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Fakten Formen der Lyrik

Traditionell unterscheidet man die Gedicht-Formen: Ballade, Volkslied, Ode, Elegie und Hymne. Allerdings steht den Dichtern frei, die Elemente zu mischen und die Formen zu sprengen.

Stand: 18.01.2013 | Archiv

Herder Denkmal | Bild: picture-alliance/dpa

1. Ballade

Das mittelalterliche Tanzlied hieß in Italien "ballata", in Frankreich "ballade" – ob es direkte Verbindung zur deutschen "Ballade" hat, darüber streiten sich die Literaturwissenschaftler (siehe Best S.57 versus Meid S.57). Auf alle Fälle hat sich die Ballade im 18. Jahrhundert in Deutschland eingebürgert als Gedicht mit

  • volkstümlich epischen Zügen – es erzählt in gebundener Form ein begrenztes Geschehen
  • mit ungewöhnlichem, geheimnisvollem, meist tragischem Stoff,
  • in knapper, andeutender Form, oft
  • dramatisch aufgebaut (vgl. Best S.57).

Balladen vereinigen also lyrische Elemente (Grundstimmung/gebundene Form) mit epischen Stoffen und dramatischem Aufbau. Man unterscheidet die Volksballaden, die einen unbekannten Verfasser haben und zunächst mündlich überliefert und dann z.B. von Johann Gottfried Herder (1744-1803), Achim von Arnim (1781-1831) und Clemens Brentano (1778-1842) gesammelt und aufgezeichnet wurden, von den Kunstballaden, die eigens von bekannten Dichtern geschaffen werden. Als erste Kunstballade gilt August Bürgers Lenore (1773). Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) drückte in seinen frühen Balladen noch die "naive Volkstümlichkeit" aus (Der König von Thule, Heideröslein), Friedrich Schiller (1759-1832)(Der Handschuh) und die Romantiker entdeckten in ihrem epischen Grundcharakter die Möglichkeit zu weiteren Stil- und Ausdrucksformen: Von der ernsten "Ideenballade" Schillers bis hin zur romantischen Künstlerballade und zu der sozialen Ballade von Adelbert Chamisso (1781-1838) und Heinrich Heine (1797-1856) (Die Grenadiere) bot diese Gedichtform Möglichkeiten zur satirischen und parodistischen Kritik und zu subversivem schwarzen Galgenhumor. Brecht (Ballade von der Kindesmörderin Marie Farrat) entdeckte in dieser epischen Gedichtform das Potenzial zur scharfen Kritik an Politik und Gesellschaft und inspirierte damit wiederum zahlreiche politische Liedermacher des letzten Jahrhunderts: Franz Josef Degenhardt, Hannes Wader und Wolf Biermann.

2. Volkslied

Das Volkslied gehört zu der wichtigsten und schlichtesten Form der Lyrik, dem Lied. In ihm zeigt sich noch, dass Lyrik ursprünglich nicht gelesen, sondern – begleitet von der Lyra, daher der Name – gesungen wurde. Volkslied ist ein von Johann Gottfried Herder geprägter Ausdruck (als Übersetzung von engl. popular song) für ein gereimtes Lied von meist unbekanntem Verfasser, der "dem Volk aus der Seele spricht" (zitiert nach Best S.592) . Bezeichnend für diese Form ist

  • der schlichte Ausdruck,
  • einprägsamer Inhalt,
  • eingängige, einfache (meist gereimte) Form (und Melodie, weshalb es von breiten Volksschichten gesungen wird)
  • die häufige Verwendung von Vierer- oder Dreiertakt und Kehrreim (= Wiederholung von Versen).

Als Johann Gottfried Herder und Johann Wolfgang Goethe den Begriff Volkslied durchsetzten, zielten sie vor allem auf eine neue Auffassung von Dichtung, die sich gegen den Klassizismus der Aufklärung richtete: Dichtung sollte nun unmittelbarer Erlebnisausdruck sein, spontane Gefühlsäußerung: naiv , d.h. ursprünglich, in Stil und Inhalt. (vgl. Meid S.544).

