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Linguistik Die Temperatur von Sprachmerkmalen

Wie schnell verändert sich Sprache? Man nehme dreihundert Sprachen, Geodaten aus aller Welt sowie verschiedene Sprachmerkmale und bekommt heraus: eine Temperatur.

Von: Franziska Konitzer

Stand: 31.12.2020 13:26 Uhr

Sprachmerkmale haben unterschiedliche "Temperaturen": Bestimmte Sprachmerkmale verändern sich häufiger als andere.  | Bild: colourbox.com

Dass sich Sprachen verändern, wird beispielsweise klar, wenn man früher oder später mit den Werken des Minnesängers Walther von der Vogelweide konfrontiert wird:

"Ich saz ûf einem steine dô dahte ich bein mit beine."

Walther von der Vogelweide (c. 1170 – c. 1230)

Irgendwie ist vieles anders, wobei, ein bisschen versteht man ja doch ...?

Sprachwissenschaftler würden gerne nachvollziehen, inwiefern und wie schnell sich Sprachen ändern. Dies ist aber nicht so einfach herauszufinden. Ja, menschliche Sprachen gibt es wahrscheinlich seit rund 100.000 Jahren. Aber die Bezeichnung "Sprache" kommt nicht von ungefähr, Sprachen wurden nun einmal zumeist gesprochen. Über die Geschichte hinweg wurde nur wenig aufgeschrieben, Walther von der Vogelweide ist definitiv eher die historische Ausnahme als die Regel.

Linguistik: Welche Sprachmerkmale ändern sich schnell, welche eher nicht so häufig?

Forscher um den Sprachwissenschaftler Henri Kauhanen vom Zukunftskolleg der Universität Konstanz haben nun im Fachmagazin "Science Advances" ein Modell vorgestellt, mit dem sie berechnen können, wie wahrscheinlich es ist, dass sich bestimmte Sprachmerkmale ändern – oder eben nicht. So erhoffen sie sich Einblicke in die Evolution von Sprachen.  "Wir wissen, dass bestimmte Vokallaute sich eher häufig ändern", erklärt Kauhanen. "Aber bestimmte Aspekte der Grammatik, zum Beispiel die Satzstellung, ändern sich weniger häufig."

Modelle aus der Linguistik: historisch oder nicht-historisch

Tatsächlich ist die Frage, die Kauhanen und Kollegen mit diesem Modell gerne beantworten würden, nicht neu. Bisherige Versuche in den Sprachwissenschaften, derartige Veränderungen nachzuverfolgen, basieren allerdings meist darauf, Sprachen in Sprachfamilien einzuordnen – also beispielsweise die romanischen Sprachen von Italienisch bis Rumänisch – und so ihre Evolution nachzuvollziehen. Damit steckt man allerdings schon eine ganze Menge Annahmen in ein linguistisches Modell, denn es sind beispielsweise nicht alle Sprachfamilien gleich alt.

Wo wird was wie gesprochen: Geodaten und Sprache

Wo kommen bestimmte Artikel vor?

Die Forscher wählten deshalb einen anderen Ansatz – den über Geodaten. Sie steckten in ihr Modell keinerlei Informationen über die potenzielle Herkunft und Geschichte unserer heutigen Sprachen, sondern lediglich die Information, wo auf der Welt die Sprachen heute gesprochen werden. Für rund dreihundert Sprachen weltweit und dreißig Sprachmerkmale konnten sie so ausrechnen, wie schnell oder langsam sich die betreffenden Sprachmerkmale wahrscheinlich verändern.

Dabei spielten in den Berechnungen einerseits ein vertikaler Prozess eine Rolle, wenn Sprache und Sprachmerkmale von einer Generation zur nächsten übertragen werden. Andererseits ging es in einem horizontalen Prozess darum, wie räumlich nah sich die verschiedenen Sprachen sind, was die Wahrscheinlichkeit, dass Sprachmerkmale ausgetauscht oder übertragen werden, erhöht. Mithilfe von stochastischen Methoden landete das Modell für jedes Sprachmerkmal bei einer "Temperatur". Ist die Temperatur höher, ist es wahrscheinlicher, dass sich das jeweilige Sprachmerkmal ändert, als bei einer niedrigeren Temperatur. Die Forscher wählten diesen Begriff, weil bei einer physikalisch höheren Temperatur sich Teilchen schneller und dynamischer bewegen als bei einer niedrigeren Temperatur.

Was ist das Sprachmerkmal mit der höchsten Temperatur?

Verb vor Objekt: Walther von der Vogelweide sitzt auf einem Stein.

Das Sprachmerkmal mit der höchsten Temperatur, also was sich wahrscheinlich am häufigsten ändert, ist: "Hand und Finger identisch". "Das gibt es in verschiedenen polynesischen Sprachen", erklärt Kauhanen. "Auf Tahitianisch kann das Wort "rima" sowohl die Hand als auch den Finger bezeichnen." Es gibt aber auch Sprachen, die nicht unbedingt zwischen Händen und Armen unterschieden. Auch Henri Kauhanens Muttersprache Finnisch zählt dazu: "Im Finnischen benutzen wir meistens dasselbe Wort für Hand und für Arm. Es lautet "käsi"." Auch dieses Sprachmerkmal tendiert laut Modell dazu, sich eher schneller zu ändern, also vielleicht wieder aus der Sprache zu verschwinden.

Aber, Walther von der Vogelweide lässt grüßen, auch im Deutschen brauchen wir uns nicht entspannt zurücklehnen und denken, dass unsere Sprache in Stein gemeißelt ist:

"Da gibt es auch sogenannte gerundete Vorderzungenvokale wie das „ö“ in „schön“ oder das „ü“ in „Mütter“. Die schauen recht instabil aus. Das wissen wir auch aus unabhängigen Experimenten im Labor. Zum Beispiel ist es ziemlich schwierig, zu lernen, diese Laute korrekt auszusprechen, wenn sie nicht schon in der Muttersprache vorkommen."

Henri Kauhanen, Universität Konstanz

Hingegen ist laut Modell das stabilste von den untersuchten Sprachmerkmalen die Präsenz von Ordnungszahlen – hat eine Sprache diese oder nicht? Im Deutschen gibt es einen Unterschied zwischen "vier" und "das vierte". Aber Ordnungszahlen sind nicht in allen Sprachen vorhanden.

Wann sind die Tage der Umlaute gezählt?

Genau vorhersagen, ob und wann die ü’s und ö’s aus unserer Sprache verschwinden werden, kann dieses Modell natürlich nicht. Aber im Vergleich zu anderen linguistischen Modellen schneidet es recht gut ab, und das mit weniger Vorannahmen – bei Modellen immer eine gute Sache. Als nächstes würden Henri Kauhanen und seine Kollegen es gerne ein wenig ausbauen, zum Beispiel, indem sie untersuchen, inwieweit sich Sprachmerkmale gegenseitig beeinflussen könnten.


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