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Neurowissenschaft Nahtoderfahrung - Konstruktion des Gehirns?

Ein gleißendes Licht im Dunkeln, das Gefühl, den Körper zu verlassen und die Welt von oben zu betrachten: Sieht so der Übergang ins Jenseits aus? Oder handelt es sich um eine Fehlfunktion des Gehirns?

Von: Martin Schramm

Stand: 14.07.2021 11:19 Uhr

Graphische Darstellung einer wolkenumgebenen Lichtspirale und einer Frau, die sich darauf zu bewegt. | Bild: colourbox.com

Leicht wie eine Feder in den Himmel hinauf schweben, auf die Welt herabschauen, das Leben im Zeitraffer vorbei ziehen sehen und dabei ein tiefes Glück zu empfinden, das gehört zu den klassischen Bestandteilen einer Nahtoderfahrung, erklärt Prof. Gerhard Roth, Leiter des Instituts für Hirnforschung an der Universität Bremen. Er spricht aus eigener Erfahrung: Als Student erlebte er einen schweren Autounfall, bei dem er zwischenzeitlich das Bewusstsein verlor. Auch Roth sah das berühmte gleißende Licht im Tunnel. Paradoxerweise erlebte er den Moment der Todesgefahr als äußerst positiv:

"Das war der wohl glücklichste Augenblick meines Lebens, obwohl es mir körperlich am schlechtesten ging."

Prof. Gerhard Roth, Leiter des Instituts für Hirnforschung an der Universität Bremen

Nahtoderfahrung – ein Wendepunkt im Leben?

Viele Menschen, die solche Erfahrungen machen, haben danach eine ganz andere Perspektive auf ihr Leben. Sie sind von großer Dankbarkeit erfüllt, manche behaupten sogar, die Angst vor dem Tod verloren zu haben, da sie nun wüssten, was sie im Jenseits erwartet. Aber ist das so? Sieht so das Leben nach dem Tod aus?

Nahtoderfahrung - ein Rechenfehler des Gehirns?

Wie viele seiner Kollegen vertritt Hirnforscher Prof. Gerhard Roth einen recht nüchternen Ansatz: Er erklärt die Nahtoderfahrung als eine Art "Rechenfehler" des Gehirns. Denn bestimmte Dinge würden viele Menschen auch häufig im Alltag erleben, zum Beispiel das Tunnelphänomen oder die sogenannte "Out-Of-Body-Experience", das Phänomen, sich selbst von außen zu betrachten, erklärt Roth:

"Diese Entkörperlichung tritt bekanntermaßen im Gebirge auf in großen Höhen. Bei akutem Sauerstoffmangel hat man diese häufig furchterregende Doppelgänger-Illusion, man sieht sich vor sich hergehen. Das berichten eine ganze Reihe von Bergsteigern. Oder dieses Sich-Ankucken aus einer Höhe von zwei bis drei Metern. All das sind Phänomene, die sattsam bekannt sind und die man mit Fehlfunktionen bestimmter Teile des Gehirns erklären kann."

Prof. Gerhard Roth, Leiter des Instituts für Hirnforschung an der Universität Bremen

Außerkörperliche Erfahrungen lassen sich erzeugen

Diese "Fehlfunktionen" im Gehirn lassen sich sogar künstlich erzeugen. In einer Fallstudie am Uniklinikum Genf stimulierten Mediziner das Gehirn einer Epileptikerin gezielt im Grenzbereich von Schläfen- und Scheitellappen. Prompt sah sich die Patientin von oben auf dem Krankenhausbett liegen.

Wie wir uns selbst erleben, uns in Raum und Zeit verorten, dafür scheint also eine ganz bestimmte Hirnregion zuständig zu sein. In dieser Region residiert ein über lange Jahre im Kleinkindalter herangereiftes Bewusstsein. Es sagt uns, was zu unserem Körper gehört, und was nicht, so Prof. Roth.

"Wenn dieser Teil, dieser Scheitellappen, zu wenig Sauerstoff oder zu wenig Zucker oder auf eine andere Art geschädigt ist, dann geht das auseinander. Dann ist das Gefühl: 'Ich stecke in meinem Körper' getrennt, und man kann seinen Körper ankucken, der da wie tot liegt. Das kann man übrigens auch träumen und gelegentlich träumen das auch Leute."

Prof. Gerhard Roth, Leiter des Instituts für Hirnforschung an der Universität Bremen

Nahtoderfahrung - alle Fragen geklärt?

War es das also mit dem Blick ins Jenseits? Ist damit das rätselhafte Phänomen der Nahtoderfahrung erklärt? Die mediale Aufmerksamkeit an diesem Thema reißt nicht ab: In der Netflix-Doku "Jenseits des Todes" berichten Menschen, wie sie an der Schwelle des Todes gestanden sind, und was sie dabei erlebt haben. Und auch die Pixar-Animation "Soul" beschäftigt sich mit dem Thema Übersinnlichkeit und Leben nach dem Tod.

Manch ein Fall scheint in der Tat schwer zu fassen: Wie lässt es sich erklären, dass ein Patient, der bewusstlos auf dem OP-Tisch liegt, im Nachhinein den Ärzten minutiös beschreiben kann, welche chirurgischen Handgriffe sie an ihm vorgenommen haben? Gibt es sie also doch, die außersinnlichen Wahrnehmungen? Die Forschung vertritt da eine klare Haltung. Die These lautet: Ohne Hirn keine Gedanken, keine Wünsche, keine Erlebnisse. Diese seien immer assoziativ verknüpfte Konstrukte des Hirns. So sieht es auch der Neuropsychologe Dr. Christian Hoppe:

"Ich will nicht behaupten, dass man jeden einzelnen anekdotischen Bericht, den man finden kann, im Einzelnen erklären könnte. Aber in vielen Fällen findet man eigentlich ganz gute Erklärungen, wenn man sich den Vorgang sehr präzise noch einmal anschaut."

Dr. Christian Hoppe, Neuropsychologe und Theologe


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