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Frauen schreiben Geschichte Maria Reiche rettet die Nazca-Linien in Peru

Die Wüste von Peru birgt eine archäologische Sensation: Riesige, rund 2.000 Jahre alte, in den Boden gescharrte Figuren. Ohne die Mathematikerin Maria Reiche wäre von den Nazca-Linien heute nichts mehr übrig.

Stand: 13.11.2020

Maria Reiche, die Retterin der Nazca-Linien in Peru | Bild: Ana Maria Cogorno / Maria Reiche Archive of the Association / Bearbeitung BR

Ein Kolibri, ein Kondor, eine Spinne, ein Affe, ein Mensch und sogar ein Wal: Ausdauernde Künstler haben vor rund 2.000 Jahren hunderte Figuren und Symbole in den Boden der peruanischen Pampa, in den kargen Landstrich zwischen Palpa und Nazca, gescharrt. Einige davon sind kilometerlang. Als Nazca-Linien (oft auch: Nasca-Linien) kennt man die geheimnisvollen Zeichnungen heute auf der ganzen Welt. Dank der deutschen Mathematikerin Maria Reiche.

Maria Reiche flieht von Deutschland nach Peru

Die studierte Mathematikerin Maria Reiche sieht Ende der 1920er-Jahre in Deutschland keine Zukunft für sich: Die Weltwirtschaftskrise kündigt sich an, die Nationalsozialisten feiern erste Erfolge.

"Ich wollte weg. Irgendwohin. Das war aus mit den Nazis für mich. Europa war wie unter einer dunklen Wolke. Ich empfinde solche Sachen sehr: Wenn irgendwo ein großes Unglück passiert, dann bin ich den ganzen Tag melancholisch, ich weiß nicht warum. Deswegen hab ich die Anzeigen in den Zeitungen gelesen, wo man jemanden suchte. Und da suchte man jemanden für Peru."

Maria Reiche (Quelle: radioDoku - Wie Abenteurerinnen den Konventionen trotzten: Maria Reiche, Retterin der Nazca-Linien)

Paul Kosok bringt Maria Reiche zu den Nazca-Linien

Die Frau aus Dresden wandert 1932 nach Südamerika aus. Jahrelang hält sie sich in Lima mit Gelegenheitsjobs über Wasser. 1941 trifft sie Paul Kosok. Der Geschichtsprofessor aus den USA erzählt ihr von seltsamen riesigen in den Wüstenboden geritzten Zeichen. Bei den Nazca-Linien kommt alles zusammen, was Maria Reiche interessiert: Mathematik, Astronomie und Archäologie. Sie verschreibt sich der Erforschung der geheimnisvollen Zeichen - ohne Geld oder viel Unterstützung. Bei 40 Grad im Schatten kämpft sie sich durch die Wüste, trampt und geht zu Fuß, übernachtet dann vor Ort in einem Zelt oder einem Lehmhaus ohne Strom und Wasser.

"Für viele ist es zu öde und verlassen, für mich ist es mein Land, und ich fühle mich eins mit dem weiten Himmel, dem dunklen steinigen Boden und der weiten Ebene, auf der ein Mensch sich verliert wie ein kleiner unsichtbarer Punkt in der Ferne. Ich spüre bei der Arbeit nicht Hunger und Durst und älter werden."

Maria Reiche (Quelle: www.maria-reiche.de)

Maria Reiche kämpft mit menschlichen und tierischen Widersachern

Über vierzig Jahre lang kartiert und untersucht sie die "Scharrbilder", die Reliefs in der obersten Gesteinsschicht des Wüstenbodens. Ihr Traum: "In der Pampa lesen wie in einem riesigen Geschichtsbuch." Dabei hat sie gleich mehrere Gegenspieler. In der Wissenschaft: verbohrte männliche Kollegen. Vor Ort: Mäuse. "Dass sie mein Brot fraßen, hätte ich verziehen, dass sie meine Zeichnungen fraßen, konnte ich ihnen nicht verzeihen." In einer Nacht tötet sie ganze 18 der gierigen Nager.

Warum wurden die Nazca-Linien in den Boden geritzt?

Besonders dank Maria Reiche weiß man heute einiges über die sogenannten "Geoglyphen", doch vieles bleibt umstritten und die Spekulationen reißen nicht ab. Vor circa 2.000 Jahren hat wohl das Volk der Nazca die nach ihnen benannten Linien erschaffen, aber wozu? Zunächst dachte man an Wasserleitungen oder Sternenbilder, das ist passé. Doch war es ein Fruchtbarkeitsritus, ein Gebet um Regen oder stimmt die Theorie von Maria Reiche, dass es sich um einen astronomischen Kalender handelt?

Maria Reiche muss in die Luft und hoch über die Nazca-Linien

Berühmte Nazca-Linien: ein Affe in der Wüste bei Nazca in Peru.

