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Nobelpreis für Medizin 2020 Entdeckung des Hepatitis-C-Virus

Wie macht man einen Krankheitserreger ausfindig? Das ist nicht nur während der Coronapandemie eine wichtige Frage für die Medizin. Auch die Entdeckung des Hepatitis-C-Virus hat die Welt verändert. Dafür wurde nun der Nobelpreis vergeben.

Von: Yvonne Maier

Stand: 05.10.2020 | Archiv

Ein Nobelpreis für die Entdeckung eines Virus, das passt eigentlich gut in die momentane Lage. Das Virus, um das es sich dreht, ist das Hepatitis-C-Virus, das sich über infiziertes Blut oder sexuellen Kontakt verbreitet. Ausgezeichnet wurden die drei Wissenschaftler Harvey J. Alter, Michael Houghton und Charles M. Rice, deren Forschungen zur Entdeckung des Hepatitis-C-Virus ausschlaggebend waren.

Das Virus führt zur Entzündung der Leber, Hepatitis, die chronisch werden kann und unbehandelt in einer Leberzirrhose mündet. Sie kann auch innerhalb von 10 bis 30 Jahren Leberkrebs auslösen. Weltweit sind 70 Millionen Menschen chronisch an Hepatitis-C-Infektionen erkrankt, 400.000 Menschen sterben jedes Jahr daran und es lässt sich in seiner Gefährlichkeit damit mit HIV- und Tuberkulose-Infektionen vergleichen.

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Harvey J. Alter: "Best alarm clock I ever had." | Bild: Nobel Prize (via YouTube)

Harvey J. Alter: "Best alarm clock I ever had."

Unbekannter Erreger für Lebererkrankung

Die diesjährigen Nobelpreisträger konnten zeigen, wie medizinische Forschung über viele Jahre hinweg und über viele Umwege zu einem bahnbrechenden Ergebnis führen kann. Und wie diese Forschung langfristig Millionen Menschen das Leben rettet.

Schon in den 1960er Jahren wurde das Hepatitis-B-Virus entdeckt, dafür erhielt im Jahr 1976 Baruch Blumberg den Medizinnobelpreis. Schnell wurden Tests, Medikamente und eine Impfung entwickelt. Doch in der Praxis war bald klar: Die Fallzahlen gingen zwar zurück, doch immer noch entwickelte eine große Anzahl der Menschen, die Bluttransfusionen bekamen, Hepatitis. Es musste einen Erreger geben, den die Medizinerinnen und Mediziner übersehen hatten, oder wie ein Mitglied des Nobelpreiskomitees heute sagte: "Eine Bluttransfusion war wie Russisch Roulette."

Einer der Nobelpreisträger des Jahres 2020, Harvey J. Alter, arbeitete zu diesem Zeitpunkt beim US-amerikanischen National Institute of Health (NIH). Alter und seine Kollegen konnten in Versuchen zeigen, dass das Blut der an Hepatitis-Erkrankten auch Schimpansen infizieren konnte – es war also ansteckend. Die geheimnisvolle Krankheit bekam dann den Namen: "non-A, non-B" Hepatitis. Und es lag nahe anzunehmen, dass es sich um ein Virus handeln könnte.

Hepatitis-C-Virus identifiziert

Es ging nun darum, den Erreger zu bestimmen. Hier kommt der zweite Forscher ins Spiel, Michael Houghton, ein Mitarbeiter der Pharmafirma Chiron. Mit allen bis dahin bekannten Nachweismethoden konnte das neue Virus nicht ausfindig gemacht werden. Houghton und sein Team machten sich auf eine aufwändige Spurensuche, der Durchbruch kam 1989.

Zunächst untersuchten sie DNA-Teile aus dem Blut eines der infizierten Schimpansen. Die meisten DNA-Teile stammten vom Erbgut des Schimpansen, aber die Forscher schlossen, dass der übrige Teil vom Virus stammen müsste.

