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PULS Festival 2013 Blut, Schweiß und grüne Kniestrümpfe

16 Bands in sechs Stunden. Festivals sind von Natur aus eng getaktet. Wer alles mitbekommen will, hat einen sportlichen Abend vor sich. Der Lohn der Rennerei: hysterische Euphorieanfälle, Muskelkater und temporäre Totalkonfusion.

Von: Bettina Dunkel

Stand: 01.12.2013 | Archiv

Der Auftrag ist so simpel wie super: Schau dir die Bands an. Und zwar alle. Und dann erzähl, wie's war, das PULS Festival 2013. Jackpot! Nichts lieber als das. Also Kaugummi eingeworfen und rein ins Vergnügen. Wohin gleich noch mal? Ach so, Studio 2, zu MarieMarie - Startrampe-Band aus Friedberg in Bayern, die mit dem knallroten Afro und der Harfe. Klingt nach Paralleluniversum? Ist es auch. Es gibt Bass und Synthies, allerdings mehr so im Untergeschoss. Denn oben drüber schwebt der zarte Elfengesang von Sängerin und Harfenistin Marie. Eine ungewöhnliche, aber unheimlich eingängige Mischung, die streckenweise so perfekt ist, dass Playbackverdacht aufkeimt. Unberechtigter. Sie kann's halt einfach.

Harmonie im Wattenmeer

Ein Studio weiter geht's ähnlich harmonisch zu. Torpus & The Art Directors aus Hamburg feiern Familientreffen auf offener Bühne und bitten alle, die schon da sind, an ihrem akustischen Lagerfeuer Platz zu nehmen. Mit Gitarren, Kontrabass und diversen Blechblasinstrumenten zaubern sie warmen und ordentlich energiegeladenen Indie-Folk, der weite Landschaften im Kopf entstehen lässt. Mumford and Sons lassen ganz herzlich grüßen (auch wenn die Hamburger das natürlich nicht mehr hören mögen) - Frontmann Sönke Torpus und seine Jungs winken freundlich zurück. Bevor sie mit ihrem imaginären Fischkutter dann aber doch lieber raus aufs Wattenmeer schippern. 

Weiter jetzt. Quer durch den Funkhaus-Innenhof geht's im Stechschritt Richtung Kantine, dem dritten Konzertsaal beim PULS Festival. Dort eröffnen Blindspot aus Augsburg den Reigen. Mit HipHop, der so rough und heftig ist, dass man selbst bei ausgeprägter Rap-Resistenz wie von selbst ins Kopfnicken verfällt. Alles ist im Flow: auf der Bühne, vor der Bühne - als Festivalbesucher will man ja nichts verpassen. Manche Leute dürfen auch nichts verpassen, schließlich lautet der Auftrag: Alles sehen. Manches gerne bis zum Schluss. Blindspot zum Beispiel. Gute Jungs.

Songs larger than life

Apropos: Paper & Places - auch gute Jungs. Erste nervöse Anfälle beim jüngeren weiblichen Publikum. Vor dem Studio 2 staut's sich. Drinnen setzt die Startrampe-Band aus Regensburg schon fleißig einen Popbaustein auf den nächsten. Songs larger than life lautet die Devise, denn Emotionen werden bei Paper & Places groß geschrieben. Also ab in die erste Reihe und ein bisschen im Pathos schwelgen. Aber Moment!

Parallel spielen ja OK KID. Saalwechsel, nächster Stau. Nichts geht mehr, es sei denn, man hat einen Mitarbeiterpass. Schnell durchzwängen und auf Fremdkörperkuschelkurs gehen, denn in den hinteren Reihen ist's naturgemäß etwas dichter besiedelt. Vorn auf der Bühne herrscht Bewegungsfreiheit, die Sänger Jonas voll ausnutzt, um kluge deutsche Texte in Partypapier zu wickeln. Oder, ums mit den Worten eines Freundes zu sagen: Spaceman Spiff trifft Deichkind. Da hat er gar nicht mal so Unrecht.