Wer vor den Linien am Boden steht, erkennt jedenfalls wenig bis nichts. Daher will Maria Reiche sie in den Fünfzigerjahren aus der Luft fotografieren und scheut keinen Aufwand und keine Gefahr. Sie treibt eine gute, aber riesige Kamera auf und lässt sich 1955 selbst sowie den zehn Kilogramm schweren "Elefant von Kamera", wie sie dazu sagt, unten an die Kufen eines Hubschraubers binden. Start und Landung möchte man sich nicht vorstellen. Maria Reiche hat Mühe, das Gerät geradezuhalten. Dass die Bevölkerung sie spätestens jetzt für verrückt hält, ist verständlich.

"Die Spinne hab ich im Jahre 1946 gefunden. Das war die erste Figur nach der Entdeckung von Paul Kosok. Ich war sehr erstaunt, man kann ja nicht sehen, was da ist. Man sieht die Kurve des Hinterleibs, aber ich dachte, es wäre vielleicht ein Mensch. Und dann kam die Spinne heraus! Als ich sie erst fand, war sie wunderschön: hell auf einem gleichmäßig dunklen Untergrund."

(Quelle: radioDoku - Wie Abenteurerinnen den Konventionen trotzten: Maria Reiche, Retterin der Nazca-Linien)

Die Tierbilder von Nazca: Spinne, Blume, Libelle, Wal und Affe

Die Spinne war erst der Anfang. Maria Reiche entdeckt unter anderem auch einen Vogel, eine Blume, eine Libelle, einen Wal und einen Affen. Vom Wüstenboden aus jedoch kann niemand erkennen, was die Linien darstellen sollen. Selbst die Nazca haben ihre Linien wahrscheinlich nie ganz sehen können. Erst Dank Maria Reiches wagemutigen Hubschrauberflügen und ihren Nachzeichnungen kann man die beeindruckenden Riesenzeichnungen im Ganzen und auch jenseits der Wüste bestaunen. Das ist wichtig für Reiches härtesten Kampf: den um den Erhalt der Nazca-Linien.

Fünf Fakten über die Nazca-Linien

  • Mehr als 1.500 Geoglyphen sind in Nazca bisher bekannt. Die Linien und geometrischen Figuren erstrecken sich im Süden Perus über 500 Quadratkilometer. Die Figuren sind bis zu 1,9 Kilometer, die Linien bis zu 10 Kilometer groß.
  • Sie wurden im Zeitraum von etwa 800 v. Chr. bis 650 n. Chr. angelegt und gehen wohl auf das Paracas- und das Nazca-Volk zurück, untergegangene indigene Kulturen Perus.
  • Bis heute tauchen immer wieder neue Zeichnungen auf. Erst im Oktober 2020 wurde auf einem Hang eine Katzenzeichnung entdeckt.
  • Eine neuere Hypothese zur Bedeutung der Linien geht davon, dass die Figuren die Bitte um Regen verdeutlichen. Argument: Sie zeigen viele Tiere, die in der Wüste gar nicht überleben würden, sondern Urwald und Wasser brauchen.
  • Die Nazca-Linien sind eine wichtige Attraktion für den Tourismus in Peru. Der Flughafen in Nazca wurde nach Maria Reiche benannt. Ihre frühere Lehmhütte beherbergt heute ein Museum.

Nazca-Linien sind Weltkulturerbe - und trotzdem nicht sicher

In den 1950er-Jahren soll für ein Bewässerungsprojekt das Areal überflutet werden - Maria Reiche verhindert das. Auch der Bau der Panamericana, also der interamerikanischen Autobahn, hätte fast zur Zerstörung der Linien geführt, die sie teils durchkreuzt. Und selbst der Regen, unachtsame Umweltaktivisten, eine Wüstenrallye oder die besonders absurde Theorie, die Linien seien Hinweis auf eine Ufo-Landestelle, wurden und werden dem Denkmal bis heute gefährlich. Da gibt auch der 1994 erreichte Status als Weltkulturerbe keine volle Sicherheit.

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Maria Reiche forscht blind an den Nazca-Linien

Mit mehr als 90 Jahren ist Maria Reiche blind, leidet an Parkinson und Hautkrebs. Mit ihrer Arbeit will sie trotzdem nicht aufhören: Am Ende lässt sie sich huckepack oder im Rollstuhl zu den Nazca-Linien bringen. 1998 stirbt Maria Reiche in Peru. Begraben wird sie neben ihrer Lehmhütte in der Pampa, direkt bei den Nazca-Linien.

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Maria Reiches Geburtstag ist in Peru Nationalfeiertag

In Deutschland ist Maria Reiche kaum bekannt, in Peru dagegen kennt jedes Kind ihren Namen. Maria Reiche wird dort regelrecht verehrt: Noch zu Lebzeiten erhält sie den Sonnenorden, die höchste Auszeichnung der Republik Peru. Ihr Geburtstag ist dort Nationalfeiertag. Und als besondere Würdigung ihres waghalsigen Kamera-Flug-Abenteuers trägt der Flughafen in Nazca ihren Namen.

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Mehr über Maria Reiche und die Rettung der Nazca-Linien in Peru erfahren Sie direkt hier im Podcast:
Maria Reiche, Retterin der Nazca-Linien


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