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Das Musikmagazin mit Sol Gabetta

KlickKlack Das Musikmagazin mit Sol Gabetta

In der November-Ausgabe mit Sol Gabetta widmet sich KlickKlack den Musikern und Komponisten, die im Konzentrationslager in Theresienstadt interniert waren. Von hier wurden die meisten in Vernichtungslager wie Auschwitz deportiert und dort von den Nazis ermordet. Nur die wenigsten haben überlebt, und die meisten Kompositionen sind vergessen. Aber gerade viele dieser Kompositionen sind wunderbare Musik. Und so versucht der Geiger Daniel Hope, diese Musik wieder in die Konzertsäle zu bringen. Musik als Hoffnung und Trost: Klickklack mit einer ruhigen, nachdenklichen Ausgabe mit Alice Herz-Sommer, der in diesem Jahr verstorbenen Pianistin und ältesten Holocaust-Überlebenden, Anne Sofie von Otter und Daniel Hope.

Alice Herz-Sommer

Alice Herz-Sommer

Alice Herz-Sommer war die älteste berühmte Holocaust-Überlebende. Am 23. Februar 2014 starb die Pianistin mit 110 Jahren in London. Bis zu ihrem Tod spielte sie täglich Klavier. Und bis zuletzt blieben Passanten vor ihrem Wohnhaus stehen, um ihrem fantastischen Spiel zu lauschen. Wie kaum eine andere konnte Alice Herz-Sommer von der Kraft der Musik erzählen. Zum Beispiel in dem 39-minütigen Dokumentarfilm "Lady in Number 6", der im März mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, kurz nach dem Tod von Alice Herz-Sommer. KlickKlack zeigt Ausschnitte aus dem zutiefst berührenden Film, der hierzulande leider immer noch keinen Kinoverleih gefunden hat.

Alice Herz-Sommer

In "Lady in Number 6" zeichnet der britische Filmemacher Malcolm Clarke das Leben von Alice Herz-Sommer nach. Begonnen hat es 1903 in Prag. Im Elternhaus gingen die großen Wissenschaftler, Künstler, Musiker und Literaten der damaligen Zeit ein und aus. Franz Kafka beispielsweise erzählte der jungen Alice und ihrer Zwillingsschwester Marianne etliche seiner fantastischen Geschichten. Als die Nazis in Prag einmarschierten, war Alice Herz-Sommer, die 1931 den Geiger Leopold Sommer geheiratet hatte, in Prag und auch in Europa eine bekannte Pianistin. Wie andere jüdische Musiker auch, durfte sie nicht mehr auftreten. Bis zu ihrer Deportation im Jahr 1943 spielte sie heimlich auf einem Mini-Klavier, das sie rechtzeitig verstecken konnte. Für die Pianistin war die Musik die einzige Verbindung zu ihrem alten Leben. Und sie gab ihr die Kraft, auf ein Ende der „Schoah“ (Vernichtung) zu hoffen.

Daniel Hope und Coco Schumann in Terezín

In Theresienstadt nutzten die Nazis Musiker wie den Jazzgitarristen Coco Schumann, der in der Jazzband „Ghetto Swingers“ spielte, für ihre perfide Propaganda aus. Die Aufnahmen vom Kulturbetrieb im Konzentrationslager mit Konzerten und Theateraufführungen sollten zeigen, wie gut es den Juden in Theresienstadt ging. In Wirklichkeit lebten in dem Lager, das für 6.500 Menschen geplant gewesen war, über 60.000 Menschen unter menschenverachtenden Bedingungen. Die meisten wurden von hier aus in Vernichtungslager wie Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Szene aus Propaganda-Film "Theresienstadt"

