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Neophyten Gefahr für heimische Pflanzenarten

Vor Jahren wurde der Riesenbärenklau als Futterpflanze nach Bayern geholt. Jetzt wird man ihn nicht mehr los. Wie das Indische Springkraut und andere Neophyten breitet sich die Pflanze unkontrolliert aus und droht heimische Arten zu verdrängen.

Stand: 19.04.2022

Immer wieder siedeln sich Pflanzen und Tiere aus fremden Lebensräumen dauerhaft in Deutschland an. Man nennt die eingewanderten Pflanzen Neophyten, die Tiere Neozoen. Fachleute gehen davon aus, dass in Deutschland in den vergangenen 500 Jahren rund 800 gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten von Menschen eingeschleppt und aktiv ausgesetzt wurden, so die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), Beate Jessel. Viele davon bedrohen heimische Arten.

Diese Pflanzen- und Tierarten kamen seit der europäischen Entdeckung der "Neuen Welt" 1492 auf verschiedenen Wegen nach Europa. Das Jahr 1492 wurde aufgrund des sich ab dieser Zeit extrem verstärkenden transkontinentalen Handels als Stichjahr festgelegt. Manche der Pflanzen wurden als Nutzpflanzen eingeführt, wie Mais und Kartoffel, andere als Forst- oder Zierpflanzen für Botanische Gärten. Fremdartige Pflanzen gelangen aber auch immer wieder durch sorglos weggeworfene Gartenabfälle oder durch Mähgut in die Natur.

Aus Asien eingewanderte Pflanzenart

Kaum zu bremsen ist etwa der Japanische Staudenknöterich, der eine enorme Wuchsleistung von bis zu 25 Zentimeter pro Tag hat. Macht er sich breit, fehlt es anderen Pflanzen schnell an Platz und Licht. Ein einziges angeschwemmtes Wurzelstück reicht aus – schon bald sind ganze Uferstreifen und Felder zugewachsen. Einfaches Abmähen hilft da nicht mehr: Bis zu zwei Meter tief stecken die Wurzelballen in der Erde. Schon ein Pflanzenteil von nur sieben Gramm reicht aus, um neue Triebe zu bilden. Andere Gewächse haben keine Chance. Und so muss man mit Baggern anrücken, um der Plage Herr zu werden. Gerade an Wasserläufen breitet sich das japanische Kraut fast explosionsartig aus.

Neophyt mit giftigem Gelb

Eingewanderte Pflanzenart: das Fuchs-Greiskraut

Neophyten können sogar uns Menschen gefährlich werden. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Schmalblättrige Greiskraut in ganz Deutschland ausgebreitet. Oft steht die Pflanze an Wegesrändern. Vorbeifahrende Autos oder Züge transportieren ihre Samen über riesige Strecken. Die gelbe Blume ist hübsch, aber hochgiftig. Ihre schmalen Blätter ähneln denen der Rucolapflanze. Siedelt sie sich auf Weiden oder Feldern an, kann das Gift ins Brot oder in die Milch und damit in unsere Nahrungskette gelangen. Da sich das Schmalblättrige Greiskraut besonders auch an mageren Standorten ausbreitet und dabei Nährstoffe im Boden anreichert, können dort auch neuartige Ökosysteme entstehen.

Neophyt und fester Bestandteil im Allergiker-Kalender

Auch ein Neophyt: die beifußblättrige Ambrosie

Einen Einwanderer aus Amerika haben vor allem Allergiker in den vergangenen Jahren besser kennengelernt, als ihnen lieb ist: die Ambrosia artemisiifolia, die sich mittlerweile immer mehr in deutschen Hausgärten wohlfühlt. Diese spät blühende Beifuß-Ambrosie verschleudert bis in den November hinein Milliarden ihrer Pollen – und die können dank ihrer Form bis in die inneren Atemwege vordringen. Sie lösen dann bei Allergikern schwere Reaktionen von Tränenfluss und Juckreiz bis hin zu Asthma aus. Allergologen sehen durch die Ambrosia große Kosten auf das Gesundheitssystem zukommen, und fordern deshalb die Bekämpfung der Pflanze.