Wieder rüber in die Kantine. Beim Gang durch den Innenhof wird's langsam eng. Raucher, Luftschnapper, Livesendung - derbes Gewusel. Egal, ich will zu Wyoming. Und so manch anderer auch. Also wieder reinquetschen und alles aus der letzten Reihe betrachten. Was nicht so einfach ist, wenn man nicht zu den Größten zählt. Aber zum Glück gibt's Menschen mit YouTube-Ambitionen. Sie filmen, ich verfolge das Bühnengeschehen über Displays. Und bekomme so das optische Äquivalent zum Indierock von Wyoming - schließlich hat der auch Ecken und Kanten.

Klingt so die Zukunft? Zwei Entwürfe aus New York

Wer steht jetzt auf dem Programmzettel? Jesse Boykins III. Soul für das nächste Jahrtausend. Klingt gut in der Theorie, und live ist es der Hammer. Der New Yorker kriegt einen vom ersten Ton an. "I've got things to share" singt er und ich denk mir: Na, dann her damit. Und Jesse gibt alles: Er balanciert auf der Grenze zwischen schweißtreibend und entspannt, singt wie ein junger Prince, covert James Blake, mixt Soul mit HipHop und Reggae und schüttelt sein Haar für mich. Für uns alle. Ganz großes Kino.

Ebenso großes Kino: Le1f, wieder drüben in der Kantine. Da ist's erstaunlich leer, denn alle wollen ins Studio 1 zu Milky Chance. Gut so, denn so kommt man näher ran ans Bühnengeschehen und kann den Paradiesvogel des Abends in voller Pracht genießen. Der Gay-ngsterrapper aus New York ist so verdammt heiß, dass er den Schweiß mit einem Augenzwinkern von der Decke tropfen lässt. Sein Outfit: grüne Haare, grüne Hotpants, grüne Kniestrümpfe, dazwischen viel nackte Haut. Ein grandioses Gesamtpaket, das mit anzüglichen Tanzeinlagen und dieser furios tiefen Stimme perfektioniert wird. Für die Kantine gilt spätestens ab jetzt: It's hot in herre!

Heiß ist's auch bei Milky Chance, denn die Chartstürmer aus Kassel sind die Konsensband des Abends. Jeder will mit dem Duo feiern, alle wollen "Stolen Dance" - aktuell Platz 1 in Bayern - hören und sich den Sommer zurückholen. Eine Kunst, die die Band, die wir die letzten drei Monate in der Sendung Startrampe ausführlich vorgestellt haben, auf eine sympathisch verspulte Art perfekt beherrscht. Manchmal hat man den Eindruck, Clemens und Philipp wissen gar nicht, was sie da tun und welche Euphorie sie auszulösen in der Lage sind. Kann schon sein, dass das ein Teilaspekt ihres Erfolgs ist. Ist aber eigentlich auch egal. Hauptsache, es funktioniert.

Totalkonfusion und Überraschungsgäste

Langsam setzt Totalkonfusion ein. Wer ist jetzt wo dran und warum spielen Milky Chance immer noch? Dürfen die überziehen? Ich dachte, das geht nicht? Die Gedanken spielen Pingpong, deswegen lieber mal zur Seite treten und die Running Order in Ruhe studieren. Jetzt: Aloa Input aus München. Im Studio nebenan, also rüber. Kaum im Saal, mutiert man zum wohlig dampfenden Krautrockwickel, über den wohltemperierte Beach Boys-Harmonien gegossen werden. Sehr gut. Durchatmen, mal kurz die Augen schließen, runterkommen. Das war jetzt bitter nötig. Auch wenn der Schwindel wieder einsetzt, als überraschend die nicht minder fantastische Band The Dope und der ebenso tolle Songwriter Marble Man dazustoßen, um mit Aloa Input ein brachiales Cover von Velvet Undergrounds "I'm Waiting For The Man" zu spielen.

Frisch gestärkt geht's wieder rüber in die Kantine zu HAERTS aus New York. Auch hier lässt's sich wunderbar weiterschwelgen, denn der 80er-lastige Pop des Quintetts ist nervenkostümschonend schön. Zumindest, wenn man in der vorderen Hälfte der Kantine steht und sich voll und ganz auf den Sound einlassen kann. Hinten ist's eher hektisch. Und das Geruchskino, das sich im Laufe des Abends entwickelt hat, ist streckenweise atemberaubend. Der klassische Nebenkriegsschauplatz eben.