3. Ode

Das Wort kommt auch aus dem Griechischen, wo es Gesang, Lied bedeutete. Heute bezeichnet man damit die Lyrik, die "innerlich und äußerlich geprägt ist von Erhabenheit, Feierlichkeit, Würde, Gedankenschwung und Gefühlstiefe" (Best S.371). Kennzeichen der Ode sind:

  • strophische Gliederung
  • metrisch gebundene Form
  • meist ohne Reime
  • strenger Aufbau, z.B. triadisch: Strophe – Gegenstrophe – Nachstrophe.
  • Höhepunkte der deutschen Odendichtung sind Friedrich Gottlieb Klopstocks (1724-1803) enthusiastische und Friedrich Hölderlins (1770-1843) von tragischer Grundstimmung getragene Oden, z.B. Diotima:

Diotima
Du schweigst und duldest, denn sie verstehn dich nicht,
Du edles Leben! siehest zur Erd' und schweigst
Am schönen Tag, denn ach! umsonst nur
Suchst du die Deinen im Sonnenlichte,

Die Königlichen, welche, wie Brüder doch,
Wie eines Hains gesellige Gipfel sonst
Der Lieb' und Heimath sich und ihres
Immerumfangenden Himmels freuten,

Des Ursprungs noch in tönender Brust gedenk;
Die Dankbarn, sie, sie mein' ich, die einzigtreu
Bis in den Tartarus hinab die Freude
Brachten, die Freien, die Göttermenschen,

Die zärtlichgroßen Seelen, die nimmer sind;
Denn sie beweint, so lange das Trauerjahr
Schon dauert, von den vor'gen Sternen
Täglich gemahnet, das Herz noch immer

Und diese Todtenklage, sie ruht nicht aus.
Die Zeit doch heilt. Die Himmlischen sind jetzt stark,
Sind schnell. Nimmt denn nicht schon ihr altes
Freudiges Recht die Natur sich wieder?

Sieh! eh noch unser Hügel, o Liebe, sinkt,
Geschiehts, und ja! noch siehet mein sterblich Lied
Den Tag, der, Diotima! nächst den
Göttern mit Helden dich nennt, und dir gleicht.
(Friedrich Hölderlin StA, Band 2, Seite 28.)

4. Elegie

In der Antike bezeichnete man alle Gedichte in Distichen als Elegie. Was ein Distichon ist, dichtet Friedrich Schiller sinnfällig:

Das Distichon
Im Hexameter steigt des Springquelles flüssige Säule,
Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab.
(Friedrich Schiller zitiert nach Best S.124)

Das Distichon (gr. Doppelvers) bezeichnet also ein Verspaar aus Hexameter und Pentameter, und eine Elegie besteht ursprünglich aus lauter aneinandergereihten Distichen – daher auch der Name "Römische Elegien" bei Johann Wolfgang Goethe. Die Elegie bezeichnet im Besonderen das "Klage"-Gedicht, den Ausdruck der Trauer über Verlust, Tod, Trennung, Zerrissenheit des Daseins – kurz der Vergänglichkeit und Hinfälligkeit alles Irdischen.

Höhepunkt der elegischen Dichtung in Deutschland ist ebenfalls das Werk Friedrich Hölderlins, Rainer Maria Rilke hat ihm mit seinen Duineser Elegien ein modernes Pendant geschaffen.