Vorsicht vor Invasiven Pflanzen mit Allergenen!

Eingewanderte Pflanzenart und Allergieauslöser: die Japanische Zeder (auch Sicheltanne genannt)

Immer wieder wird gewarnt vor dem Kauf eingeschleppter allergener Pflanzen: Die Japanische Zeder zum Beispiel, die es in vielen üblichen Gartenmärkten zu kaufen gibt, ist in ihrem Heimatland Japan eine Hauptquelle für Allergien. Der immergrüne Baum wird auch Sicheltanne oder Sugi genannt und in Mitteleuropa etwa 15 Meter hoch.

Oder der Olivenbaum: Er ist ein Trendbaum der letzten Jahre in Deutschland, aber auch ein Hauptallergen in Südeuropa. Olivenpollen können zu Heuschnupfen, allergischem Schnupfen (Rhinitis) oder Asthma führen. Wissenschaftler appellieren, es sei dringend mehr Forschung nötig, um solche Trends erkennen und bei Allergikern auch testen zu können.

Einst eingewandert - nun nicht mehr zu stoppen

Der Riesenbärenklau, der in den 60er-Jahren aus dem Kaukasus importiert wurde, hat es ebenfalls in sich: Er keimt schneller und effektiver als die meisten heimischen Pflanzen. Außerdem sondert er ein Gift ab, das andere Pflanzen schädigt. Biologische Kriegsführung unter Pflanzen – doch auch der Mensch ist bedroht: Denn der Riesenbärenklau sondert eine Substanz ab, die den natürlichen Sonnenschutz der Haut auflöst. Schon bei normalem Sonnenlicht entstehen so schwerste Verbrennungen. Die Berührung mit der gefährlichen Pflanze kann aber auch Fieber, Schweißausbrüche und Kreislaufschocks auslösen. Deshalb ist eine Meldung an die zuständige Kommune ist bei Sichtungen im öffentlichen Raum zu empfehlen, aber nicht Pflicht.

Aus dem Kaukasus eingewanderte Pflanzenart: der Riesenbärenklau | Bild: picture-alliance/dpa

Aus dem Kaukasus eingewanderte Pflanzenart: der Riesenbärenklau

Mittlerweile ist seine Vermehrung nicht mehr zu stoppen. In einigen Gebieten des Bayerischen Waldes entwickeln sich Riesenbärenklau und Indisches Springkraut so stark, dass einheimische Arten völlig zurückgedrängt werden. Mögliche Folgen sind Biotopzerstörung und Bodenerosion.

Vor allem schon geschädigte Lebensräume bieten Raum für die Verbreitung neuer Arten. Die wiederum zeichnen sich meist durch eine hohe Fähigkeit zur Anpassung aus. Sie sind nicht auf eng definierte Lebensbedingungen angewiesen, verbreiten sich rasch und haben in den neuen Gebieten keine oder nur wenige natürliche Feinde.

Indisches Springkraut verdrängt heimische Pflanzen

Aus dem Himalaja eingewanderte Pflanzenart: das indische Springkraut

Das Indische Springkraut, das ursprünglich aus dem Himalaja stammt, verbreitet sich besonders gut am Wasser und verdrängt dort massiv andere Pflanzen. Eine einzelne Pflanze des Springkrauts produziert allein 4.000 Samen, die sie bei geringster Berührung bis zu sieben Meter weit verschleudert. In einem Springkrautfeld fallen so auf jeden Quadratmeter bis zu 32.000 Kapseln.

Die Schönheit der fremden Pflanzen - und die Folgen

Das Springkraut ist für heimische Pflanzen aber nicht nur aufgrund seiner schnellen Verbreitungsfähigkeit gefährlich. Auch sein hoher Nektargehalt macht anderen Pflanzen bei der Bestäubung Konkurrenz. Die farbenfrohen Blüten des Springkrauts produzieren bis zu vierzig Mal mehr Nektar als heimische Wildpflanzen. Das freut zwar Bienen und Imker - andere Pflanzenarten aber müssen um ihre Fortpflanzung fürchten: Sie werden so kaum noch angeflogen und nur selten bestäubt. Jedes Jahr schwärmen deshalb Naturschützer aus, um Neophyten mit der Motorsense zu Leibe zu rücken. Denn mit jeder Pflanzenart, die verschwindet, verlieren gleichzeitig etwa zehn Tierarten ihren angestammten Lebensraum.

