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Saatgut-Tresor als Arche Noah für Pflanzen Pflanzensamen aus dem Tiefkühlbunker auf Spitzbergen

Im Jahr 2008 wurde der Saatgut-Tresor, der "Global Seed Vault", auf Spitzbergen in Betrieb genommen. In der Kälte des Eises lagern Samen von Kulturpflanzen wie Reis, Weizen, Gerste oder Hirse. Sie sollen im Notfall zum Einsatz kommen.

Stand: 21.04.2020

2008 wurde das einzigartige globale Saatgutlager – der "Svalbard Global Seed Vault" – eröffnet, in der Nähe von Longyearbyen auf Spitzbergen, gut 1.200 Kilometer entfernt vom Nordpol.

Vereister Eingang zum weltweiten Saatgut-Lager

Dort, im Permafrost, lagern im Inneren eines Berges im "Weltweiten Saatgut Tresor Spitzbergen" Millionen Samen von Nutzpflanzen. Der Saatgut-Tresor wurde gebaut, um die Kulturpflanzenvielfalt im Falle einer Katastrophe zu schützen. Und das musste er auch bereits, um Pflanzenarten zu schützen, die durch den Krieg in Syrien bedroht waren.

Ein Tiefkühl-Tresor für Saatgut

Welttreuhandfond

Zuständig für den Global Seed Vault auf Spitzbergen ist der Welttreuhandfond für Kulturpflanzenvielfalt, der Global Crop Diversity Trust. Das ist eine unabhängige internationale Organisation mit Sitz in Bonn.

In einem der drei Lagerräume werden hier bei minus 18 Grad Celsius die Keime von Pflanzen wie Reis, Mais, Bohnen und Kartoffeln gesammelt, eingefroren und für die Zukunft gesichert. Über eine Million einzelne Samen lagern inzwischen im Eis, von mehr als 4.000 verschiedenen Pflanzenarten.

"Wir Wissenschaftler nennen das genetischen Ressourcen unserer Nutzpflanzenvielfalt. Da geht es um alte Sorten auf Englisch: land races. Material, das vom Bauern über Jahrtausende hinweg gezüchtet und entwickelt wurde. Das wird eingelagert und es ist im Prinzip Teil eines großen globalen Projektes, um diese Nutzpflanzenvielfalt aufzubewahren und für zukünftige Generationen zur Verfügung zu stellen."

Hannes Dempewolf, Biologe des Global Crop Diversity Trusts

In Kunststoffboxen und zusätzlich in wasserdichten Aluminiumbeuteln verpackt lagern die Samen in den Regalen des Saatgut-Tresors. Geschützt vor Erdbeben, saurem Regen und radioaktiver Strahlung sollen sie in Spitzbergen Krisen überdauern, um jederzeit wieder zur Verfügung zu stehen.

Tunnel, der zur globalen Pflanzen Arche Noah führt

Zur Gewinnung der Samen werden seltene Weizen-, Hopfen-, Reis-, Maniok-, Bananen-, Kartoffeln-, Bohnen-, Linsen- und Kokosnussarten im Rahmen des Projekts von Pflanzenzüchtern kultiviert und dann in verschiedenen Institutionen untergebracht. Amaranth aus Ecuador gehört ebenso dazu wie Tomatensorten aus Deutschland.

Dreifach gesicherte Samen

Eine Probe bleibt in der Genbank des Heimatlandes, die zweite wird in einer Genbank gelagert, die internationalen Vorschriften genügt, und die dritte kommt nach Spitzbergen. Diese Samen dürfen im Notfall nur an die Eigentümer ausgehändigt werden - regionale Genbanken in der ganzen Welt. 2018, zum zehnjährigen Jubiläum des Saatgut-Tresors, schätzte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), dass rund 40 Prozent des weltweit eingesetzten landwirtschaftlichen Samenguts im Tresor auf Spitzbergen lagern.

Permafrost könnte auftauen

Zugefrorener Eingang – hoffentlich schmilzt das Eis nicht ...

Die Lagerhallen sind in 130 Metern Höhe, im Berg und versetzt angelegt. Das schütze sie und ihre Schätze vor Hochwasser, Raketenangriffen und sogar einem Atomkrieg, sagten die Konstrukteure bei der Inbetriebnahme des Stahlbetonbunkers. Allerdings befürchteten Kritiker schon zu Beginn, dass bei steigenden Temperaturen durch den Klimawandel der Permafrost auftauen könnte – das brächte durchaus Gefahren für die dort gelagerten Samen.

Gefahr durch Schmelzwasser vorerst gebannt

2017 gab es tatsächlich die ersten Probleme für den Tiefkühl-Tresor: Unerwartet hohe Temperaturen im Herbst und Winter brachten den Permafrost zum Schmelzen und sorgten dafür, das Wasser in den Eingangsbereich der Saatgutbank gelangte. Die Lagerräume waren glücklicherweise nicht betroffen, keine der Saatgutproben erlitt Schaden. Eine 24-Stunden-Überwachung des Speichers wurde eingeführt.

