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Mückenatlas Deutschland Mücken fangen für die Wissenschaft

Mücken erfüllen wichtige Aufgaben im Ökosystem. Doch es kommen auch immer mehr exotische Mückenarten nach Deutschland, die Krankheiten übertragen können. Wo und wie viele das sind, überprüfen Wissenschaftler mit Ihrer Hilfe und dem Mückenatlas.

Stand: 16.06.2020

Eingeschickte Mücke für Mückenatlas. | Bild: picture-alliance/dpa

Zugegeben: Stechmücken sind lästig! Allerdings stellen sie nur eine Familie von 28 Mücken-Familien in Deutschland. Wenn auch mit 50 Arten. Neben dem Stechen und Blut saugen, das nur Weibchen zur Eiablage brauchen, machen Mücken durchaus sinnvolle Jobs: Ähnlich wie Bienen bestäuben sie Blüten, Mücken-Larven bauen Mikroorganismen und kleinste organische Substanzen in Gewässern ab und Mücken sind das Futter anderer Tiere. Von Zuckmücken ernähren sich beispielsweise Vögel und Fledermäuse.

Exotische Mücken in Deutschland

Mücken sammeln für die Forschung.

Seit 2004 sind in Deutschland auch fünf exotische Stechmücken-Arten entdeckt worden, die sich zum Teil hierzulande angesiedelt haben und ausbreiten: die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus), die Asiatische Buschmücke (Aedes japonicus), Aedes koreicus, Culiseta longiareolata und Anopheles petragnani.

Exotische Mücken haben das Potenzial gefährlich zu sein, denn sie können Tropenkrankheiten übertragen. Allerdings nur, wenn sie sich selbst mit exotischen Krankheitserregern infiziert haben. Diese sind zwar schon nach Europa vorgedrungen, aber in Deutschland bislang nicht heimisch.

Der Mückenatlas - ein Bürger-Projekt

Forscher beobachten die eingewanderten exotischen Mücken wegen ihres gefährlichen Potenzials genau und verfolgen, welche Arten tropischer Stechmücken wo in Deutschland zu finden sind. Dafür wurde 2012 der Mückenatlas ins Leben gerufen. Bei diesem Projekt kann jeder Bürger in Deutschland mitmachen und Mücken einsenden. Initiatoren sind das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg und das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) in Greifswald. Inzwischen hat sich der Mückenatlas zu einem der erfolgreichsten Citizen-Science-Projekte, also Bürgerforscher-Projekte, entwickelt.

Mücken gejagt, verschickt - und dann?

Beim Mückenatlas zählt jede Mücke

Bislang haben die Wissenschaftler schon mehr als 25.400 Einsendungen von Mückenjägern aus ganz Deutschland bekommen (Stand: Mitte Juni 2020). Zehntausende von Mücken bestimmen und kartieren sie jedes Jahr für den Mückenatlas und leiten sogar ihre Forschungsfragen von den Einsendungen ab, sagt Mückenexpertin Doreen Werner vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF). Sie betreut den Mückenatlas.

2019 wurden in 2.440 Einsendungen mehr als 14.900 Mücken an das Forschungsprojekt geschickt. Dabei war das Wetter 2019 eher Mücken feindlich, das heißt viel zu trocken. Und so kann man am Projekt teilnehmen:

Wie man beim Mückenatlas mitmacht

Mitmachen, aber bitte nicht draufhauen!

Das Wichtigste zuerst: Mücken niemals zerklatschen! Zerquetscht nützen die Insekten der Wissenschaft nicht mehr. Die Stechmücken sollen unbeschädigt eingefangen und in ein passendes Gefäß befördert werden, zum Beispiel ein Einweckglas. Danach kommen sie über Nacht ins Tiefkühlfach. Anschließend werden sie an das ZALF geschickt. Für den Mückenatlas suchen Forscher Mücken aus allen Teilen Deutschlands. Vor allem aus dünn besiedelten Regionen kommen wenige Einsendungen. Weitere Informationen zum Mückenatlas, wie man Mückenjäger wird und Wissenswertes über Stechmücken gibt es hier:

"Durch die in Europa in den letzten Jahren zunehmenden Ausbrüche von Stechmücken-übertragenen Krankheiten wie Dengue-, West-Nil- oder Chikungunya-Fieber sowie den Zika-Virus-Ausbruch in Südamerika wurde die aktuelle Bedeutung von Stechmücken als Krankheitsüberträger unter Beweis gestellt. Zur Risikoabschätzung benötigen wir dringend Daten zur Verbreitung der in Deutschland vorkommenden invasiven und einheimischen Arten."

