BR-KLASSIK - Allegro


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Premierenkritik Siegfried am Mount Rushmore

Das Rheingold hat Castorf als unterhaltsames Gangster-Moovie angelegt, die Walküre als eher trockene historische Studie über die Erdöl-Förderung im Süden des russischen Imperiums vor der Oktoberrevolution. Mit dem Siegfried kommt er endlich da an, wo das Festspielpublikum von Anfang an seine Kernkompetenz vermutet, nein, befürchtet hatte: in der Großstadt-Tristesse von Ostberlin.

Von: Bernhard Neuhoff Stand: 30.07.2013

Schon als vor zwei Jahren der Name Castorf verkündet wurde, konnte man vor dem Festspielhaus überall Äußerungen wie diese aufschnappen: Na prima, der Castorf, das ist doch Berliner Trash! Ganz genau. Alles ist getreu nachgebildet und doch irgendwie surreal und verquer: die U-Bahn-Station Alexanderplatz, die Weltzeit-Uhr, die DDR-Fassaden. Es gibt Ostmark, mit Plaste-Folien abgedeckte Bierbänke und ein Postamt, in dem es allerdings gar nicht DDR-grau und bürokratisch zugeht. Grell geschminkte Damen bereiten sich auf ihre geschäftlichen Treffen vor, Krokodile tapsen vorüber; und der Waldvogel, in einer gigantischen Federboa, verführt Siegfried schon lange bevor er sich am Walküren-Felsen beim Anblick von Brünnhilde erschrocken fragen wird, was das eigentlich ist: eine Frau. Logik und Texttreue sind selbstverständlich keine Kategorien in dieser Theater-Wundertüte.

Mount Rushmore mit neuen Köpfen

Castorfs "Siegfried" am Mount Rushmore.

Das Erdöl-Thema, das ja eigentlich die bis jetzt völlig disparaten Teile von Castorfs Rings zusammenhalten soll, interessiert diesmal so gut wie gar nicht. Gut, Plaste und Elaste werden aus Erdöl hergestellt. Aber das wollen wir lieber nicht zu hoch hängen. Und dass der erste Akt vor den wie in Mount Rushmore riesig in Stein gehauenen Köpfen von Marx, Lenin, Stalin und Mao spielt, soll wohl auch keine kluge These über die frühsozialistischen Einflüsse auf Wagner verkünden. Was es stattdessen soll? Gut aussehen vermutlich, Assoziationen wecken, wer weiß, und staunen machen, das wohl vor allem. Wer Castorfs Inszenierung gerecht werden will, darf sich wie ein Träumender über gar nichts wundern.

Keine Sekunde Langeweile

Natürlich kann man tausend Einwände dagegen erheben. Der wichtigste: Diese Inszenierung kümmert sich nicht sonderlich um die Musik. Und auch nur wenig um die Geschichte eines jungen Mannes auf der Suche nach seiner Identität. Siegfried ist ein Schönling ohne Selbstzweifel, keine sonderlich interessante Figur. Schon in der Walküre hat Castorfs Inszenierung kaum nach den individuellen Antrieben der Figuren gefragt. Und doch kommt keine Sekunde Langeweile auf, immer wieder entfaltet der Berliner Trash seine ganz eigene Poesie. Die Castorfsche Theatermaschinerie, erprobt in zahllosen Schlachten an der Berliner Volksbühne, entfaltet ihre Wirkung. Und bleibt doch dem Stück und vor allem Wagners Musik gegenüber fremd, schlimmer: beziehungslos.

Lance Ryan bewältigt die Titelpartie souverän. Metallisch, hell und etwas eng klingt sein durchschlagskräftiger Tenor, beeindruckend im fortissimo, zu ungeschmeidig bei den lyrischen Stellen. Catherine Foster als Brünnhilde gestaltet intensiv, hat aber im dritten Akt mit der Intonation zu kämpfen. Großartig der Mime von Burkhard Ulrich: farbenreich, charaktervoll, dankenswerterweise frei von dem stereotypen Keifen und Winseln, das viele Sänger dem heimtückischen Zwerg schuldig zu sein glauben. Wolfgang Koch als Wanderer legt diese Götter-Figur sängerisch ganz menschlich an: Herb, direkt, kraftvoll. Und kann damit rundum überzeugen.

Detailreich und emotional packend

Dirigent Kyrill Petrenko

Die guten Sängerleistungen sind das eine – musikalisch zum Ereignis wird dieser Ring durch Dirigent Kyrill Petrenko. Was aus dem Orchestergraben kommt, habe ich live noch nie so differenziert und detailreich, dabei emotional so packend und innerlich stimmig gehört – Christian Thielemann eingeschlossen. Wieder wählt Petrenko oft dezidiert rasche Tempi, reizt aber auch magisch die Ruhezonen aus. Völlig zu recht bekommt er den meisten Jubel. Frank Castorf hat sich übrigens immer noch nicht dem Publikum gezeigt. Das kann heiter werden, wenn er nach der Götterdämmerung vor den Vorhang tritt.


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