Doku über den Fußball-Hit "You’ll Never Walk Alone" Warum ich bei diesem Film dreimal weinen musste

Beim Fußball heulen? Wie peinlich. Der Song "You’ll Never Walk Alone" hat aber mit mehr als nur mit Fußball zu tun: Er liefert eine krasse und berührende Geschichte, die auch den größten Fußball-Hater zu Tränen rühren wird.

Von: Matthias Scherer

Stand: 10.05.2017 | Archiv

Ein Liverpool-Fan hält einen Schal mit der Aufschrift "You'll Never Walk Alone" in die Höhe | Bild: picture alliance/HOCH ZWEI

Das erste Mal weine ich ungefähr 30 Minuten nach Filmstart. So lange dauert es, bis der wunderbare, unkaputtbare Song erstmals erklingt, der dieser Doku ihren Namen gibt: "You’ll Never Walk Alone". Aber man hört ihn nicht in der Stadionversion, gegröhlt von tausenden von Fußballfans, sondern in einer seichten, rührseligen Aufnahme, gesungen von einer zarten Frauenstimme.

Zu dem Zeitpunkt ist man als Zuschauer schon von Dortmund nach Budapest und von dort nach New York gewetzt. Die Ursprünge des größten und bekanntesten Fußball-Songs sind nämlich ziemlich komplex. Die erste halbe Stunde geht es in der Doku "You’ll Never Walk Alone“ zum Beispiel fast gar nicht um Fußball, sondern um ein ungarisches Theaterstück namens "Liliom", geschrieben vom jüdischen Autoren Ferenc Molnar am Anfang des 20. Jahrhunderts. 

Das Theaterstück war erstmal ein Flop – den Leuten war die Geschichte von Liliom zu düster. Der wartet jahrelang im Fegefeuer, um seiner Tochter ein allerletztes Mal helfen zu dürfen. Nachdem Autor Molnar vor den Nazis in die USA geflohen war, wurde sein Stück 1945 von den New Yorker Musical-Produzenten Rodgers & Hammerstein adaptiert: und zwar im Broadway- und Kinohit "Carousel". Besonders beliebt war die Schlussnummer, die Rodgers & Hammerstein für das abgewandelte, jetzt hoffnungsvolle Ende schrieben.

Vom Broadway in die Fußballstadien

Wie dieser Song es vom Broadway in die britischen Charts und dann in die Fußballstadien in Liverpool und Dortmund schaffte, erzählt "You’ll Never Walk Alone" auf sehr geduldige und gründliche Art und Weise. Schauspieler und BVB-Fan Joachim Krol führt als Erzähler durch die zahlreichen Locations und spricht mit Sängern, Tänzern und natürlich Mitgliedern der Fußball-Community.

Das zweite Mal habe ich dann Tränen in den Augen, als das lange Ringen um die Hillsborough-Tragödie erzählt wird. 96 Menschen wurden 1989 bei einem Fußballspiel zu Tode gequetscht – es dauerte mehr als 25 Jahre, bis die Justiz die Unschuld der Liverpooler Opfer anerkannte. Auf den Stufen vorm Gerichtssaal sangen die Angehörigen spontan die Hymne ihres Vereins.  

Der Song "You’ll Never Walk Alone" umfasst also die Geschichte jüdischer Flüchtlinge, Theater, Popmusik, die Kultur der Arbeiterklasse und Fußball. Das Lied funktioniert auch heute noch als Ritual, das Millionen Menschen miteinander verbindet und ihnen Kraft gibt – egal ob im Fußball, im wirklichen Leben oder wenn beides zusammenfällt. Denn als im März 2016 ein 79-jähriger BVB-Fan auf der Südtribüne des Westfalenstadions an einem Herzinfarkt stirbt, reagieren die Fans instinktiv – und stimmen den größten Song an, der jemals in einem Stadion erklungen ist. Spätestens an dieser Stelle im Film fangen hundertprozentig auch die krassesten Fußball-Hasser zu weinen an. Aber keine Angst: Ihr seid nicht allein.

Die Doku "You’ll Never Walk Alone" läuft ab dem 18. Mai in deutschen Kinos.

Sendung: Filter, 16. Mai 2017 - ab 15 Uhr

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