Doreen Werner, Biologin am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF)

Mücken-Jagd mit Fallen

Um ein möglichst großes Spektrum an Arten zu fangen, haben Forscher des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI), Partner des Bürgerforscher-Projektes, bundesweit auch rund 100 Mücken-Fallen an sehr spezifischen Standorten aufgestellt.

Wie kommen die exotischen Mücke nach Deutschland?

Die zunehmende Globalisierung und vor allem der länderübergreifende Warentransport begünstigen, dass Stechmücken, die bisher nicht in Deutschland zu finden waren, eingeschleppt werden und sich hier ansiedeln. Die Asiatische Tigermücke gilt als besonderes Risiko und ist in Bayern in München und Fürth zu finden: Weit mehr als zwanzig, vor allem aus den Tropen bekannte Krankheitserreger, könne diese Art nachweislich übertragen - darunter das Dengue-, Gelbfieber- und West-Nil-Virus, aber auch das berüchtigte Zika-Virus, sagt Helge Kampen, Infektionsbiologe am Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit in Greifswald, Mecklenburg-Vorpommern. Professor Sven Klimpel vom Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut in Müncheberg fügt an:

"Wir wissen, dass wir es in naher Zukunft immer mehr mit über Insekten übertragenen Erkrankungen zu tun haben werden. Nicht gleich, aber in zehn, fünfzehn Jahren. Und da ist es wichtig, dass man weiß, welche Mückenarten vorkommen, um präventiv darauf einwirken zu können."

Professor Sven Klimpel

Heimische Mücken als Krankheitsüberträger

Doch nicht nur eingewanderte Mücken sollten beobachtet werden: Auch die gefährlichen tropischen Krankheitserreger können einwandern und dann von heimischen Mücken verbreitet werden. So infizierten sich 2019 in Deutschland mehrere Menschen mit dem West-Nil-Virus, das eigentlich aus Afrika stammt.

Eigentlich ist das West-Nil-Fieber eine Tierseuche, die vor allem Vögel befällt. Sie kann aber auch Menschen krank machen. "Die Krankheit zeigt keine eindeutigen Symptome und kann von leichter Übelkeit und Kopfschmerzen über Fieber bis hin zu schweren neurologischen Schäden variieren", sagt Mücken-Expertin Doreen Werner.

Mücken und infizierte Menschen trennen

Das ZALF arbeitet mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) zusammen, um die Verbreitung von tropischen Krankheitserregern in Deutschland zu verhindern. Hat sich ein Reiserückkehrer mit einer Tropenkrankheit angesteckt, wird sein Wohnort kontrolliert und dafür gesorgt, dass diese Person in Deutschland nicht in Kontakt mit tropischen Mückenpopulationen kommt. Es scheint absurd, aber es ist möglich, Mücken und Menschen zu trennen, denn Mücken fliegen nur in kleinen Radien.

Mücken und Hundewürmer

In Deutschland wurde zudem der von Mücken übertragene Hundeherzwurm (Dirofilaria immitis) als neuer Parasit nachgewiesen, der normalerweise im Mittelmeerraum vorkommt. Mücken übertragen die Wurmlarven auf Hunde. Ausgewachsen kann der Wurm das Hundeherz schädigen. Für Menschen ist er in der Regel ungefährlich. Anders der Hundehautwurm (Dirofilaria repens), der beim Menschen Hirnhautentzündung auslösen kann. Seine Larven wurden bereits in mehreren heimischen Stechmückenarten entdeckt.

Mücken und das neue Coronavirus

Bisher ist nicht bekannt, dass Mücken auch das neuartige Coronavirus übertragen können. Doreen Werner hält das auch für unwahrscheinlich: "Mücken kommen nicht in Kontakt mit den Atemwegen und können das Coronavirus deshalb nicht verbreiten."


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