BR-KLASSIK - Allegro


30

Kritik "Lohengrin" Die Ratten sind wieder los

Sie ist derzeit die beliebteste Inszenierung auf dem Grünen Hügel: Wagners "Lohengrin" in der Regie von Hans Neuenfels. In diesem Jahr geht die Produktion mit den Laborratten in die vierte Runde. Dabei gibt es an der Seite von Startenor Klaus Florian Vogt eine Neubesetzung: Edith Haller als Elsa.

Von: Andreas Grabner

Stand: 01.08.2014

Gar nichts hier wird jemals wieder gut. Gut sichtbar haben Hans Neuenfels und sein Bühnenbildner Reinhard von der Thannen von Anfang an die Chiffren des Scheiterns platziert in diesem Lohengrin, der Schwan im Miniatursarg gleich zu Beginn, die Kutsche mit gebrochenem Rad und totem Gaul davor, an der Ortrud und Telramund im zweiten Akt ihre Rachepläne schmieden, und folgerichtig pessimistisch mündet das alles in das schockierende Schlusstableau, in dem ein seltsames Ei statt des erlösten Jünglings Gottfried einen ekelerregenden Monster-Foetus preisgibt. Zuviel der Hoffnungslosigkeit für alles Beteiligten, und kein anderer Ausweg, als kollektiv entseelt zu Boden zu sinken.

Trostlosigkeit auf der Bühne

Trostloser Ausgang: Lohengrin bleibt allein zurück

Eine im Mark kranke Gesellschaft geht zugrunde, der Retter hat versagt und bleibt alleine zurück. Es sind die ganz klassischen Theater-Kniffe, mit denen Hans Neuenfels die größte Sogkraft entfacht, die feinen, aber exakten Gesten, die das Wesen und die Beziehungen der Personen zueinander verdeutlichen, die fahrigen Bewegungen eines verhuschten Königs Heinrich, die erotisch aufgeladene Hassliebe zwischen Ortrud und Telramund, eine packende Choreographie zwischen Berührung und Abstoßung, die verklemmten Annäherungen zwischen Lohengrin und Elsa, die erst wirklich zärtlich werden, als schon alles zu spät ist. Die mittlerweile zu kultiger Berühmtheit gekommenen tütteligen Ratten lösen eher Schmunzeln aus als Beklemmung,  da verliert im Klamaukigen die rabenschwarze Inszenierung an Schärfe und Impetus, schade.

Von Wagner-Krise keine Spur

Edith Haller übernimmt in diesem Jahr die Rolle der Elsa.

Die in den letzten Jahren immer wieder heraufbeschworene Krise des Wagner-Gesangs? Nicht hier: Problemlos und allesamt auf hohem Niveau vermögen die Protagonisten im A-Capella-Quintett im ersten Akt das riesige Festspielhaus auszufüllen. Präzise und kraftvoll und alle drei wohltuend maskulin-jung, ohne altväterisch-bassige Betulichkeit Wilhelm Schwinghammer als König Heinrich, Thomas J. Mayer als Friedrich von Telramund und Samuel Youn als Heerrufer. Petra Lang wird für ihre lustvoll-feurig gesungene und gespielte megafiese Ortrud zu Recht gefeiert. Edith Haller als neuer Elsa mangelt es ebenfalls nicht an vokaler Kraft und Klangkultur, über die Ambivalenz aber dieser vielleicht rätselhaftesten unter Wagners Frauengestalten singt sie manchmal noch vibratoreich hinweg.

Klaus Florian Vogt wird umjubelt

Das sängerische Ereignis dieses Lohengrins aber bleibt Klaus Florian Vogt in der Titelrolle: Ein Tenor mit einem so unverwechselbaren Timbre, wie man es nur ganz selten erlebt: hell getönt, irisiernde Kopf-Töne, die vor allem im Piano von einer nahezu psychedelischen Farbigkeit sind.

Klaus Florian Vogt als Lohengrin und Edith Haller als Elsa

Wenn Vogt aufdreht, wird die Stimme enger und im Fluidum noch obertonreicher – in einem belcantistischen Sinne "schön" ist das vielleicht nicht, aber von einer psychisch-vokalen Intensität, die kaum einen der Zuhörer kalt ließ – Vogt wurde am Ende umtobt wie keiner der Kollegen.

Inszenierung wird zum Publikumsliebling

Die virtuosen Chorpartien realisierte der Bayreuther Festspielchor unter Eberhard Friedrich gewohnt mustergültig. Das Festspielorchester unter der Leitung von Andris Nelsons fand nach vereinzelten Wacklern und Intonationstrübungen am Anfang zu einer substanzreichen Interpretation mit Drive. Ein Pfui, ein Buh, dann brach das Jolen los: Hans Neuenfels’ Lohengrin ist endgültig zum Bayreuther Publikums-Liebling geworden – was weder gegen den Regisseur noch gegen das Publikum und schon gar nicht gegen die Festspielleitung sprechen muss.


30