Und der Saatgut-Tresor schloss zwei Jahre lang die Pforten, damit diese baulich und technisch gründlich überarbeitet werden konnten. Eingangsbereich, Verbindungstunnel und Kühlsystem wurden verbessert, um den Tresor für die Zukunft vor der Gefahr des schmelzenden Permafrosts zu schützen. Seit Februar 2020 können wieder neue Saatgut-Proben eingelagert werden.

Neuauflage der Arche Noah

Infos zur Datenbank

Hier geht's zur englischen Seite des Globalen Svalbard Samen-Tresors, die von der norwegischen Regierung betreut wird.

Norwegens ehemaliger Landwirtschaftsminister Terje Riis-Johansen nannte das Saatgutlager schon vor der Eröffnung "eine moderne Neuauflage der Arche Noah". Die afrikanischen Staaten lieferten als Erste Samen ins neue Depot. Das Internationale Institut für Tropen-Landwirtschaft schickte 20 Kisten mit 7.000 Samenproben aus 36 afrikanischen Ländern ein.

Global Seed Vault: Saatgut-Tresor auf Spitzbergen

Interaktive Karte - es werden keine Daten von Google Maps geladen.

Global Seed Vault: Saatgut-Tresor auf Spitzbergen

Nicht alle Samen vertragen Trocknung

Das Saatgutlager in Spitzbergen ist allem Anschein nach ein großer Erfolg. Es gibt allerdings auch Befürchtungen, dass die eingelagerten Samen ihre Aufgabe gar nicht erfüllen können. Wissenschaftler der Königlichen Botanischen Gärten von Kew im Südwesten von London haben im November 2018 in der Fachzeitschrift Nature Plants eine Studie veröffentlicht, dass die Samen vieler Pflanzen gar nicht mehr auskeimen können, wenn sie wie im Saatgutlager zunächst getrocknet und dann bei Minus-Graden gelagert werden. Dazu zählen etwa die Hälfte aller Bäume in tropischen Regenwäldern. Die Wissenschaftler empfehlen als Alternative, empfindliche Samen in Flüssigstickstoff zu konservieren, was allerdings deutlich aufwendiger wäre.

Erster Einsatz durch den Krieg in Syrien

Schon wenige Jahre nach der Eröffnung 2008 wurde der Saatgut-Tresor seiner Bestimmung gerecht - dort gelagerte Samen waren gefragt. Grund war der Krieg in Syrien. Bis 2012 war im syrischen Aleppo das Internationale Zentrum für landwirtschaftliche Forschung in Trockengebieten (Icarda) beheimatet, in dem Saatgut von 40 Staaten des Nahen Ostens gesammelt werden. Es wurde im syrischen Krieg schwer beschädigt. Fast alle Proben, auch hitzeresistente Getreidesorten aus dem Nahen Osten, konnten jedoch rechtzeitig nach Spitzbergen gebracht werden. Das Icarda wurde unterdessen nach Beirut verlegt. Dort nutzten Wissenschaftler im Jahr 2015 dann zum ersten Mal Saatkörner aus Spitzbergen für die Neuaussaat.

"Der Saatgut-Tresor wurde 2008 in Betrieb genommen. Damals haben wir nicht damit gerechnet, dass so schnell ein Notfall eintreten könnte. Es ist das erste Mal, dass man uns bittet, eingelagerte Samen an den Auftraggeber zurückzuschicken. Das Internationale Zentrum für Agrarforschung in trockenen Regionen möchte Saatgut von Pflanzen zurückhaben, die im syrischen Bürgerkrieg vernichtet wurden. Damit soll die Saatgut-Sammlung wieder aufgebaut werden."

Brian Lainoff vom Global Crop Diversity Trust 2015 im Interview mit Journalist Michael Marek

Vor allem Gerste, Weizen und Kichererbsen wurden in den Libanon und nach Marokko geschickt. Dort säten die Wissenschaftler die Samenkörner aus. Aus den Gewächsen wurden neue Sammlungen aufgebaut. 2017 konnten so wieder neue Samen zurück nach Spitzbergen geschickt und eingelagert werden.

  • Saatgutbank Spitzbergen - Nicht mehr bedroht von Tauwetter? IQ - Wissenschaft und Forschung, 27.04.2020 um 18:05 Uhr, Bayern 2
  • Schatzkammer für die Ewigkeit: Wie auf Spitzbergen Saatgut verwahrt wird: IQ - Wissenschaft und Forschung, Bayern 2, 16.02.2016, um 18.05 Uhr
  • Samen-Tresor auf Spitzbergen": nano, ARD-alpha, 25.09.2015, um 16.30 Uhr
  • Syrien geht das Getreide aus - Saatgutbank schickt erstmals Samen zurück. IQ - Wissenschaft und Forschung, Bayern 2, 25.09.2015, um 18.05 Uhr

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