Die nächste Annahme: Im Blut von menschlichen Patienten mit Hepatitis müssten sich doch Antikörper finden lassen. Diese sind Bestandteile des Immunsystems, die an die Viren andocken, um sie so zu bekämpfen. So könnte man, wenn die Theorie stimmte, die gesuchten Virenbestandteile "markieren". Eine bis dahin völlig ungetestete Nachweismethode.

Der Mut der Forscher lohnte sich: Sie fanden einen einzigen Klon des Virus und konnten so eine Erbgutanalyse durchführen. Es gehörte zur Gruppe der "Flaviviren", die, ebenso wie etwa das Gelbfieber- und das Zika-Virus, zu den RNA-Virus gehören. Auch das SARS-Cov-2-Virus ist im Übrigen ein RNA-Virus. Houghton und sein Team gaben dem neuen Erreger den Namen: Hepatitis-C-Virus. Später konnten sie auch einen Bluttest gegen das Virus entwickeln und so Blutkonserven weltweit sicher machen.

Neues Virus ist auch der gesuchte Erreger

Doch nur ein neues Virus zu finden, reichte nicht. Es musste auch überzeugend geklärt sein, dass es die Krankheit tatsächlich auslöst. Der dritte Schritt in der Entdeckung des Hepatitis-C-Virus kam von Charles M. Rice, einem Wissenschaftler der Washington University in St. Louis. Er und sein Team entdeckten, dass nicht alle Hepatitis-C-Viren, die sie in Blutproben fanden, sich vermehren konnten.

Mittels Gentechnik veränderten sie diese inaktiven Viren in aktive – und infizierten damit Schimpansen. Die entwickelten eine Hepatitis. Damit war bewiesen: Das Hepatitis-C-Virus ist der alleinige Infektionsherd für diese Art der Leberentzündung.

Bekämpfung des Hepatitis-C-Virus

Die Entdeckung des Hepatitis-C-Virus war die Grundlage dafür, dass wir heute Patienten und Bluttransfusionen auf das Virus testen können und dass wirksame Medikamente entwickelt werden konnten. Erstmals in der Geschichte der Menschheit kann eine Infektion mit Hepatitis-C-Viren geheilt werden.

Eine Hepatitis-C-Erkrankung verläuft anfangs meist unauffällig und ohne Beschwerden. Gut 25 Prozent der Erkrankungen heilen von selbst wieder aus, der Rest allerdings kann chronisch werden. Die Beschwerden, die die Patienten im Laufe der Zeit bekommen, sind grippeähnlich. Die Erkrankten leiden an chronischer Mattigkeit, Bauchbeschwerden, Gelenk- und Nierenentzündungen.

Diese Symptome werden allerdings anfangs oftmals nicht mit Hepatitis-C in Zusammenhang gebracht. So kann die Erkrankung unbemerkt voranschreiten und zu einer Leberzirrhose oder einem Leberkarzinom führen.

Der Nobelpreis für Medizin oder Physiologie

111 Mal wurde der Nobelpreis für Medizin oder Physiologie zwischen 1901 und 2020 bislang vergeben. Zwölf Frauen waren dabei bisher unter den Preisträgerinnen und Preisträgern.

Der jüngste Nobelpreisträger für Medizin war Frederick G. Banting, der den Nobelpreis für Medizin 1923 für die Entdeckung des Insulins erhielt. Peyton Rous war hingegen 87 Jahre alt, als er 1966 den Medizinnobelpreis für die Entdeckung tumorauslösender Viren erhielt.

Deutsche Preisträger

Mit dem ersten Nobelpreis für Medizin wurde 1901 ein Deutscher ausgezeichnet: Emil von Behring. Er bekam ihn für seine Erfolge in der Serumtherapie, die im Kampf gegen die Diphtherie entscheidende Fortschritte brachte. Und die erste deutsche Frau, die einen Nobelpreis erhielt, bekam ihn ebenfalls im Fach Medizin: Christiane Nüsslein-Volhard wurde im Jahre 1995 zusammen mit zwei US-amerikanischen Kollegen für ihre Forschungen zur genetischen Steuerung der Embryonalentwicklung ausgezeichnet. 

