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Zeugnissprache Und was heißt das eigentlich?

Beim ersten Lesen klingt die schriftlichen Beurteilung in Grundschulzeugnissen oft gar nicht so schlecht. Doch die Tücke steckt oft im Detail. Viele Eltern hätten am liebsten einen Wegweiser, der ihnen verrät, was ein Zeugnis wirklich über Ihren Sprössling sagen will. Hier kommen einige Interpretationshilfen.

Stand: 09.02.2021

Nahaufnahme Zeugnis | Bild: picture alliance/dpa | Hauke-Christian Dittrich

Gerade in der Grundschule steckt bei schriftlichen Leistungsrückmeldungen der Teufel oft im Detail. Auf den ersten Blick erscheinen ausformulierten Aussagen fast durchweg positiv, beim zweiten Lesen können die Wortgutachten die beurteilten Schulkinder aber durchaus verletzen. Denn kleine Wörtchen reichen schon, den Musterknaben als Racker zu enttarnen und den Primus auf Mittelmaß herabzustufen.

Zeugnisschreiben macht viel Arbeit

Zeugnisse individuell für jeden Schüler auszuformulieren ist für Lehrkräfte sehr aufwändig. 60 Stunden brauche ein Lehrer nach Angaben des Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) für den kompletten Zeugnissatz einer Grundschulklasse. Zugleich tun sich viele Pädagogen leichter, wenn sie mit Textbausteinen arbeiten, um ihre Aussagen zu verklausulieren. Schließlich wollen die Pädagogen ihren Schützlingen ja nichts ausdrücklich Negatives oder gar Demotivierendes ins Zeugnis schrieben. Hilfe bietet den Lehrern hier, wie so oft, das Internet: So finden sie auf Seiten wie schuelerbeurteilungen.de oder grundschulzeugnisse.de beispielsweise leistungsbezogenen Versatzstücke, die per Mausklick zu einem Zeugnis zusammengestellt werden können.

Wegweiser durch den Zeugnis-Dschungel

Was heißt aber nun was im Dschungel der Zeugnis-Formulierungen? Hier ein paar Beispiele:  

Beispiel 1: "Im Gesprächskreis gelang es dem Schüler zunehmend besser, anderen zuzuhören und sich mit seinen Beiträgen zurückzuhalten."  

Das heißt im Klartext: Das mit dem Sich-Melden hat nicht so gut geklappt. Der Schüler plappert einfach drauf los. Das Sozialverhalten war insgesamt nur befriedigend.

Beispiel 2: "Ihr Arbeitstempo entsprach den Anforderungen der Jahrgangsstufe, die zur Verfügung stehende Zeit nutzte sie meist sinnvoll. Die Schülerin fertigte ihre Hausaufgaben meist vollständig und gewissenhaft an."

Was soll das jetzt heißen? Entspricht das Arbeitstempo nun den Anforderungen oder hat sie getrödelt, wenn sie die Zeit "meist sinnvoll" nutzte? Wenn Lehrer "meist" oder "in der Regel" schreiben, heißt dies in der Zeugnissprache nur, dass es häufiger als 50 Prozent der Fall war. Konkret: Die Hausaufgaben sind nicht immer, wie sie sein sollen und es wird auch immer mal wieder geträumt. Auf einer Notenskala von 1 bis 6 entspräche das einer 3.

Beispiel 3: "Sie zeigte ein sicheres Regelwissen und Wortbildgedächtnis, wandte Strategien verlässlich und automatisiert an."

Was genau bedeutet das nun? Wenn man sich vornimmt, auf ein Papier sechs Vierecke zu malen und das dann auch tut - hat man dann eine Strategie? Im Zeugnis sind damit Rechtschreib-Strategien gemeint, zum Beispiel das Verlängern. Strategien kann anwenden, wer beispielsweise weiß, dass man "Kinder" mit "d" schreibt (was man in der Plural-Verlängerung hört) und daraus richtigerweise folgert, dass man auch "Kind" mit "d" schreibt.

Formulierungshilfen für bayerische  Lehrkräfte  

Um die bayerischen Lehrkräfte beim Zeugnisschreiben nicht alleine zu lassen, stellt das Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus das Schulverwaltungsprogramm ASV (Amtliche Schulverwaltung) zur Verfügung. Noten, Textbausteine und Bemerkungen können damit erfasst und die fertigen Zeugnisse damit ausgedruckt werden.

Und auch das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München bietet bayerischen Lehrkräften zahlreiche Formulierungshilfen, beispielsweise in seinen „Hinweisen zur Erstellung von Zeugnissen und exemplarischen Zeugnisformulierungen“.

Bei Unklarheiten die Lehrkraft fragen

Sicher ist: Lehrerinnen und Lehrer wollen Schülerinnen und Schülern das Feedback geben, das ihnen hilft. Trotzdem, räumt BLLV-Vorsitzende Simone Fleischmann ein, könnten im Zeugnis durchaus Formulierungen stehen, die für Oma, Opa oder Tante beim Lesen wie Fachchinesisch klängen. Der Schlüssel zum besseren Verständnis liege im direkten Kontakt zum Pädagogen:   

"Doch die Eltern eines Grundschülers wissen ja allein durch die vorgegebenen Elterngespräche und einen meist engen Kontakt zur Lehrkraft schon, wo ihr Kind in den einzelnen Fächern steht."

Simone Fleischmann, Vorsitzende des Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband

Fazit: Reden hilft

Statt sich lange über verklausulierte Zeugnisbeurteilungen den Kopf zu zerbrechen, sollten Eltern lieber direkt den Kontakt zur Lehrerin oder zum Lehrer des Sprösslings suchen. Denn in einem direkten Gespräch mit dem Pädagogen, das auch durchaus mehr als nur einmal pro Schuljahr stattfinden darf, erfahren Eltern am meisten über den Lernfortschritt des eigenen Kindes.


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