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Artenvielfalt Ohne Misthaufen keine Fliegen, ohne Fliegen keine Schwalben

Stubenfliegen können mit ihrem impertinenten Gebrumme und ihrer permanenten Suche nach Körperkontakt oder Essbarem an unserem Tisch ganz schön nerven. Schwalben sehen das allerdings ganz anders. Für sie sind Fliegen ein wichtiges Nahrungsmittel. Und was haben nun Misthaufen damit zu tun?

Stand: 14.09.2020

So lästig sie sind, so wichtig sind Fliegen für die Natur und als Nahrungsmittel für andere Tiere - das verdrängen wir nur allzu gerne. Es ist ja auch angenehm, wenn sich beim Grillen zu den Wespen nicht auch noch die Fliegen gesellen. Manche aber haben den Wert der brummenden Nervensägen erkannt, denn: ohne Fliegen keine Schwalben.

Die Misthaufen fehlen den Fliegen zur Eiablage

Auf immer mehr Bauernhöfen verschwanden und verschwinden die Schwalben, die sonst unter Scheunendächern ihren Nistplatz gefunden und mit ihrem Gezwitscher die Luft erfüllt haben. Aber woran liegt das? Der Grund ist eigentlich ganz einfach: Immer mehr Bauern haben mit der Tierhaltung aufgehört - und ohne Tierhaltung keine Misthaufen. Die brauchen die Fliegen aber zur Eiablage. Dort entwickelt sich ihre Brut prächtig. So fehlt es also an Fliegen, die für die Schwalben wichtiges Nahrungsmittel sind.

Fliegen vermehren sich wie die Fliegen

Auch Bauer Georg Brunner sah einen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden der Fliegen und dem Verschwinden der Schwalben. Er recherchierte und kam auf eine beeindruckende Rechnung: In den Sommermonaten legen Weibchen alle drei Tage im Schnitt 150 Eier. Bei guten Bedingungen sind bis zu 15 Fliegen-Generationen pro Jahr möglich: 150 Eier in der ersten Generation,10.250 in der zweiten, 843.750 in der dritten und über 63 Millionen in der vierten Generation. Macht theoretisch pro Fliegenpärchen Billionen von Nachkommen mit Millionen Tonnen Biomasse.

Den Schwalben fehlt das Fliegenfutter

Jede Menge Futter für die Schwalben bzw. jede Menge Futter, das fehlt, wenn die passenden Brutbedingen - sprich Misthaufen - fehlen. Mit dem Aussterben der Viehhaltung und den damit verbundenen Stallungen, Weiden und Misthaufen bleiben auch die Fliegen fern - und damit auch die Schwalben.

Andere Viehhaltung bietet Fliegen keinen Platz

Und auch wenn es noch Viehhaltung gibt, setzen die Bauern meist auf Stallhaltung mit Spaltenboden und Güllebecken, anstatt auf Misthaufen und Kuhweiden mit Kuhdung. Doch damit haben Fliegen und andere Insekten kaum Chancen zur Eiablage. Und weniger Insektennachwuchs heißt auch - weniger Vogelfutter.

"Als die Landwirtschaft von Festmist auf Flüssigmist umgestellt hat, also das Prinzip der Toilettenspülung für die Tierhaltung eingeführt hat, ging auch der Misthaufen verloren. Damit ging auch diese leicht zugängliche Ressource für die Fliegen verloren. Unsere Bewirtschaftungsweise hat große Konsequenzen darauf, welche Insekten gerade bevorteilt oder benachteiligt werden."

Wolfgang Weisser, Ökologe

Höfesterben und Artensterben hängt zusammen

Manche Bauern halten es noch mit der alten Haltungsform - inklusive Misthaufen - so wie Bauer Mauermeier in Eching, der gut 100 Mastbullen hält. Auf seinem Hof und im Stall schwirren jede Menge Fliegen. Und rund um und in den Stallungen leben Dutzende von Schwalben, die hier reichlich Futter finden. Doch so ein Hof ist eher die Ausnahme. Georg Brunner ist davon überzeugt, dass Höfesterben und Artensterben eng zusammenhängen. Seit den 70er Jahren haben Dreiviertel der Höfe in Bayern aufgegeben. Was übriggeblieben ist, ist eine Intensivlandwirtschaft, in der viele Arten nicht überleben können, meint der Ökologe Wolfgang Weisser:

"All unsere Gesetze und Maßnahmen reichen nicht aus oder sie sind falsch. Wir müssen uns überlegen: Was für eine Vielfalt hätten wir gerne und wie können wir die erhalten? Wenn wir so weitermachen, geben wir einfach weiter viel Geld aus und die Artenzahl geht weiter zurück."

Wolfgang Weisser, Ökologe

Auch wenn Fliegen dem Menschen lästig sind, so sind sie doch unentbehrlich. Mit einer anderen, ökologischen Förderpolitik kämen mit dem Vieh und dem Mist vielleicht auch wieder die Fliegen und die Schwalben zurück.


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