Telekolleg - Deutsch


9

Fakten Fakten zu Schiller und Büchner

Wenn man den zentralen Konflikt oder die Gesamtabsicht eines Stückes bestimmen soll, dann ist es eine reine Textanalyse nicht ausreichend. Weitere Recherchen über den Autor sind nötig sowie Hintergrundwissen, dass man über Lexika und Sekundärliteratur erhalten kann.

Stand: 19.01.2013 | Archiv

Theaterszene Don Carlos in Schwerin | Bild: picture-alliance/dpa

Sowohl Friedrich Schiller als auch Georg Büchner setzen sich in ihren Werken mit historischen Persönlichkeiten im Spannungsfeld zwischen Anpassung und Aufbegehren auseinander. In diesem Fall liefern die Nachschlagewerke z.B. von Hans Dieter Gelfert und Wolfgang Beutin (siehe Literaturhinweis) wissenswerte Hintergrundinformationen zu dem Grundkonflikt im Don Carlos einerseits und zu Büchners dramatischem Schaffen andererseits.

1. Zum Grundkonflikt des Don Carlos: Wann ist historisches Handeln legitim?

Die meisten Dichter haben ein Hauptmotiv, das ihr Werk bestimmt. D.h. in der Vielfalt der Stoffe und Welten, die Dichter entwerfen, zieht sich meist ein zentrales Problem, eine einzige Frage durch, die nach immer neuen Lösungen sucht.

Bei Schiller ist es das "Problem der Legitimität von historischem Handeln", das Gelfert als ein Grundproblem aller Dramen dieses großen Dichters ausmacht. Das Bestechende an Gelferts Interpretation dieses zentralen Motivs ist, dass er damit einen Bogen schlägt von den frühen Dramen und bürgerlichen Trauerspielen zu den historischen Dramen der Weimarer Klassik, die sich von dem beschränkten Stoff (Familie) und dem leidenschaftlichen Pathos der frühen absetzen: Don Carlos 1787 erschienen, d.h. nach seiner Sturm-und-Drang-Periode und vor der Weimarer Klassik, ist die Schnittstelle dieses Übergangs:

"Schon in den `Räubern´ hatte Schiller das Grundmodell aller seiner späteren Stücke entfaltet. Hier stehen sich zwei feindliche Brüder gegenüber, von denen sich der böse das Vertrauen des Vaters und damit die reale Legitimation erschlichen hat, während der gute und damit moralisch legitimierte nur ohne die gesetzliche Legitimität, nämlich als Räuber, in das Geschehen eingreifen kann, um die historische Realität mit den Forderungen der Moralität in Übereinstimmung zu bringen. Dieses Grundmuster kehrt in besonders prägnanter Form in Don Carlos wieder. Dort ist ein schwacher Prinz der Anwärter auf den Thron eines auf Misstrauen und Repression begründeten Regimes. Der von edlem Freiheitspathos beseelte Marquis Posa hätte die moralische Qualität und das persönliche Charisma, um Spanien aus der politischen Finsternis herauszuführen. Aber da er nicht Thronerbe ist, fehlt ihm jede Legitimation. Er kann nur versuchen, dem Prinz Carlos die eigenen Ideen einzuflößen und durch ihn hindurch zu handeln. Dies tut er auch, aber er scheitert an der Schwäche und Unentschlossenheit des Prinzen. In Wallenstein wird das Grundmuster noch detaillierter ausgeführt. Hier stehen sich zwei Lager gegenüber: das des historisch legitimierten Kaisers und das Wallensteins, der die persönliche Qualifikation hätte, das Reich aus der verworrenen Lage zu retten und ihm eine neue Zukunft zu eröffnen. Aber Wallenstein kann dies nur, indem er sich gegen den Kaiser wendet und damit zum Rebellen wird." (Gelfert S.106f.)

In Demetrius, in Maria Stuart, ja selbst in Kabale und Liebe entdeckt Gelfert diese Problemstruktur: Das Auseinanderdriften und den tragische ausgehenden Konflikt von historisch legitimierten Machthabern und den moralisch legitimierten Individuen, die unter den widrigen Bedingungen ihrer Zeit zu Rebellen werden.