Euphorie und 80ies-Flashback

Also wieder rüber und schauen, was St. Lucia so drauf haben. Extrem viel, nur leider sehen das weniger Menschen als gedacht. Denn die Band hat den Slot nach Milky Chance - und nachdem die heimlichen Headliner über eine Stunde gespielt haben, brauchen die Leute erst mal Luft. Und verpassen so eine furiose Zeitreise in die 80er. Was erst irritiert, entpuppt sich als glitzernder Over-the-top-Dancepop mit Hymnenalarm. Spätestens beim Hit "Elevate" brechen die Dämme, Mitsingen und Mitklatschen ist angesagt, hysterische Whooohoo-Rufe füllen den Raum. Chapeau.

Nebenan bei Is Tropical wird auch getanzt, wenn auch komplett anders. Nicht die Gemeinschaftsparty steht an, sondern die reduzierte Version, die maximal das direkte Umfeld involviert. Hier steht hektisches Mitwippen zu zackigen Dancerhythmen an, die live und ohne die bandtypischen kontroversen Videosequenzen eine ganz andere Wirkung entfalten als sonst. Weil dann doch nur die Musik im Vordergrund steht. Funktioniert ja auch. Sehr gut sogar.

Wie die Faust aufs Auge passt da der Name der letzten Band, die in der Kantine spielt: Fuck Art, Let's Dance. Warm und wild wird es bei ihnen werden, haben die Hamburger im Vorfeld versprochen. Und sie haben ihr Versprechen eingehalten. Wer es direkt vor die Bühne schafft, feiert dort die vielleicht beste Kantinenparty seines Lebens. So mitreißend ist das, dass am Ende noch Paper & Places die Bühne stürmen und Sänger Nico Cham in einem Anfall von sinnlosem Übermut eine Mütze aufsetzen. Das nennt man dann wohl einen gebührenden Abschluss. Zumindest für diesen Konzertraum. Denn zwei Bands gibt es ja noch. Drüben im Funkhaus.

Dänen lügen nicht. Und die irrsten Typen kommen immer noch aus Wien

Die eine heißt Bilderbuch. Und ist nicht annähernd so harmlos, wie der Name vermuten lässt. Denn die Wiener setzen auf das Konzept der unterschwelligen Verstörung und inszenieren sich als schillernde Koksnasen-Kunstdisco mit Hives-Attitüde und entsprechendem Über-Ego. Wer zufällig bei ihnen reinstolpert, könnte das als ätzende Arroganz missverstehen. Was schade wäre, denn Bilderbuch vereinen Witz und Intelligenz so gut, wie derzeit kaum eine andere Band. Sehr leiwand, das.

Ein Urteil, das auch auf Reptile Youth zutrifft, die letzte Band beim PULS Festival 2013. Die Dancepunker aus Kopenhagen haben im Vorfeld ebenfalls das große Partyversprechen gegeben. Und was soll man sagen? Dänen lügen nicht. Sänger Mads schmeißt sich in die Menge, bis die Nase blutet, lässt sich auf Händen tragen, berserkert über die Bühne, bis es auch davor kein Halten mehr gibt. Am Schluss greift er sich den Bass und schleudert ihn mit irrem Blick diverse Male Richtung Publikum. Ohne loszulassen. Bis es dann doch knallt. Weil die finale Konfettiparade von der Decke regnet. Quasi ein inszenierter Knalleffekt. Ganz ohne, dass etwas schief gelaufen ist. Hatten wir auch nicht jedes Jahr. Haben wir deswegen was vermisst? Nö. Wir sind glücklich. Und feiern noch bis 5 auf der Aftershowparty. Bis zum nächsten Mal!

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LAN_C, Montag, 02.Dezember, 14:59 Uhr

2.

Sehr schöner, treffender Artikel! Gut mit Stern!

Christine, Montag, 02.Dezember, 12:20 Uhr

1. Puls Festival

Bis auf die Aftershowparty war das ein gelungener Abend!