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Kommunikation und Sprache Störungen erkennen 1

Von: Maria Geipel

Stand: 03.04.2017

Symbol | Bild: Angela Smets/BR

Analysiere, worin die Kommunikationsstörung besteht und welche Ursachen denkbar sind. Skizziere Möglichkeiten, um die Situation zu entschärfen:

Elisabeth und Christoph sehen sich ihren Lieblingsfilm an. Elisabeth stützt ihren Kopf auf Christophs Schulter. Bei einer Szene, in der ein Strand und Palmen zu sehen sind, seufzt Christoph lächelnd: "Unser letzter Urlaub war toll." Elisabeth atmet langsam aus und beginnt zu weinen: "Du verdienst ja auch Geld wie Heu." Christoph steht auf und verlässt wortlos den Raum.

Schritt für Schritt-Lösung

In insgesamt 7 Schritten.

1: Was sendet Christoph?

Hierfür greifst du auf das Nachrichten-Quadrat von Schulz von Thun zurück.

  • Sachinhalt: Der Urlaub war tatsächlich toll. 
  • Selbstkundgabe: Ich schwelge in positiven Erinnerungen. Ich habe den Urlaub genossen.
  • Beziehungshinweis: Mit dir war der Urlaub toll. Du hast ihn zu einem wunderbaren Erlebnis gemacht.
  • Appell: Erinnere dich mit mir gemeinsam daran. Oder: Fahr mit mir wieder in den Urlaub.

Das verbal Geäußerte und das para- sowie nonverbale Verhalten stehen nicht in Widerspruch zueinander. Die Intention, die Christoph verfolgt, kommt allerdings nicht deutlich zum Vorschein.

2: Wie reagiert Elisabeth?

  • Verbal: Sie nutzt Wörter.
  • Paraverbal: weinerliche, schluchzende Stimme
  • Nonverbal: betontes Ausatmen

Elisabeth reagiert negativ, traurig und verletzt auf seine Nachricht. Das geht aus ihrem gesamten Verhalten hervor.

3. Wie entschlüsselt sie die Nachricht?

  • Sachinhalt: Ja, unser Urlaub war schön. Das ist richtig.
  • Selbstkundgabe: Ihm fällt Zuhause die Decke auf den Kopf.
  • Beziehungshinweis: Er hält mich für langweilig. Wir erleben zu wenig gemeinsam. Ich bin schuld, denn er will ja wegfahren.
  • Appell: Ich soll mit ihm in den Urlaub fahren.

Appell- und Beziehungsohr arbeiten zusammen. Elisabeth geht von dem Vorwurf aus, dass sie die Schuld an einem fehlenden Urlaub trägt.

4. Was interpretiert und was fühlt sie?

  • Ihre Interpretation: Er schiebt mir die Schuld in die Schuhe. Er kritisiert mich.
  • Ihre Gefühle: Ich bin traurig und fühle mich ungerecht behandelt.

Weder die Interpretation noch die Gefühle werden in ihrer Nachricht transparent gemacht.

5: Was sendet sie?

  • Sachinhalt: Er hat einen gut bezahlten Job.
  • Selbstkundgabe: Ich bin verletzt. Ich habe nicht genug Geld.
  • Beziehungshinweis: Deine Bedürfnisse kann ich nicht zufriedenstellen. Du setzt mich unter Druck. Du erwartest zu viel. Du bist ungerecht. Wir erleben wegen mir nichts.
  • Appell: Lass mich in Ruhe. Oder: Gib mir finanzielle Unterstützung.

Mit der Nachricht richtet sie einerseits direkt einen Vorwurf an Christoph. Andererseits rechtfertigt sie sich für den fehlenden Urlaub. Hier wird primär auf der Beziehungsebene kommuniziert.

6 und 7: Fasse die Erkenntnisse zusammen und deute Konfliktlösungsstrategien an.

Die Nachricht von Christoph kann als kongruent bezeichnet werden, denn das verbal, paraverbal und nonverbal Kommunizierte ist nicht widersprüchlich. Sein Lächeln signalisiert, dass er Elisabeth wohlgesinnt ist. Er schwelgt in positiven Erinnerungen an den letzten gemeinsamen Urlaub. Welchen Appell er damit verbindet, geht allerdings nicht eindeutig hervor. Wünscht er sich ein Gespräch mit Elisabeth über den Urlaub? Wünscht er sich, dass sie mit ihm in den Urlaub fährt?

