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Hirnforschung Wie entsteht Kreativität?

Früher hielt man Kreativität für göttliche Eingebung. Heute steht fest: Kreativität entsteht eindeutig in unserem Gehirn. Doch was passiert in unserem Kopf, wenn wir die Lösung für eine knifflige Aufgabe suchen?

Von: Jeanne Rubner/Constanze Alvarez

Stand: 28.12.2020 15:05 Uhr

Die gute Nachricht gleich vorweg: Klar - nicht jeder Mensch ist ein neuer Einstein, Picasso oder eine Anna Netrebko. Aber jeder Mensch kann kreativ sein, das ist in unserem Hirn so angelegt, erklärt die Psychologin und Kreativitätsforscherin Dr. Caroline di Bernhardi Luft von der Queen Mary University in London:

"Es gibt diesen Mythos, dass Menschen entweder kreativ sind oder nicht. Viele denken, sie seien nicht kreativ, wenn sie nicht künstlerisch begabt sind oder Musik komponieren können. Dabei sind wir alle auf die eine oder andere Weise kreativ."

Dr. Caroline di Bernhardi Luft, Queen Mary University London

Kreativität - was ist das?

Über die Definition von Kreativität wird zwar viel diskutiert, doch Gehirnforscher und Psychologen sind sich einig: Alles was neuartig ist, originell und auch noch einen Zweck erfüllt, ist kreativ, sagt Prof. Martin Korte, Technische Universität Braunschweig

"Man kann das gut beschreiben an einem Chefkoch, der in einem Privathaushalt in einen Kühlschrank guckt und aus den Sachen, die er dort findet, ein Menü zaubert, wie das der Besitzer dieses Kühlschrankes sich wahrscheinlich nie hätte erträumen lassen."

Prof. Martin Korte, Gehirnforscher an der Technischen Universität Braunschweig

Denken in alle Richtungen – damit beginnt der kreative Prozess

Ganz gleich, ob wir unterwegs einen kaputten Reißverschluss reparieren müssen, einen Text verfassen oder ein wissenschaftliches Experiment durchführen wollen – am Anfang unserer Suche steht meistens ein brainstorming. Unser Hirn denkt in alle mögliche Richtungen, generiert eine Fülle von Ideen, die helfen könnten, das Problem zu lösen. Hirnforscher bezeichnen diesen Prozess als divergentes Denken. In einem zweiten Schritt wägen wir ab, sieben aus und entscheiden uns für die beste oder die vielversprechendste Idee. Aus dem Wechselspiel aus divergenten und konvergenten Denken entsteht Kreativität, so Prof. Martin Korte.

So muss ein Schriftsteller beispielsweise ständig Entscheidungen treffen: In welchem Ton soll die Geschichte geschrieben werden? Was sollen die Figuren erleben? Und wie geht das Ganze aus? Nicht zuletzt deswegen kann Schreiben eine kräftezehrende Angelegenheit sein.

Forscher können Aktivität des Gehirns bei kreativen Prozessen messen

Kreativität hat mit Intelligenz zu tun, aber anders als Intelligenz lässt sich Kreativität nicht durch ein Test messen. Trotzdem haben Gehirnforscher untersucht, was sich in unserem Gehirn abspielt, wenn wir versuchen, ungewöhnliche Lösungen für knifflige Aufgaben zu suchen. Kernspintomographien liefern Bilder derjenigen Hirnregionen, die beim kreativen Prozess besonders aktiv sind. Eine andere Technik ist das Elektroenzephalogramm, kurz EEG. Es misst Gehirnströme an der Oberfläche des Schädels. Damit kann man ziemlich genau feststellen, wann das Gehirn aktiv war. Erstaunlicherweise sind bestimmte Netzwerke im Hirn besonders aktiv, wenn wir nichts machen, erklärt Dr. Caroline di Bernhardi Luft.

"Dieses Netzwerk von Gehirnregionen - sie liegen vor allem im medialen vorderen Stirnhirn, auch im hinteren Cortex - sind wirklich, wirklich aktiv, wenn wir nur dasitzen und unsere Gedanken schweifen lassen."

Dr. Caroline di Bernhardi Luft, Queen Mary University in London

In diesen Momenten der Muße, wenn wir vor uns hin träumen und unser Hirn nicht darauf fokussiert ist, auf Hochdruck etwas zu lösen, kommen uns oft die besten Ideen, ereilt uns der Heureka-Moment, der Augenblick, in dem die einzelnen Teile sich plötzlich zu einem Ganzen fügen und alles seinen Sinn ergibt. Denn unbewusst geht das divergente Denken weiter, das fleißige Hirn denkt in alle Richtungen weiter.

Der Heureka-Moment ist ein Glücksmoment

Sind wir dann noch in der Lage, diese Idee aufzugreifen und umzusetzen und die Aufgabe auch wirklich zu lösen, freuen wir uns. Wissenschaftlich gesehen ist auch dieses Glücksgefühl belegt. Im Augenblick, da uns ein Licht aufgeht, setzten bestimmte Bereiche des Hirns den Botenstoff Dopamin frei, so Dr. Caroline di Bernhardi Luft:

"Das sind Regionen, die mit dem Belohnungsnetzwerk im Gehirn zusammenhängen. Sie sind aktiv, wenn wir etwas tun, das wir mögen oder das für uns eine Belohnung ist. Und diese Bereiche sind auch aktiv, wenn wir Probleme lösen. Das ist vermutlich der Grund, warum wir Puzzles so mögen."

Dr. Caroline di Bernhardi Luft, Queen Mary University in London


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