Zu der Nazi-Propaganda, die an Zynismus nicht zu überbieten ist, zählte auch der Dokumentarfilm "Theresienstadt", der unter dem Titel „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ bekannt wurde. Erzwungener Maßen zeigte der jüdische Schauspieler und Regisseur Kurt Gerron, der Ende 1944 nach Theresienstadt deportiert worden war, das Leben im Lager und zwar so, wie es die Nazis befahlen. Nach Fertigstellung des Films wurde Kurt Gerron genau wie alle anderen Mitwirkenden nach Auschwitz deportiert und dort ermordet, darunter auch die vielen Kinderdarsteller. Übrigens: Auch über Kurt Gerron gibt es einen Dokumentarfilm von Malcolm Clarke. Mehr als zwei Jahre wühlte sich der Filmemacher durch die Filmarchive. Und so ist es nur verständlich, dass er nach "Prisoner of Paradise" erst einmal Abstand brauchte, bevor er sich für "Lady in Number 6" erneut mit dem Thema Holocaust beschäftigte. 

Daniel Hope und Anne Sofie von Otter

Daniel Hope

Vor 15 Jahren hörte Daniel Hope zum ersten Mal das Streichtrio des tschechisch-jüdischen Pianisten Gideon Klein. Damals fuhr Daniel Hope im Auto. Die Musik berührte den Geiger so stark, dass er anhielt, um der Musik den Raum zu geben, den sie in Anspruch nahm. Seither hat sich Daniel Hope zur Aufgabe gemacht, die Erinnerung an all jene Musikerinnen und Musiker am Leben zu halten, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden - wie beispielsweise Gideon Klein. Er starb am 27. Januar im KZ Fürstengrube.

Anne Sofie von Otter

Unterstützung erfährt Daniel Hope durch Anne Sofie von Otter. Für die schwedische Mezzo-Sopranistin ist die Auseinandersetzung mit dem Thema Theresienstadt auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte. Denn ihr Vater war in den 40er Jahren Diplomat in Berlin. Auf einer Dienstreise begegnete er dem SS-Mitglied Kurt Gerstein und erfuhr so von den Vernichtungslagern. Er gab die Information an die schwedische Regierung weiter. Doch leider konnte er dadurch nichts bewirken. Das hat ihn bis an sein Lebensende nicht mehr losgelassen.

Daniel Hope und Alice Sofie von Otter

Daniel Hope und Anne Sofie von Otter haben nicht nur ein Konzertprogramm mit Musik aus Terezín (Theresienstadt) gestaltet und eine CD herausgegeben. Sie haben auch einen Film gedreht. KlickKlack zeigt Ausschnitte aus der Musikdokumentation "Theresienstadt - Musik als Zuflucht", ein Film über Musik an einem der dunkelsten Orte der Menschheitsgeschichte und über eine Musikergeneration, die gegen das Vergessen ankämpft und uns kostbare Begegnungen mit Zeitzeugen vermittelt.

Sol Gabetta

Sol Gabetta

Auch Sol Gabetta hat sich der jüdischen Musik gewidmet. Auf ihrer neuen CD „Prayer“ präsentiert Sol Gabetta Werke von Ernest Bloch und Dimitri Schostakowitsch. Blochs „Prayer“ aus „From Jewish Life“, das dem Album den Namen gab, kennen Gabetta-Fans bereits von den Konzerten. Denn die Cellistin spielte das Stück häufig als Zugabe. Aus Schostakowitsch‘ Zyklus „Aus jüdischer Volkspoesie, op. 39“ ließ Sol Gabetta vier Lieder für Violoncello und Streichorchester arrangieren, ergänzt durch ein Arrangement des Cellisten Pablo Casals. In diesen Volksliedarrangements zeigt Sol Gabetta nicht nur die ganze Klangfülle ihres Instruments mit der gesanglichen Qualität, für die die Cellistin berühmt ist, sie trifft den Zuhörer direkt ins Herz. Und die Musik, die das Schicksal von Millionen Menschen in uns wach ruft, legt sich auf unsere Schultern wie Blei.

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Nächste Sendung: Am 27. November um 23.25 Uhr begrüßt Sie Martin Grubinger im Bayerischen Fernsehen zu einer neuen Ausgabe von KlickKlack.