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Schizophrenie Viel mehr als zwischen Wahn und Wahnsinn

Begünstigt das Leben in der Stadt Schizophrenie? Neueste Erkenntnisse legen das nahe. Doch das Wohnumfeld ist niemals die einzige Ursache für Schizophrenie. Es gibt sogar Auslöser der Krankheit, die man selbst vermeiden kann.

Stand: 14.10.2020 | Archiv

Halluzinationen und Wahnvorstellungen sind das, was die meisten mit der Schizophrenie verbinden. Und das stimmt auch. An Schizophrenie erkrankte Menschen haben oft Halluzinationen und Wahnvorstellungen, hören Stimmen in ihrem Kopf, sehen Leute, die gar nicht da sind. Aber Schizophrenie ist eben viel mehr als das. Es ist die Angst, ständig verfolgt zu werden, die Überzeugung, dass die eigenen Gedanken kontrolliert und beeinflusst werden, was die Betroffenen häufig quält. Auch ein plötzliches Verharren in seltsamen Körperhaltungen und eine Emotionslosigkeit gehört oft zum Krankheitsbild. An Schizophrenie zu leiden bedeutet allerdings nicht, eine gespaltene Persönlichkeit zu sein, was zwar weit verbreitet, aber ein Missverständnis ist.

Schizophrenie - die Suche nach der Ursache: die Gene

Klar ist mittlerweile, dass verschiedene Faktoren das Auftreten einer Schizophrenie begünstigen. Die Gene gehören dazu, aber eben nicht nur ein Gen. Viel mehr spielen viele verschiedene Gene eine mehr oder weniger große Rolle. So kann es zum Beispiel sein, dass von eineiigen Zwillingen nur einer erkrankt.

Neue Studie: Schizophrenie und die Bedeutung des Waldes

Neben der Veranlagung konnten Forscher zahlreiche Umweltfaktoren ausfindig machen, die eine Schizophrenie begünstigen. Zu diesen Umweltfaktoren, die eine Schizophrenie auslösen können, haben neuerdings Forscher wie Simone Kühn das Stadtleben als eine Ursache identifiziert.

Die Umweltneurowissenschaftlerin am Max Planck Institut für Bildungsforschung in Berlin hat Gehirnscans von 341 Berlinern untersucht und anschließend die Umgebungen rund um deren Wohnungen verglichen. Dabei konnte sie feststellen: Je mehr Wald die Menschen nahe ihrer Wohnung hatten, desto besser funktionierte ihre Amygdala, der sogenannte Mandelkern im Gehirn, der für die Stressbewältigung zuständig ist. Laut Kühn scheine der Wald "wichtig für die Hirnstruktur zu sein". Gemeint ist: Je mehr Wald in der Nähe, desto weniger Menschen haben eine Schizophrenie. Woran das genau liegt, konnte Kühn allerdings nicht feststellen. Waldspaziergänge sind dafür jedenfalls nicht die Ursache, das hat Wissenschaftlerin Kühn bereits untersucht.

Daten aus Japan: ätherische Öle im Wald stärken Immunsystem

Laut Kühn könnten aber Daten aus Japan belegen, warum Menschen, die nahe am Wald wohnen, weniger an Psychosen wie Schizophrenie erkranken.

"[In Japan] gibt es erste Daten, dass der Wald ätherische Öle emitiert, die wir einatmen und die zu einer Stärkung des Immunsystems führen. Und das Immunsystem ist lange schon mit Hirnplastizität in Verbindung gebracht worden."

Simone Kühn, Umweltneurowissenschaftlerin am Max Planck Institut für Bildungsforschung in Berlin

Leben in Innenstädten Nordeuropas begünstigt Schizophrenie

Robin Murray vom King's College in London und einer der berühmtesten Schizophrenie-Forscher überhaupt, hält aber auch eine ganz andere Ursache für möglich, warum Stadtbewohner häufiger an Schizophrenien erkranken als Landbewohner.

"Obwohl oft gesagt wird, es sei das Leben in der Stadt, das das Risiko erhöht, ist es eigentlich nur das Leben in Innenstädten. Und selbst das gilt scheinbar nur für Städte in Nordeuropa. In italienischen oder spanischen Städten scheint das nicht der Fall zu sein. Wir haben bisher keine Ahnung, WAS es ist. Aber ein Vorschlag ist Folgender: In nordeuropäischen Städten passiert es schnell, dass man sozial isoliert lebt."

Robin Murray, Schizophrenie-Forscher am King's College in London

Raus aus der Isolation durch Überwindung des Stigmas

Freunde und Familie können gegen die soziale Isolation helfen, doch die fehlen oft, wenn ein Mensch an Schizophrenie erkrankt. Aus Angst vor dem Fremden, dem Unheimlichen und dem Unberechenbaren gehen viele Menschen auf Distanz zu den Erkrankten. Das Stigma führt zur Ausgrenzung. Deshalb fordert Peter Brieger, Ärztlicher Direktor am Isar-Amper-Klinikum in München, eine Überwindung des Stigmas. Laut Brieger gelinge dies nur, "wenn ich Menschen treffe, die sowas haben."

Was sonst noch hilft - Tipps

Auch eine regelmäßige Arbeit kann eine gute Therapie bei Schizophrenie sein. "Das ist ein Faktor, der Sinn stiftet, Struktur gibt", sagt Brieger. Zu hoher Leistungsdruck sei hingegen schlecht für schizophreniegefährdete Menschen. So gebe es laut dem Mediziner Brieger "die Beobachtung, dass psychiatrische Krankheitsverläufe in sogenannten Ländern der dritten Welt günstiger verlaufen als in der ersten Welt."

Cannabis erhöht Gefahr von Psychosen wie Schizophrenie

Der Psychiatrieforscher Robin Murray aus London warnt vor einem Zusammenhang von Cannabiskonsum und Psychosen.

"Die genetischen Faktoren sind die wichtigsten. Aber von den Umweltfaktoren ist Cannabis wahrscheinlich der wichtigste. Zumindest dort, wo Cannabis geraucht wird. Also in London hätten wir 24 Prozent weniger Psychosen, wenn kein hochpotenter Cannabis geraucht würde. In Amsterdam ist es noch schlimmer: Da gäbe es vielleicht über 40 Prozent der Psychosen nicht, wenn kein hochpotenter Cannabis geraucht würde."

Robin Murray, Schizophrenie-Forscher am King's College in London

Natürlich bekomme nicht jeder Mensch, der viel Cannabis raucht, eine Psychose, sagt Murray. Aber der Konsum von Cannabis mit einem hohen Anteil des Wirkstoffs THC steigert das Risiko offenbar erheblich:

"Also wenn du kein Cannabis rauchst und normal gesund lebst, ist dein Risiko, psychotisch zu werden 1 zu 100. Wenn du aber jeden Tag hochpotenten Cannabis rauchst, liegt das Risiko schon bei 5 Prozent. Fünfmal höher!"

Robin Murray, Schizophrenie-Forscher am King's College in London