9

Digitale Welt Was Smartphones mit uns machen

Fast drei Stunden schauen wir im Schnitt täglich auf unser Smartphone. Alle zwölf Minuten lassen wir uns von Apps unterbrechen, die es schaffen, uns lange am Gerät zu halten. Warum das möglich ist, die Folgen und Auswege.

Stand: 21.09.2020

Es ist ein geniales Gerät: Telefon, Messenger, Computer, Fotoapparat, Spielkonsole, Fernseher und noch vieles mehr in einem - und es passt noch dazu in fast jede Hosentasche. Vor allem bei den 14- bis 49-Jährigen ist das Smartphone allgegenwärtig. 95 Prozent in dieser Altersgruppe besitzen ein sogenanntes intelligentes Mobiltelefon und verbringen viel Zeit damit. Im Durchschnitt 80-mal aktivieren Nutzer pro Tag ihr Gerät. Manche sogar doppelt so oft. Hochgerechnet auf die Woche sind das immerhin zwei volle Arbeitstage. Aus "kurz mal die Mails checken" wird schnell mal eine halbe Stunde. Doch wie gelingt es den Herstellern der Apps, uns so lange an die kleinen Geräte zu fesseln? Was macht das mit uns? Und: Wie können wir verhindern, zu viel Zeit am Smartphone zu verbringen?

Warum Smartphone-Apps ähnlich funktionieren wie Casinos

Um zu verstehen, wie es Software-Herstellern gelingt, Apps zu entwickeln, die uns die Zeit stehlen, ohne dass wir es merken, lohnt sich ein Blick in die Welt der Casinos. Denn in den Casinos geht es im Prinzip nur um eins: Die Spielerinnen und Spieler lange vor den Automaten zu halten. Denn je länger sie am Gerät bleiben, desto mehr Geld verlieren sie, das konnten Forscher mithilfe von Analysen belegen. Das heißt damit dann auch: mehr Gewinn fürs Casino.

Ganz ähnlich ist es bei den Apps auf dem Smartphone, weiß Natasha Schüll, Anthropologin an der New York University, USA, die seit vielen Jahren über das Glückspiel in Casinos forscht.

"Im Online-Bereich spricht man von der 'Klebrigkeit' einer Webseite oder 'Time on site', also Zeit auf einer Webseite. In den Casinos war das 'Time on device', Zeit am Gerät. Viele dieser Technologien haben hier ihren Anfang gefunden."

Natasha Schüll

Time on device - das Geschäft mit unseren Daten

Time on device - die Zeit, die ein Nutzer in der App verbringt - ist auch Geld, genau wie im Casino.

"Wir zahlen mit unseren Daten", sagt Christian Montag, Psychologe an der Universität Ulm, der gemeinsam mit Alexander Markowetz, einem Informatiker, vor sieben Jahren eine App entwickelt hat, mit der genau gemessen werden kann, wie viel Zeit die Nutzer auf ihrem Smartphone verbringen.

"Je länger wir auf der Plattform sind, desto mehr Werbung wird uns gezeigt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir eben auch mal draufklicken. Und dann bekommen die Plattformen Geld [...]."

Katharina Zweig, Informatikerin an der Technischen Universität Kaiserslautern.

Vier Faktoren, die uns auf Apps verweilen lassen

Vier Faktoren tragen laut der US-Forscherin Natasha Schüll dazu bei, dass wir sowohl vor Spielautomaten als auch an Smartphone-Apps länger hängen bleiben, als wir das eigentlich wollen: die sogenannte "Vereinzelung", zufällige Belohnungen, keine Auflösung und die Geschwindigkeit.

Faktor 1: Vereinzelung

Gemeint ist damit:

"Spielautomaten und Smartphones löschen quasi die Leute um einen herum und die soziale Welt. Man ist fokussiert, auf sich und den kleinen Bildschirm."

Natasha Schüll

Faktor 2: zufällige Belohnungen wie zum Beispiel "likes"

"Man weiß nie, was man bekommt und wann. Das ist sehr süchtig machend: Das Element der Unsicherheit, das finden wir beim Smartphone und beim Spieleautomat."

Natasha Schüll

Faktor 3: Nichts wird aufgelöst, es gibt kein Ende

"Man hört mit dem Spielautomaten nicht auf, weil man nie damit fertig ist. Das ist beim Smartphone auch so, weil man einfach dabeibleiben kann, endlos scrollen oder auf den Webseiten Nachrichten schreiben kann."

Natasha Schüll

Faktor 4: die Geschwindigkeit

"Es geht so schnell, man hat gar keinen Moment durchzuatmen, zu stoppen, eine Pause zu machen und darüber nachzudenken, ob man jetzt wirklich weitermachen will. Es gibt keine Wahl, außer weiterzumachen."

Natasha Schüll

Eine große Rolle spielen dabei natürlich auch die immer schnelleren mobilen Internetverbindungen.

Die Folgen der ständigen Smartphone-Nutzung

Mit dem Smartphone haben wir erst jetzt zum ersten Mal geschafft, Langeweile völlig auszurotten. Man kann quasi jede Sekunde etwas machen, sagt Alexander Markowetz, ehemaliger Juniorprofessor für Informatik und heutiger Unternehmer.

Fehlende Langeweile macht krank

Das hört sich positiv an, ist es aber nicht, denn fehlende Langeweile macht krank. Insbesondere für Jugendliche hat das ständige Abtauchen in die digitale Welt tiefgreifende gesundheitliche Folgen. Die fehlende Langeweile, also das Fehlen, sich über etwas Gedanken machen zu können, macht etwas mit ihrer Persönlichkeit

"Wenn ich es schaffe, einen jungen Menschen in den Jahren 12 bis 20 so abgelenkt zu halten, dass er sich diese Gedanken nicht machen muss, [...] indem er sich zu jedem Zeitpunkt einfach ablenken und davonlaufen kann, dann komme ich hinterher zu Menschen Mitte 20, die im Grunde genommen die Persönlichkeit von 12-Jährigen haben."

Alexander Markowetz, ehemaliger Juniorprofessor für Informatik und heutiger Unternehmer

Smartphone-Apps: Druck auf IT-Konzerne erhöhen

Um künftig mehr Apps auf dem Smartphone zu haben, die uns nicht zum Datensammeln die Zeit stehlen, sondern sich an den Bedürfnissen der Nutzer orientieren, sieht Christian Montag unter anderem eine Möglichkeit.

"Ich glaube, wir müssen tatsächlich den Druck auf die Tech-Konzerne erhöhen, dass wir Social Media Plattformen haben, wo wieder diese bedeutungsvolle Kommunikation im Vordergrund steht, dass also wirklich menschliche Bedürfnisse befriedigt werden, ohne, dass der Verlust zu groß ist oder überhaupt stattfindet. Das heißt, dass die Schattenseiten wirklich eingedämmt werden."

Christian Montag, Psychologe an der Universität Ulm

Weniger Zeit mit dem Smartphone: Tipps für jeden Einzelnen

Informatikerin Katharina Zweig hat Tipps, wie jeder Einzelne verhindern kann, zu viel Zeit mit dem Smartphone zu verbringen

"Was jeder von uns tun kann, ist, diese Benachrichtigungen auszuschalten. Und das Zweite ist, mal zu tracken, wie viel Zeit man auf dem Handy verbringt. Und ist das wirklich das, was ich gerne machen möchte mit meinen Tag oder nicht?"

Katharina Zweig, Informatikerin und Professorin an der Technischen Universität Kaiserslautern


9