Der bislang letzte Deutsche, der im Bereich Medizin geehrt wurde, ist Thomas Südhof im Jahr 2013: Der in Deutschland geborene und aufgewachsene Mediziner, der auch die amerikanische Staatsbürgerschaft hat, hat mit zwei US-Kollegen das Rätsel gelöst, wie Zellen ihr Transportsystem organisieren.

Chronik: Medizin-Preisträger der vergangenen Jahre

  • 2019:Peter Ratcliffe (Großbritannien), William Kaelin und Gregg Semenza (beide USA) für die Entdeckung, wie Zellen den Sauerstoffgehalt der Umgebung wahrnehmen
  • 2018: James P. Allison (USA) und Tasuku Honjo (Japan) für ihre Forschung an Proteinen im Kampf gegen Krebs
  • 2017: Jeffrey C. Hall, Michael Rosbash und Michael W. Young (alle USA) für die Erforschung der Inneren Uhr
  • 2016: Yoshinori Ohsumi (Japan) für seine Forschung über die sogenannte Autophagie, die "Selbstverdauung" der Zellen
  • 2015: William Campell (Irland), Satoshi Ōmura (Japan), Tu Youyou (China) für die Bekämpfung von krankheitsübertragenden Parasiten
  • 2014: John O'Keefe (USA) und das Ehepaar May-Britt und Edvard Moser (Norwegen) für ihre Forschungen darüber, wie das menschliche Gehirn Ortsinformationen speichert und verarbeitet
  • 2013: James Rothman (USA), Randy Schekman (USA) und Thomas Südhof (Deutschland u. USA) für ihre Entdeckungen zu Transportprozessen in Zellen.
  • 2012: Der Japaner Shinya Yamanaka und der Brite John Gurdon für ihre Entdeckung, wie sich reife, spezialisierte Körperzellen in unreife, pluripotente Zellen umprogrammieren lassen.
  • 2011: Der US-Forscher Bruce A. Beutler, der Franzose Jules A. Hoffmann und der Kanadier Ralph M. Steinman haben mit ihren Forschungen Schlüsselprinzipien der körpereigenen Immunabwehr aufgeklärt.
  • 2010: Der Brite Robert Edwards brachte die erste künstliche Befruchtung einer menschlichen Eizelle im Reagenzglas zustande - und schuf damit das erste "Retortenbaby".
  • 2009: Die US-Amerikaner Elizabeth H. Blackburn, Carol W. Greider und Jack W. Szostak haben herausgefunden, was Zellen altern lässt und dabei das "Jungbrunnen"-Enzym entdeckt.
  • 2008: Der Heidelberger Tumorforscher Harald zur Hausen für die Entdeckung der Papilloma-Viren, die Gebärmutterhalskrebs auslösen, sowie die Franzosen Françoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier für die Entdeckung des Aidserregers HIV.
  • 2007: Die US-Forscher Mario R. Capecchi und Oliver Smithies sowie der Brite Martin J. Evans für ihre Technik, bei Versuchsmäusen gezielt Gene auszuschalten
  • 2006: Die US-Forscher Andrew Z. Fire und Craig C. Mello für eine Technik, mit der sich Gene gezielt stumm schalten lassen.
  • 2005: Barry J. Marshall und J. Robin Warren (beide Australien) für die Entdeckung des Magenkeims Heliobacter pylori und dessen Rolle bei der Entstehung von Magengeschwüren.
  • 2004: Richard Axel und Linda Buck (beide USA) für die detailgenaue Enträtselung des Geruchssinns.
  • 2003: Paul C. Lauterbur (USA) und Sir Peter Mansfield (GB) für ihre Beiträge zur Anwendung der Kernspintomographie in der Medizin.
  • 2002: Sydney Brenner (GB), H. Robert Horovitz (USA) und John E. Sulston (GB) für die Erforschung des programmierten Zelltods als Grundlage zum Verständnis von Krebs, Aids und anderen Krankheiten.
  • 2001: Leland H. Hartwell (USA), Sir Paul M. Nurse (GB) und R. Timothy Hunt (GB) für Erkenntnisse über die Zellteilung, die neue Wege in der Krebstherapie ermöglichen.

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