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Vor fünfzig Jahren Der erste Aussteiger im Weltraum

Vor fünfzig Jahren, am 18. März 1965, schwebte der Russe Alexej Leonow als erster Mensch im freien Weltall. Doch als er in die Raumkapsel zurück wollte, passte der Kosmonaut plötzlich nicht mehr durch die Luke. Was war geschehen?

Stand: 18.03.2015 | Archiv

 Alexej Leonow, Kosmonaut, 1975 | Bild: dpa-Bildfunk

"Mein Raumanzug hatte sich wie ein Ballon aufgebläht, Einsteigen unmöglich", schilderte Alexej Leonow später den lebensgefährlichen Zwischenfall. Vorsichtig ließ er durch ein Ventil Luft ab. Nach 13 Minuten - "einer gefühlten Ewigkeit" - gelang ihm doch noch der Wiedereinstieg ins Raumschiff. Der Oberstleutnant atmete auf. Erstmals war ein Raumfahrer in den lebensfeindlichen Kosmos ausgestiegen und in die schützende Kapsel zurückgekehrt.

"Himmelfahrtskommando"

Kosmonaut Alexej Leonow

Wortwörtlich als "Himmelfahrtskommando" stufen Experten in Moskau das waghalsige Manöver heute ein. Der Außenbordeinsatz sei damals technisch kaum erprobt und vor allem überhastet geplant worden, meinen sie. Tatsächlich war der Ausstieg eigentlich nicht schon für März 1965 vorgesehen. Doch die Nachricht, dass ein US-Astronaut Mitte 1965 als erster Raumfahrer seine Kapsel verlassen sollte, sorgte in Moskau für Aufregung. Denn die Sowjetunion und die USA steckten mitten im Kalten Krieg und lieferten sich einen kosmischen Wettlauf ins All. Hastig wurde daher in ein "Woschod"-Raumschiff eine aufblasbare Ausstiegsschleuse eingebaut. Es blieb nur Zeit für einen Test, und der misslang: Die unbemannte Kapsel explodierte. Trotzdem starteten einen Monat später Alexej Leonow und Pawel Beljajew vom Weltraumbahnhof Baikonur zu ihrer historischen Mission.

Die ersten Purzelbäume im All

Der Kosmonaut Leonow schwebt außerhalb der Raumkapsel. Nur eine Leine verbindet ihn mit der "Woschod 2".

Bereits während der ersten Erdumrundung schwebte Leonow an einer 4,50 Meter langen Sicherheitsleine nach draußen. Außenarbeiten musste er nicht absolvieren, stattdessen testete er seine Bewegungsfreiheit: Als erster Mensch schlug Leonow Purzelbäume in der Schwerelosigkeit. Geblendet von der gleißenden Sonne vor pechschwarzem Himmel raste der Russe als "lebender Satellit" insgesamt fast 25 Minuten lang mit rund 28.000 Kilometern pro Stunde um die Erde. Der damals 30-Jährige bewies, dass der Mensch im freien Weltall arbeiten kann, sei es an Raumstationen oder bei Missionen auf dem Mond. Leonow trotzte auch den von Wissenschaftlern vorausgesagten Gefahren der Meteoriteneinschläge und kosmischen Strahlung.

"Die unheimliche Stille, die mich umgab, verschlug mir die Sprache. Ich fühlte mich wie ein schwebendes Sandkorn, ein Nichts im Unfassbaren von Raum und Zeit."

Alexej Leonow

Zwei Tage warten im Wald

Alexej Leonow (oben) war Kommandant der Sojus-Kapsel, die im Jahr 1975 an eine US-amerikanische Apollo-Kapsel ankoppelte.

Bei Leonows historischer Mission war der aufgeblähte Anzug aber nicht das einzige Problem. Da das automatische Landesystem nicht reagierte, mussten die Kosmonauten die Kapsel von Hand steuern und die Erde einmal zusätzlich umrunden. Dabei verbrauchten sie wichtigen Treibstoff für die Bremstriebwerke. Rund 1.600 Kilometer vom geplanten Zielort entfernt schlug die "Woschod" in einem tief verschneiten Wald am Ural-Gebirge auf. Zwei Tage mussten die Männer ausharren, bis Retter die abgelegene Stelle erreichten. Trotz der Pannen jubelte die Partei- und Staatsführung: Vier Jahre nach dem Raumflug von Juri Gagarin, dem ersten Menschen im All, waren die USA ein weiteres Mal übertroffen.

Alexander Gerst trifft Leonow

Alexej Leonow im Jahr 2012

Doch der Ausstieg ins All blieb der vorläufig letzte Triumph: Den entscheidenden Wettlauf um die erste bemannte Mondlandung verlor die UdSSR 1969. Für eine eigene Mondmission hatte die Sowjetunion eigentlich Leonow vorgesehen. Heute hilft der 80 Jahre alte Generalmajor bei der Ausbildung von Raumfahrern. Auch der deutsche Astronaut Alexander Gerst traf Leonow bei seiner Vorbereitung bei Moskau. "Da denkt man schon: Hoppla", sagte Gerst über die Begegnung mit dem Raumfahrtpionier. Der Geophysiker absolvierte im Oktober 2014 selbst einen Außeneinsatz und schwärmte danach: "Wenn man weiß, dass zwischen sich und der Erde nichts ist als das Visier des Raumanzugs, ist das eine tolle Sache."


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