch handeln, weil er vor lauter Langeweile immer auffälliger wurde.
    Mittlerweile erwachsen ist er in seinem Studium immer einer der Besten.
    Es ist nochmal gut ausgegangen. Bei den Meetings allerdings ......
    Und mit Genie, sogar Hochbegabung habe ich auch noch immer Probleme