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Bayern im Mittelalter Das Rätsel der Turmschädel-Frauen

In Bayern sind mehrere, mehr als 1.000 Jahre alte, deformierte Schädel gefunden worden. Die Köpfe waren merkwürdig verformt und in die Länge gezogen. Wem gehörten diese "Turmschädel"? Was ist mit den Menschen passiert? Forscher haben Teile des Rätsels entschlüsselt.

Stand: 14.03.2018

Stark ("Turmschädel"), mittel und nicht deformierte Schädel aus den frühmittelalterlichen Fundplätzen Altenerding und Straubing, Bayern. | Bild: Bayerische Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie

Nach oben unnatürlich in die Länge gezogen und dafür seitlich flachgedrückt: Etwa 1.500 Jahre alt sind die merkwürdig geformten menschlichen Schädel, die in den vergangenen Jahrzehnten in Bayern gefunden wurden. Bis zu zwanzig solcher deformierter Köpfe sind bislang ausgegraben worden, die meisten davon in Erding und Straubing. Die sogenannten "Turmschädel" haben Forscher lange Zeit vor Rätsel gestellt. Ein internationales Team um die Anthropologin Michaela Harbeck von der Staatssammlung für Anthropologie München und den Populationsgenetiker Joachim Burger von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ist auf genetische Spurensuche gegangen.

Die Turmschädel gehörten Frauen aus Südosteuropa

Ein künstlich deformierter Frauenschädel, ein sogenannter "Turmschädel", aus dem frühmittelalterlichen Fundplatz Altenerding bei Erding.

Insgesamt entschlüsselten sie die Genome von 36 mittelalterlichen Menschen, die um 500 nach Christus in sechs Friedhöfen in Süddeutschland begraben wurden. 14 davon besaßen mehr oder weniger ausgeprägte Turmschädel. Die Analysen zeigen einerseits, dass der Großteil der Mittelalter-Bayern heutigen Mittel- und Nordeuropäern ähnelte. Die Turmschädel-Menschen jedoch nicht: Sie fallen nicht nur anatomisch, sondern auch genetisch aus dem Raster: Die Schädel stammen alle von erwachsenen Frauen, die etwa um das Jahr 500 nach Christus aus dem Schwarzmeerraum nach Süddeutschland kamen. Die langgezogene Kopfform entstand wohl dadurch, dass ihnen als Baby der Kopf mit Bandagen umwickelt wurde, erklärt die Anthropologin Michaela Harbeck. Warum dieses aufwendige Verfahren durchgeführt wurde, sei heute schwierig zu beantworten. "Wahrscheinlich wurde damit einem bestimmten Schönheitsideal nachgeeifert oder vielleicht auch eine Gruppenzugehörigkeit angezeigt", vermutet Harbeck.

Turmschädel-Frauen ähneln heutigen Bulgarinnen und Rumäninnen

Analysen zeigen: Die Turmschädel-Frauen sind genetisch heutigen Bulgaren oder Rumänen am ähnlichsten.

Lange Zeit dachte man, die Hunnen hätten die Tradition der Schädeldeformation aus Asien nach Ost- und Mitteleuropa gebracht, sagt Brigitte Haas-Gebhard von der Archäologischen Staatssammlung München. "Zwar gibt es deutliche Hinweise darauf, dass es auch Einflüsse aus Zentral- oder gar Ostasien gab, aber die genomische Herkunftsanalyse verweist darauf, dass die Frauen mit deformiertem Schädel genetisch heutigen Bulgaren oder Rumänen am ähnlichsten sind", erklärt Joachim Burger und fügt hinzu: "Ein direkter genetischer Einfluss von zentralasiatischen Hunnen kann nur marginal gewesen sein." Die DNA-Analysen legen nahe, dass die Frauen damals nicht nur mit ihrer Schädelform auffielen, sie besaßen auch eine deutlich dunklere Haar-, Haut- und Augenfarbe. Die große Mehrheit der untersuchten Individuen sah anders aus: blond und blauäugig.

Grabbeigaben der Turmschädel-Frauen verdeutlichen Integration

"Wir haben bei diesen Frauen mit den künstlich verlängerten Schädeln wenig exotische Grabbeigaben gefunden. Nichts, was darauf hinweisen würde, dass sie von weit her kamen. Sodass wir annehmen, dass sie sich gut in die Gesellschaft eingepasst haben und Sitten und Bräuche übernommen haben."

Michaela Harbeck, Staatssammlung für Anthropologie München

Frühmittelalterliche Grabbeigaben aus Altenerding

Brigitte Haas-Gebhard von der Archäologischen Staatssammlung München hat sich mit den Grabbeigaben und der Tracht der früheren Bayern beschäftigt und bemerkt: "Die meisten der fremden Frauen sind kulturell dem Rest der Bevölkerung sehr ähnlich und wirken assimiliert." Die Frauen aus dem Schwarzmeerraum müssen also in ihrer neuen Heimat gut integriert gewesen sein. Weil die Prozedur des Schädelverformens sehr aufwändig war, kann es gut sein, dass die Frauen früher einen höheren Rang innehatten und wohlhabend waren. Bislang sind noch keine verformten Kinder- und Männerschädel gefunden worden. Die Forscher davon aus, dass die Turmschädel-Frauen offensichtlich erst im Erwachsenenalter nach Bayern kamen. Warum, das bleibt weiterhin ein Rätsel. Vielleicht galten die Turmschädel als Statussymbol einer Elite aus dem Schwarzmeergebiet. Vielleicht sollte das Einheiraten dieser Frauen aus Südosteuropa in eine bajuwarische Gesellschaft strategisch diplomatische Beziehungen festigen.

Bayerische Siedlungen bekamen Zuwachs aus dem Ausland

Feststeht, dass die Menschen damals schon, und besonders die Frauen, erstaunlich mobil waren. Denn nur wenig später lassen sich laut der Forscher zwei Frauen nachweisen, die ihre nächsten genetischen Verwandten unter heutigen Griechen oder Türken besitzen. "Das ist ein einmaliges Beispiel von weiblicher Mobilität, die größere Kulturräume überbrückt", sagt Joachim Burger. "Wir müssen damit rechnen, dass noch viele weitere, bislang ungeahnte bevölkerungsdynamische Phänomene an der Genese unserer frühen Städte und Dörfer mitgewirkt haben."

  • Frauen mit Turmschädel - Wie bunt gemischt waren die frühen Bayern? 16.03.2018, 18.05 Uhr, IQ, Bayern 2
  • Deformierte Schädel: 15.03.2018, 17 Uhr, nano, ARD-alpha
  • Südländerinnen besiedelten Bayern im Frühmittelalter: 14.03.2018, 18.05 Uhr, IQ, Bayern 2

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