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Ursprung der Schrift Von der Lehmkugel zum Tintenfass

Vom Tagebuch über die Email bis zum Einkaufszettel - mit der Schrift halten wir fest, was uns bewegt, was wir sagen wollen, was wir nicht vergessen möchten. Doch wo kommt die Schrift eigentlich her? Und wer hat sie erfunden?

Von: Yvonne Maier

Stand: 29.06.2020

Kleine Kügelchen aus Lehm, mit eingeritzten Symbolen - so sahen 3.500 v. Chr. die ersten Vorläufer der Schrift aus. Verwendet wurden diese Kügelchen als Zählmarken, im mesopotamischen Uruk. Am Fluss Euphrat gelegen, im heutigen Südirak, war die Stadt Uruk zu der Zeit eine florierende Handelsstadt. Manche Forscher bezeichnen Uruk sogar als die erste Megacity der Welt, mit engen Gässchen, Gärten, Viehkoppeln und einem großen Tempel als Handelszentrum.

Urschrift: mehr Zeichnung als Buchstabe

Anders als im Dorf kannten sich die Händler, die Bauern, die Stadtverwalter nicht persönlich. Es brauchte also ein Werkzeug, um zum Beispiel Arbeitskräfte, Waren oder Mengenangaben festzuhalten. Um etwa zu beweisen, dass ein Bauer fünf Säcke Weizen abgegeben hatte, formte ein Beamter eine Kugel aus Ton und ritzte das Symbol für Getreide ein.

Einkerbungen auf einer Tontafel: Die keilförmigen Schriftzeichen stellen die Berechnung der Fläche eines Grundstücks in Umma, Mesopotamien dar.

Mit der Zeit reichte das Zählsystem mit den Lehmkugeln nicht aus. Ein besseres Dokumentationssystem musste her. Im späten 4. Jahrtausend v. Chr. entsteht eine frühe Form der sumerischen Keilschrift, neben den ägyptischen Hieroglyphen - die heute älteste bekannte Schrift. Sie wurde mit einem Schreibgerät aus Schilfrohr - einem Stylus - in den weichen Lehm geritzt - mehr Zeichnung als Buchstabe. Auf Tontafeln legten die Verwalter dann Listen an. Eine archaische Form der Buchhaltung, erklärt die Historikerin und Assyriologin Karin Radner:

"Man kann es nicht mit briefähnlichen Korrespondenzen vergleichen, sondern man muss es mit Verwaltungs-Programmen, mit Exel-Spread-Sheets und solchen Dingen vergleichen."

Karin Radner, Historikerin und Assyriologin

Mehrdeutige Schriftsymbole: Heuschrecke ist gleich Vernichtung

Eine frühe Art der Buchhaltung: Diese Tontafel enthält Angaben über eine bestimmte Anzahl von Ziegen und Schafen.

Ein Vorteil der Keilschrift war, dass man sie sehr variabel einsetzen konnte, sogar in der Zeit, in der sie aus Piktogrammen, also kleinen Abbildungen bestand. Denn wenn man das Symbol für "Kopf" mit dem für "Napf" kombinierte, konnte das so etwas wie "Essen" bedeuten. Der entscheidende Schritt war aber ein anderer, denn die Symbole wurden bald in ihrer übertragenen Bedeutung verwendet. So stand das Piktogramm für "Heuschrecke" einerseits für das Insekt, andererseits auch für "Vernichtung". Ein Stern konnte der Himmelskörper sein oder auch "Gott" symbolisieren. Zu einer Schrift in unserem Sinne wurde die Keilschrift erst, als bestimmte Zeichen nur noch für bestimmte Silben und Laute standen. Genauso wie man heute mit derselben Schrift auf Deutsch, Französisch oder Englisch schreiben kann, konnte man mit Keilschrift viele verschiedene Sprachen verschriftlichen.

Gänsekiel und Tinte erfordern eine neue Schrift

Über die Jahrtausende wurde die Keilschrift von moderneren Silben- und Buchstabenschriften abgelöst, die heute noch verwendet werden: die arabische Schrift, hebräische Zeichen oder auch unsere lateinischen Buchstaben, die ihren Ursprung in der vor 3.100 Jahren entstandenen phönizischen Schrift haben. Buchstabenschriften sind flexibler und können noch mit weniger Zeichen Worte bilden. Und schließlich änderten sich mit der Zeit auch die Schreibwerkzeuge: Tontafel und Schilfrohr wurden durch Papyrusollen, Tinte und Federkielen ersetzt. Und damit entwickelte sich auch eine neue Form der Schrift.


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