Hilft gegen invasive Übermacht: geduldige Gegenwehr

Wehrt sich gegen eingewanderte Pflanzenarten: der Bergahorn

Doch lässt man den einheimischen Pflanzen Zeit und hegt sie, dann haben sie eine Chance gegen den Eindringling: Nach ein paar Jahren überragen Bäume wie der Bergahorn das Springkraut. Dem fehlt dann das Licht – und so ist es bald vorbei mit der fremden Blütenpracht.

Hilfreich für ein solches Vorgehen kann es sein, gebietsfremde Arten nach dem Ausmaß ihrer Umweltauswirkungen zu priorisieren. Hier kann eine Orientierung an dem sogenannten EICAT-Standard sinnvoll sein: EICAT ist der Standard der Weltnaturschutzunion (IUCN) für die Klassifizierung der Auswirkungen gebietsfremder Arten auf die Umwelt - ähnlich wie die besser bekannte "Rote Liste gefährdeter Arten".

Forschungsdiskussion: Stärken neue Tiere und Pflanzen die Natur?

Ressentiments durch Rhetorik von "invasiven" Arten

In verbauten Flüssen wie dem Main-Donau-Kanal bei Kelheim fühlen sich Neophyten und Neozoen besonders wohl.

Für viele Naturschützer das Horrorszenario: fremde Arten, die einheimische verdrängen. Doch die Forschungsdiskussion der letzten Jahre zeigt, dass die Meinungen diesbezüglich auseinandergehen. Denn viele Neuankömmlinge haben entweder keinen oder sogar einen positiven Einfluss auf die heimische Natur.

Immer mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist heute die Stärkung des gesamten Lebensraums und seiner Entwicklungsdynamik wichtiger als die Wiederherstellung eines früheren "Urzustands". So ist sogar die Rede davon, dass die Rhetorik um "invasive" Arten fremdenfeindliche Ressentiments schüre.

Hilft den Einheimischen: der Afrikanische Tulpenbaum

Nicht heimisch auf Puerto Rico: der Afrikanische Tulpenbaum. Auf landwirtschaftlichen Brachflächen half er bei der Rückkehr einheimischer Arten.

Ein Beispiel für eine fruchtbare Neubelebung durch nicht-einheimische Arten lässt sich auf Puerto Rico nachvollziehen. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde dort Wald massiv abgeholzt, um Platz für die Landwirtschaft zu schaffen. Heimische Arten, darunter unter anderem der Höhlen-Pfeiffrosch, verschwanden zusehends. Nach einiger Zeit aber brachen die Preise für landwirtschaftliche Produkte ein, die Bauern verließen ihr Land und zogen in die Städte.

Zurück blieben Brachflächen, die Natur eroberte sich die Insel zurück. Doch das war - zumindest am Anfang - nicht die ursprüngliche Flora und Fauna, sondern vor allem der Afrikanische Tulpenbaum. Er bildete die Grundlage für die Rückkehr des Höhlen-Pfeiffroschs, der jetzt im Tulpenbaum pfeift. Das Beispiel zeigt: Neophyten können auch als Helfer dienen - für Einheimische.

Invasive Pflanzenarten und die Rolle des Menschen

Allgemein ist es nicht ungewöhnlich, dass Arten ihren Lebensraum verändern oder ausdehnen. Das gehört zum Jahrmilliarden alten Prozess der Evolution. So kehren seit der letzten Eiszeit zahlreiche von der Kälte verdrängte Arten aus ihren mediterranen Rückzugsgebieten über die Pyrenäen, Alpen und Karpaten zurück nach Norden. Wird dieser Prozess jedoch vom Menschen beeinflusst und beschleunigt, kann es gefährlich werden.


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