2. Widersprüchliche Reflexe auf die Französische Revolution

Unter dem Eindruck des blutigen Ausgangs der französischen Revolution hatte Schiller diese Sicht der Geschichte entwickelt, "als ihm klar wurde, zu welchen Folgen der nicht legitimierte Eingriff in den Geschichtsprozess führt." Wie Goethe lehnte Schiller bald entschieden die Revolution ab und setzte ganz auf eine allmähliche Evolution: Insbesondere seine theoretischen Entwürfe, die stark von Schillers Auseinandersetzung mit Kant zeugen, warnen vor dem gewaltsamen Eingreifen moralisch sittlicher Individuen in den historischen Prozess:

Nun ist aber der physische Mensch wirklich, und der sittliche nur problematisch. Hebt also die Vernunft den Naturstaat auf, wie sie notwendig muß, wenn sie den ihrigen an die Stelle setzen will, so wagt sie den physischen und wirklichen Menschen an den problematischen sittlichen, so wagt sie die Existenz der Gesellschaft an ein bloß mögliches (wenngleich moralisch notwendiges) Ideal von Gesellschaft. (...)Wenn der Künstler an einem Uhrwerk zu bessern hat, so läßt er die Räder ablaufen; aber das lebendige Uhrwerk des Staates muß gebessert werden, indem es schlägt, und hier gilt es, das rollende Rad während seines Umschwunges auszutauschen.“(Friedrich Schiller zitiert nach Gelfert S.108 aus: Über die Ästhetische Erziehung des Menschen, 3. Brief)

Jenseits der idealistisch inspirierten theoretischen Schriften bleibt Schiller aber höchst ambivalent:

"Als Philosoph machte Schiller Front gegen die Französische Revolution, die er anfangs begrüßt und die ihn danach entsetzt hatte. Als Dichter aber konnte er gar nicht anders, als für die großen, edlen, wenngleich schuldbeladenen Individuen Partei zu ergreifen, die in das Räderwerk der Geschichte eingreifen und dabei selbst unter die Räder kommen. Sein Herz schlug für Maria Stuart, nicht für Elisabeth, für Wallenstein, nicht für Octavio Piccolomini, und es kann gar keinen Zweifel daran geben, daß er sich einen Don Carlos mit dem Geist von Marquis Posa auf dem Thron Philipps ... gewünscht hätte. Als Philosoph begründete er die metaphysische Legitimität des Staates, als Dichter hingegen zeigte er charismatische Menschen, die sich gegen diese Legitimität stellen und die an der Spitze des Staates die Unmenschlichkeit der abstrakten Macht mit natürlicher Menschlichkeit versöhnt hätten, wenn sie im Besitz des einen gewesen wären, das ihnen fehlte: der historischen Legitimation." (Gelfert S.110)

Gelferts Analyse von Schillers ambivalentem Verhältnis zur Revolution als Dichter und Denker zeigt auch, dass es nicht damit getan ist, die theoretischen Statements und Absichtserklärungen von Dichtern einfach auf ihre Dichtungen zu übertragen, auch hier gilt es genau hinzuschauen.

3. Georg Büchner – Materialist und Revolutionär: "Magenfrage" statt "Preßfreiheit"

Szene aus Woyzeck

Gerade einmal 24 Jahre alt ist Georg Büchner geworden, einer der größten deutschsprachigen Dramatiker, der heute als ein "unzeitgemäßer Moderner" (Beutin S.232) gefeiert wird: Naturalisten wie Expressionisten, das politische wie das absurde Theater stellen sich in die von ihm begründete Tradition. Aber Büchner war nicht bloß Schriftsteller, sein Engagement galt zunächst der Medizin und der Politik. Sein Thema: die Solidarität mit der unterdrückten, geschundenen, gebeutelten Kreatur und der Versuch, diese zu unterstützen und zu befreien.

Am 17. Oktober 1813 im hessischen Goddelau als erster Sohn eines Arztes geboren, schlug Büchner zunächst die Profession seines Vaters ein und studierte Medizin in Straßburg und Gießen (später auch in Zürich, wo er promovierte). Schon in Straßburg notierte der Student:

"Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt. Wir wissen, was wir von unseren Fürsten zu erwarten haben. Alles, was sie bewilligen, wurde ihnen durch die Notwendigkeit abgezwungen. Und selbst das Bewilligte wurde uns hingeworfen wie eine Gnade und ein elendes Kinderspielzeug, um dem ewigen Maulaffen Volk seine zu eng geschnürte Wickelschnur vergessen zu machen." (Büchner zitiert nach Beutin S.233)

Gleichzeitig kündigte er an, sich selbst aus revolutionären Aktionen zurückhalten zu wollen, weil er für sie im gegenwärtigen Deutschland keine Chance sah, "weil ich ... nicht die Verblendung derer teile, welche in den Deutschen ein zum Kampf für sein Recht bereites Volk sehen." (Büchner zitiert nach Beutin S.233)

Entsetzt über die Schikanen der Obrigkeit und die Gewalt in Hessen, gründete er dennoch mit dem bedeutenden Demokraten und Pfarrer Ludwig Weidig die subversive Gesellschaft für Menschenrechte, die mächtig wurde "im Kontext der republikanischen und frühproletarischen Agitation nach der Julirevolution" (Beutin S.232f.).

