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FrauenGeschichte - Frauen schreiben Geschichte Nellie Bly begründet den investigativen Journalismus

Als Undercover-Journalistin war sie Prostituierte, Elefantendompteurin und Demenz-Patientin. Mit ihren verdeckten Recherchen etablierte Nellie Bly eine neue Form des Journalismus in den USA: den Investigativjournalismus.

Stand: 25.11.2020

Nellie Bly, Weltreisende und Pionierin des Investigativjournalismus. Weitere Porträts gibt's bei FrauenGeschichte - online und im Instagram-Kanal. | Bild: picture-alliance/dpa/Costa/Leemage

Ein Leserbrief lenkte das Leben von Elizabeth Jane Cochran, 1864 in Pennsylvania geboren, in eine ganz neue Richtung. Wütend kommentierte sie 1884 einen im "Pittsburgh Dispatch" erschienen Artikel über die "natürliche Rolle der Frau". Ihre temperamentvolle Reaktion hinterließ Eindruck: Kurz darauf erhielt sie beim selben Blatt eine Festanstellung. Als Nellie Bly schrieb sie nun kritische Reportagen, wie zum Beispiel eine Serie über den Alltag der Fabrikarbeiterinnen der Stahlindustrie. Als das zu Protest von Seiten der Unternehmer führte, sollte sie sich um harmlosere Ressorts wie Mode, Garten und Gesellschaft kümmern. Eben das, "was Frauen in Tageszeitungen so tun", wie sie abfällig bemerkte.

Nellie Bly schreibt Reportagen aus Mexiko - und wird bedroht

Nellie Bly kündigte ihre feste Stelle und reiste nach Mexiko. Von dort schickte sie dem "Pittsburgh Dispatch" Reportagen, bis die mexikanische Regierung sie bedrohte. Sie musste das Land verlassen und landete schließlich in New York, bei Joseph Pulitzers "New York World", der damals größten Tageszeitung der USA.

Ihr Motto: "Dinge tun, die noch keine Frau getan hatte"

Dort wurde sie schnell berühmt. Ihr erster Coup: Sie ließ sich für zehn Tage in die Frauenpsychiatrie "Blackwell‘s Island" einweisen. Ihr Artikel über die katastrophalen Zustände dort führte zu einer gerichtlichen Untersuchung und letztlich zur Schließung der Anstalt. Es folgten Geschichten über korrupte Politiker oder die Zustände auf dem Straßenstrich im Central Park. Nellie Bly lebte mit einer unglaublichen Gier danach, "Dinge zu tun, die noch keine Frau getan hatte".

Nellie Bly will in weniger als 80 Tagen um die Welt reisen

"Das schafft nur ein Mann", soll der Verleger Joseph Pulitzer zu ihr gesagt haben, als sie ihm vorschlug, in weniger als den berühmten "80 Tagen um die Welt" zu reisen. Sein Einwand: Eine Frau brauche einen Beschützer und zu viel Gepäck. "Sehr gut", antwortete Nellie Bly, "bringen Sie nur einen Mann an den Start. Am selben Tag noch gehe ich zu einer anderen Zeitung und werde ihn schlagen."

Mit leichtem Gepäck braucht Nellie Bly 72 Tage um die Welt

Das Buchcover zeigt Nellie Bly (links) und ihre Konkurrentin Elizabeth Bisland.

Pulitzer lenkte ein - und tat gut daran: Aus Nellie Blys Reise machte er ein riesiges Medienevent. Eine Million Menschen wetteten mit, wie schnell sie sein würde. Mit winziger Reisetasche, einem einzigen Reisekleid (das übrigens zum Mode-Hit wurde) und ohne Beschützer machte sie sich auf den Weg.

Nach 72 Tagen kam sie, von Tausenden umjubelt, nach New York zurück. Und nicht ein Konkurrent, sondern eine Konkurrentin musste sich geschlagen geben: Elizabeth Bisland, die von der Cosmopolitan ins Rennen geschickt wurde, brauchte vier Tage länger.

"I said I could, and I would. And I did!"

Nellie Bly

Fakten zu Nellie Blys Weltreise

  • Nellie Bly startete am 14.11.1889 in New York. Nach 72 Tagen, sechs Stunden und elf Minuten erreichte sie am 25. Januar 1890 um 15.51 Uhr das Ziel.
  • Ihr half ein kleiner Trick: Sie hat Indien nicht durchquert - wie die Romanfigur Phileas Fogg in "In 80 Tagen um die Welt" von Jules Verne - sondern umschifft.
  • Die Route: New York, London, Calais, Brindisi, Port Said, Ismailia und Suez in Ägypten, Aden (heute Jemen), Colombo (heute Sri Lanka), Penang (Malaiische Halbinsel), Singapur, Hongkong, Yokohama, San Francisco und dann wieder zurück nach New York.
  • Wie die Vorbildfigur aus dem Roman, Phileas Fogg, hatte Nellie Bly Konkurrenz: Die New Yorker Cosmopolitan schickte Elizabeth Bisland am selben Tag los, bloß in die andere Richtung. Einige Zeit führte die Konkurrentin das Rennen, letztlich kam sie aber vier Tage nach Nellie Bly an.
  • Ihr Reisebericht "Around The World In Seventy-Two Days" macht klar: Ums Entdecken der durchquerten Länder ging es Nellie Bly bei ihrer Reise nicht. Es ging ihr tatsächlich nur um den Rekord. Auf das Fremde ließ sie sich kaum ein und sie enthielt sich auch jeder Kritik an den Zuständen, auf die sie unterwegs traf.
  • Ihr Rekord wurde einige Monate später vom Unternehmer George Francis Train schon wieder gebrochen.

Nellie Bly wird Idol vieler Frauen und krempelt die Zeitungsbranche um

Die standhafte, selbstbewusste und wagemutige Nellie Bly wurde besonders für berufstätige Frauen ihrer Zeit zum Idol. Unter Journalistinnen fand ihre Arbeitsweise bald Nachahmerinnen. "Girl stunt reporters" und "Newspaper Women" krempelten um die Jahrhundertwende die amerikanische Zeitungsbranche um und brachten der Zeitungswelt - neben satten Umsätzen mittels Skandaljournalismus - auch neue, weibliche Sichtweisen und Leserkreise ein.

Von der Unternehmerin zur Kriegsberichterstatterin im Ersten Weltkrieg

Nellie Bly selbst hatte den Journalismus zwischenzeitlich verlassen: 1895 lernte sie mit 31 Jahren den 73 Jahre alten Stahlmillionär Robert Seaman kennen und heiratete ihn nur ein paar Wochen später. Bald trat sie an die Spitze des Unternehmens, das sie nach seinem Tod alleine führte. Für einige Jahre florierten die Geschäfte, doch Nellie Bly wurde von einem Vertrauten betrogen. Als das Unternehmen bankrott ging, wandte sie sich wieder dem Schreiben zu. Und noch einmal tat sie etwas, was kaum eine Frau vor ihr getan hatte: Sie berichtete im Ersten Weltkrieg von der Ostfront.

"FrauenGeschichte" auf Instagram

Viel zu oft standen Frauen, die Großes geleistet haben, im Schatten der Männer. Der BR-Instagram-Kanal "FrauenGeschichte" zeigt die weibliche Perspektive auf die Vergangenheit.


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