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Quallen Badeschreck oder Nutztier?

Lange Zeit wurden Quallen von der Wissenschaft kaum beachtet. Das hat sich geändert. Denn an europäischen Stränden kommen im Sommer immer häufiger Quallenplagen vor. Das schreckt Badegäste ab und beunruhigt die Tourismusbranche.

Von: Constanze Alvarez

Stand: 01.07.2020

Quallenblüte – der wissenschaftliche Begriff klingt so schön. Dabei kann es für Schwimmer ein Alptraum sein, in eine solche hineinzugeraten. An Mittelmeerküsten, auch an Nord- und Ostsee, kommt es seit einigen Jahren immer häufiger zu Quallenblüten bzw. Quallenplagen: Der Wind treibt die glibberigen Wesen ans Ufer, dicht an dicht, wie ein Teppich. An Schwimmen ist da nicht mehr zu denken.

Die Qualle im Fokus der Wissenschaft

Seitdem es im Sommer immer häufiger zu Quallenplagen kommt, interessieren sich auch mehr Forscher für dieses Tier, erklärt der Meeresbiologe Jan Dierking vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Geomar Kiel:

"Wenn wir uns die Fische angucken, da ist da ein solcher Fokus der Wissenschaft, weil da ein riesiges kommerzielles Interesse dahintersteckt. Und bei Quallen war es eben ganz lange nicht so."

Jan Dierking, Geomar Kiel

Ein Mann säubert vom Boot aus das Wasser von Quallen. Die Badegäste am Strand von Salobreña in Andalusien schauen zu.

Frustrierte Badegäste und alarmierte Hoteliers mögen dazu beigetragen haben, dass die Europäische Union vor drei Jahren sechs Millionen Euro für das europaweite Forschungsprojekt „GoJelly“ zu Verfügung stellte. Koordiniert wird dieses Projekt von Geomar Kiel, für das Jan Dierking arbeitet. Im Zentrum der Forschung steht die Frage, weshalb sich die Quallen gerade in den letzten Jahren so ausgebreitet haben. Einer der Hauptgründe ist die steigende Temperatur der Gewässer:

"Wir hatten einen sehr warmen Winter und ein warmes Frühjahr auch noch. Das Wasser war im April um die drei Grad wärmer als im Vorjahr, dadurch laufen alle Prozesse im Wasser schneller ab, und wir hatten schon ganz früh im Jahr ganz viele Jungquallen."

Jan Dierking, Geomar Kiel

Je wärmer das Wasser, desto zahlreicher „blühen“ die Quallen. Hinzu kommt: Durch die Überfischung verringert sich die Zahl ihrer natürlichen Feinde. Dazu zählen Meeresschildkröten, Tun- und Schwertfische. Die Verschmutzung der Meere macht den Quallen wiederum nicht so viel aus. Pflanzenstoffe, Stickstoff und Phosphor verringern den Sauerstoffgehalt im Wasser. Quallen kommen damit besser zurecht als Fische.

Quallenplagen vorherzusagen ist nach wie vor schwierig

Mittlerweile gibt es Apps, die über den Zustand der Strände, die Anzahl und Gattung der Quallen und deren Gefährlichkeit informieren. Aber keine kann Quallenplagen voraussagen. Dazu ist die Forschung noch nicht weit genug.

"Das wollen wir ändern, damit große Quallenschwärme abgefischt werden können, bevor sie die Küsten erreichen."

Jan Dierking, Geomar Kiel

Frittierte Quallen als Delikatesse 

Parallel arbeiten die Projektpartner von "GoJelly" an einem weiteren Schritt: Studien haben belegt, dass Schleim von Quallen Mikroplastik binden kann. Darum untersuchen Wissenschaftler jetzt, ob Quallen als Biofilter in Klärwerken eingesetzt werden könnten. Oder als Dünger in der Landwirtschaft. Oder als Futter für die Aquakultur. Auch in Dänemark wird experimentiert, aber in eine andere Richtung: Gastrophysiker versuchen, aus den durchsichtigen Wesen avantgardistische Delikatessen für den menschlichen Gaumen zu schaffen. Einige weltberühmte Starköche haben schon Interesse an den Rezepten bekundet.

Sendungen:

  • Quallen - Das geheime Leben der Gallerttiere. radioWissen, 14.08.2020 um 09:05 Uhr, Bayern 2
  • Quallenplagen – Können wir noch sicher baden? Planet Wissen, 02.07.2020 um 13:30 Uhr, ARD-alpha
  • Quallen - schreckliche Schönheiten. natur exclusiv, 17.03.2019 um 14:30 Uhr BR Fernsehen

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