Im Juli 1834 brachte er zusammen mit Weidig den Hessischen Landboten heraus, ein Flugblatt, das die hessische Landbevölkerung zum Aufstand gegen die Unterdrückung aufrief. Über dieses revolutionäre Flugblatt schrieb Büchners erster Herausgeber, Karl Emil Franzos 1878:

"Zum erstenmale in Deutschland tritt darin ein Demokrat nicht für die geistigen Güter der Gebildeten ein, sondern für die materiellen der Armen und Unwissenden; zum erstenmale ist hier nicht von Preßfreiheit, Vereinsrecht und Wahlcensus die Rede, sondern von der 'großen Magenfrage'; zum erstenmale tritt hier an die Stelle politisch-demokratischen Agitation die social-demokratische Klage und Anklage." (Zitiert nach Beutin S.233)

Nach dem Scheitern der im Hessischen Landboten geplanten Aktionen – viele Verteiler wurden verhaftet, auch Büchner selbst musste vor den Untersuchungsrichter, die Revolution blieb bekanntlich aus – zog sich Büchner aus der Arbeit im politischen Untergrund zurück und wurde literarisch ungeheuer produktiv. Zwischen Januar 1835 und Winter 1836/37 schrieb er Dantons Tod, Lenz, Leonce und Lena, seine medizinische Promotion über das Nervensystem der Fische und den Woyzeck. Am 19. Februar starb er in Zürich an Tuberkulose. Für all seine Dramen ist bestimmend, was Beutin bezeichnet als "Spannung von praktisch folgenreicher Erkenntnis (herrschender Gewaltzustand, Notwendigkeit von Gegengewalt, aktive Rolle des Volkes ...) und der resignativen Einsicht, 'dass nichts zu tun ist', weil das Kräfteverhältnis gegenwärtig so ungünstig ist" (Beutin S.233).

4. Büchner versus Schiller

Kaum verwunderlich bei diesem so wachen und illusionslosen, so kämpferischen wie resignierten Blick auf das gesellschaftliche und politische Unrecht ist, dass dieser engagierte Dichter mit den weltflüchtigen Romantikern genauso wenig anfangen konnte wie mit Schiller. Letzteren kritisierte Büchner scharf als "Idealdichter" und bekämpfte seine Prinzipien als "schmählichste Verachtung der menschlichen Natur" (Büchner zitiert nach Beutin S.234). Sein eigenes dramatisches Schaffen sah er vor allem in der Nachfolge Shakespeares:

"Wenn man mir übrigens noch sagen wollte, der Dichter müsse die Welt nicht zeigen, wie sie ist, sondern wie sie sein solle, so antworte ich, daß ich es nicht besser machen will, als der liebe Gott, der die Welt gewiß gemacht hat, wie sie sein soll. Was noch die sogenannten Idealdichter anbetrifft, so finde ich, daß sie fast nichts als Marionetten mit himmelblauen Nasen und affektiertem Pathos, aber nicht Menschen von Fleisch und Blut gegeben haben ... Mit einem Wort, ich halte viel auf Goethe oder Shakespeare, aber sehr wenig auf Schiller." (Büchner, Brief vom 28. Juli 1835 an seine Familie, zitiert nach Gelfert S.122)

Das pralle Leben ist es, was ihn bei Shakespeare so fasziniert, eine Sympathie für alles, was sich regt, sei es nun schön oder hässlich. Diese Leidenschaft legt Büchner dem Sturm-und-Drang-Dichter Lenz in der gleichnamigen Novelle in den Mund und legt damit zugleich den Grundstein für eine "Ästhetik des Häßlichen" (Beutin S.234).

"Ich verlange in allem – Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist's gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist. Das Gefühl, daß, was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen beiden und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen. Übrigens begegnet es uns nur selten: In Shakespeare finden wir es, und in den Volksliedern tönt es einem ganz, in Goethe manchmal entgegen; alles übrige kann man ins Feuer werfen ... Man muß die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes einzudringen; es darf einem keiner zu gering, keiner zu häßlich sein, erst dann kann man sie verstehen; das unbedeutendste Gesicht macht einen tiefern Eindruck als die bloße Empfindung des Schönen, und man kann die Gestalten aus sich heraustreten lassen, ohne etwas vom Äußern hineinzukopieren, wo einem kein Leben, keine Muskeln, kein Puls entgegenschwillt und pocht." (Büchner, Lenz)

Quellen:

  • Hans-Dieter Gelfert. Wie interpretiert man ein Drama? Stuttgart 2000.
  • Wolfgang Beutin, Klaus Elert, Wolfgang Emmerich (Hrsg.) Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart/Weimar 1994

9