Menons Klagen um Diotima
Täglich geh ich heraus und such ein Anderes immer,
Habe längst sie befragt, alle die Pfade des Lands;
Droben die kühlenden Höhn, die Schatten alle besuch ich,
Und die Quellen; hinauf irret der Geist und hinab,
Ruh’ erbittend; so flieht das getroffene Wild in die Wälder,
Wo es Mittag sonst sicher im Dunkel geruht; ...
(Friedrich Hölderlin)

5. Hymne

bedeutet griechisch Festgesang und bezeichnet ursprünglich einen kultisch oder religiös verankerten Weihe- oder Preisgesang zu Ehren eines Gottes. (vgl. Best S.239). Seit dem Barock und insbesondere inspiriert von Friedrich Gottlieb Klopstocks enthusiastischer Dichtung in freien Rhythmen (z. B. Dem Allgegenwärtigen) öffnete sich die Hymne auch dem subjektiven religiösen Gefühl und anderen Themen, die eine erhabene Behandlung vertrugen: Freundschaft, Freiheit, Vaterland etc.
Kennzeichen der Hymnen sind

  • gehobene Sprache
  • erhabener Tonfall
  • freie Rhythmen metrische Ungebundenheit.

Berühmt und im "Dritten Reich" gründlich missbraucht wurden Friedrich Hölderlins große Hymnen, die "vaterländischen Gesänge" Germanien und Der Rhein. Im 20. Jahrhundert versuchten sich u.a. Stefan George und Johannes R. Becher an diesem hohen Ton, den auch die Romantiker schätzten:

Novalis 6. Hymne an die Nacht:

Sehnsucht nach dem Tode
Hinunter in der Erde Schoß,
Weg aus des Lichtes Reichen,
Der Schmerzen Wut und wilder Stoß
Ist froher Abfahrt Zeichen.
Wir kommen in dem engen Kahn
Geschwind am Himmelsufer an.
Gelobt sei uns die ew'ge Nacht,
Gelobt der ew'ge Schlummer.
Wohl hat der Tag uns warm gemacht
Und welk der lange Kummer.
Die Lust der Fremde ging uns aus,
Zum Vater wollen wir nach Haus.

Was sollen wir auf dieser Welt
Mit unsrer Lieb und Treue.
Das Alte wird hintangestellt,
Was soll uns dann das Neue.
Oh! einsam steht und tiefbetrübt,
Wer heiß und fromm die Vorzeit liebt.

Die Vorzeit, wo die Sinne licht
In hohen Flammen brannten,
Des Vaters Hand und Angesicht
Die Menschen noch erkannten,
Und hohen Sinns, einfältiglich
Noch mancher seinem Urbild glich.

Die Vorzeit, wo noch blütenreich
Uralte Stämme prangten
Und Kinder für das Himmelreich
Nach Qual und Tod verlangten.
Und wenn auch Lust und Leben sprach,
Doch manches Herz für Liebe brach.

Die Vorzeit, wo in Jugendglut
Gott selbst sich kundgegeben
Und frühem Tod in Liebesmut
Geweiht sein süßes Leben.
Und Angst und Schmerz nicht von sich trieb,
Damit er uns nur teuer blieb.

Mit banger Sehnsucht sehn wir sie
In dunkle Nacht gehüllet,
In dieser Zeitlichkeit wird nie
Der heiße Durst gestillet.
Wir müssen nach der Heimat gehn,
Um diese heil'ge Zeit zu sehn.

Was hält noch unsre Rückkehr auf,
Die Liebsten ruhn schon lange.
Ihr Grab schließt unsern Lebenslauf,
Nun wird uns weh und bange.
Zu suchen haben wir nichts mehr –
Das Herz ist satt – die Welt ist leer.

Unendlich und geheimnisvoll
Durchströmt uns süßer Schauer –
Mir deucht, aus tiefen Fernen scholl
Ein Echo unsrer Trauer.
Die Lieben sehnen sich wohl auch
Und sandten uns der Sehnsucht Hauch.

Hinunter zu der süßen Braut,
Zu Jesus, dem Geliebten –
Getrost, die Abenddämmrung graut
Den Liebenden, Betrübten.
Ein Traum bricht unsre Banden los
Und senkt uns in des Vaters Schoß.

Quellen:

  • Otto F. Best. Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele. Frankfurt a.M. 2000 (5. Aufl.)
  • Volker Meid. Sachwörterbuch zur deutschen Literatur. Stuttgart 1999

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