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Vormensch Wiege der Menschheit doch nicht in Afrika?

Die ersten Menschen kamen aus Afrika nach Europa, das ist der aktuelle Stand der Forschung. Wissenschaftler sagen nun: Der Beginn der Menschheit könnte auch in Südeuropa gelegen haben. Hält die Hypothese einem genauen Blick stand?

Stand: 24.05.2017

Ein Unterkiefer, einer der beiden einzigen Funde des Hominiden Graecopithecus freybergi, liegt am 22.05.2017 in Tübingen (Baden-Württemberg) auf einem Tisch. Zu den Hominiden gehören der Mensch samt seiner ausgestorbenen Verwandten und die Menschenaffen. Es handelt sich um einen in Griechenland gefundenen Unterkiefer.  | Bild: Marijan Murat/dpa-Bildfunk

Es sind nur ein Zahn und ein Unterkiefer - aber sie könnten die Erzählung von der Entwicklung des Menschen grundlegend verändern. Die Fossilien sollen rund 7,2 Millionen Jahre alt sein und von einer bislang unbekannten Vormenschen-Art stammen.

Vormensch aus Südosteuropa

Die beiden Funde wurden in Südeuropa gefunden, der Unterkiefer in Griechenland, der Zahn in Bulgarien. Wenn die Tübinger Paläontologin und Studienautorin Madeleine Böhme recht hat, dann wäre ihre These eine Sensation. Denn seit Langem geht man in der Forschung davon aus, dass sich der Stammbaum der Schimpansenvorfahren und der Vormenschen in Ostafrika getrennt hat ("Out-of-Africa-Theorie" oder "East-Side-Story"). Das soll vor knapp sieben Millionen Jahren gewesen sein.

Beweisstück Zahnwurzel

Doch die Tübinger Forscher behaupten nun: Die Trennung sei früher gewesen. Der "Graecopithecus freybergi" - von dem der Zahn und der Unterkiefer stammen - sei älter als das und habe schon Zeichen vormenschlicher Anatomie.

"Die Geschichte muss noch nicht umgeschrieben werden, aber mit einer Fußnote zu ergänzen, dass es bei dieser Trennung von Schimpanse und Mensch möglicherweise nicht Afrika war, das ist schon sinnvoll."

Paläontologin Madeleine Böhme, Universität Tübingen

Ihr Beweisstück: die Wurzeln der fossilen Zähne, die miteinander verschmolzen sind.

"Menschen haben eine stark reduzierte Zahnwurzel, sie ist auch kürzer als die von den Schimpansen. Genau da setzen wir an, indem wir mit modernen Methoden in den Kiefer hineinschauen und die Zahnkanäle und die Wurzelkanäle und die Wurzel selbst rekonstruieren. Das war vor Jahrzehnten noch gar nicht möglich."

Paläontologin Madeleine Böhme, Universität Tübingen

Ältester Zahnfund?

Zahn des "Graecopithecus freybergi"

Bei "Graecopithecus freybergi" seien die Zahnwurzeln ebenfalls verschmolzen gewesen. Für die Forscherin ein Zeichen seiner Menschenähnlichkeit.

Anhand von Sedimenten, aus denen die Fossilien geborgen wurden, datieren die Tübinger Forscher den Zahn auf 7,175 Millionen Jahre und den Unterkiefer auf 7,24 Millionen Jahre. Damit wären sie älter als der bisher älteste bekannte Vormensch Sahelanthropus aus Afrika - und wenn das stimmt, könnte das bedeuten, dass der Mensch aus Europa stammt ("North-Side-Story").

Sahara und Savanne

Dramatische Umweltveränderungen in dieser Zeit könnten der Grund für die getrennte Entwicklung von Vormensch und Menschenaffe gewesen sein. Die Sahara-Wüste breitete sich damals sehr aus, wurde undurchquerbar. In den Sedimenten der Fundorte fanden die Wissenschaftler auch Reste von Wüstenstaub, dessen Ursprung sie in Nordafrika vermuten.

Wüstenstürme bliesen wohl roten, salzhaltigen Staub bis an die Nordküste des damaligen Mittelmeers. Im östlichen Mittelmeerraum entwickelte sich darüber hinaus eine Savannenlandschaft, inklusive der Vorfahren der heutigen Giraffen, Ganzellen, Antilopen und Nashörner.

Kritiker sind nicht überzeugt

Die Ergebnisse der Tübinger Forscher klingen spektakulär. Doch nicht alle Experten stimmen den Ergebnissen zu. Zum Beispiel ist nicht geklärt, ob die verschmolzene Zahnwurzel tatsächlich ein belastbarer Beweis für die Menschenähnlichkeit ist - im Gegensatz zum aufrechten Gang.

Darüber hinaus ist die Aufspaltung des Stammbaums von Schimpansen und Menschen insgesamt schlecht dokumentiert. Es ist aus genetischen Untersuchungen bekannt, dass sich die vormenschlichen Affenarten auch stark durchmischt haben. Ob es eine lineare Abstammung von der einen Art zur anderen gegeben hat, ist nicht klar, wahrscheinlicher ist eher eine Art Netzwerk.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Vorkommen in Südosteuropa als Ursprung der Menschheit vorgeschlagen wird. Ob sich die Theorie also bewahrheitet, werden weitere fossile Funde zeigen müssen.


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