Bei Elisabeths Decodierung kommt vor allem die letzte Variante zum Tragen. Sie hört die Aufforderung, erneut mit ihm in den Urlaub zu fahren. Was für andere eine angenehme Vorstellung ist, löst bei ihr Schuldbewusstsein und Unbehagen ihrem Partner gegenüber aus. Sie hört nicht nur mit dem Appellohr, sondern auch mit dem Beziehungsohr. Ihre Interpretation und ihre Gefühle erwachsen jedoch nicht allein aus der Nachricht, sondern sie werden durch Elisabeths Erfahrungen, ihre Stimmung und ihre generelle Lebenssituation beeinflusst. Aus ihrer Reaktion geht hervor, dass ihre finanziellen Möglichkeiten beschränkt sind, was sie offenbar so stark belastet, dass sie Christophs nonverbales Verhalten (Lächeln) nicht bemerkt. Anstatt ihren Lebensumstand und die damit verbundene Innensicht zu verbalisieren, schlägt Elisabeth einen Konfrontationskurs ein. Sie formuliert eine Du-Botschaft, in der sie die Aufmerksamkeit auf Christoph lenkt. Indem sie seine vorteilhafte Lage hervorhebt, rechtfertigt sie sich, warum ein erneuter Urlaub bisher nicht stattgefunden hat. Durch die Übertreibung "Geld wie Heu" signalisiert sie, wie sehr sie sich angegriffen und ungerecht behandelt fühlt. Eine Selbstkundgabe findet zwar statt, aber durch die Hervorhebung der Beziehungsseite gleicht das Gesagte vielmehr einer Zurechtweisung.

Christophs Reaktion, die lediglich nonverbal vollzogen wird, verdeutlicht, dass er mit Elisabeths Antwort überfordert ist und damit nicht gerechnet hat. Die Kommunikationsstörung beruht folglich auf dem Missverhältnis zwischen Intendiertem und Verstandenem.

Um einem weiteren Streit entgegenzuwirken, sollte die Strategie der Metakommunikation Anwendung finden. Hierbei ist die Innensicht der Kommunikationspartner entscheidend. Mithilfe von Ich-Botschaften werden die Gefühle und die Deutungen zugänglich gemacht, sodass der andere die Reaktionen nachvollziehen und sich zu den Interpretationen positionieren kann. Sowohl Elisabeth als auch Christoph sollten ihre Innensicht preisgeben und das Intendierte deutlich formulieren. Erst durch Offenheit und Empathiefähigkeit lassen sich Missverständnisse aus der Welt räumen.

Erklärung der Lösung

Um einen schlüssigen Fließtext zu produzieren, ist eine gründliche Vorarbeit nötig, denn wir müssen erst klären, wie die Kommunikationsstörung zustande kommt. Hierfür müssen wir uns das Wechselspiel zwischen Sender und Empfänger genau ansehen.

Es gilt zu fragen:

  • Was wird gesendet?
  • Wie wird das vom Empfänger aufgenommen?
  • Wie reagiert der Empfänger?
  • Was drückt der Empfänger mit seiner Reaktion aus?

Diese vier Aspekte müssen miteinander verglichen und in Beziehung zueinander gesetzt werden. Als Basis für den Vergleich kann das Modell von Schulz von Thun herangezogen werden. Hierbei ist zu bedenken, dass die Beziehungsseite besondere Aufmerksamkeit verdient.

Wenn du zu jedem Schritt ein bis zwei Sätze notierst, entsteht eine gute Grundlage für den Fließtext. Du musst nicht alles ausformulieren, was du stichpunktartig zusammengetragen hast. Vielmehr kommt es darauf an, aus jedem Schritt mindestens eine Erkenntnis abzuleiten. Durch dieses Vorgehen kannst du die Komplexität der Aufgabe reduzieren und die Anforderungen in kleine Päckchen zerlegen.

Nach dem Abarbeiten der einzelnen Schritte kannst du den Fließtext verfassen. Er stellt eine Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse dar. Aus den gesammelten Stichpunkten ergibt sich nicht nur eine Gliederung, sondern zugleich auch eine Formulierungshilfe.

Ist die Störung aufgedeckt, können Möglichkeiten zur Konfliktlösung angeführt werden, die sich auf die konkrete Situation beziehen.

→ Weiter mit Übung "Störungen erkennen 2"

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