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Babys und Mikroplastik Babyflaschen geben hohe Menge an Mikroplastik ab

Beim Erhitzen geben Babyflaschen auf Polypropylenbasis eine extrem hohe Anzahl an Mikroplastikpartikel frei. Das haben Forscher in einer neuen Studie festgestellt. Wie gefährlich ist das für die Säuglinge?

Von: Constanze Alvarez

Stand: 19.10.2020

Ein Baby bekommt eine Nuckelflasche. | Bild: picture-alliance/dpa

Für viele Eltern sind diese Handgriffe reine Routine: Bevor das Baby sein Fläschchen bekommt, wird dieses in kochendes Wasser gehalten, um die Keime abzutöten. Dann wird der Brei mit 70 Grad warmen Wasser zubereitet und heiß in die Flasche gefüllt. So empfiehlt es die WHO. Und an diese Vorgaben haben sich auch die Forscher gehalten, bei ihrem Versuch herauszufinden, ob und wie viel Mikroplastik Babyflaschen abgeben.

Babys sind durchschnittlich 1,6 Millionen Partikeln am Tag ausgesetzt

In 48 Regionen der Welt haben die Wissenschaftler in der beschriebenen Manier Babyflaschen aus Plastik getestet. Das Ergebnis wurde nun im Wissenschaftsmagazin Nature Food veröffentlicht und klingt beunruhigend: Demnach sind Säuglinge während der ersten zwölf Lebensmonate durchschnittlich 1,6 Millionen Mikroplastikpartikeln pro Tag ausgesetzt, wenn sie mit Flaschen auf Polypropylenbasis gefüttert werden. Das ist um ein Vielfaches mehr, als beispielsweise die Anzahl nachgewiesener Mikroplastikpartikel im Mineralwasser. Die Sterilisierung der Flasche bei hohen Temperaturen erhöht offenbar die Menge des freigesetzten Plastiks, so die Studie.

Gesundheitliche Folgen sind derzeit noch nicht erforscht

Wie sich die Einnahme von Mikroplastik auf die menschliche Gesundheit auswirkt, ist noch unbekannt. Es sei davon auszugehen, dass ein gesunder Darm die Partikel einfach wieder ausscheidet, so Dr. Hanns Moshammer von der Medizinischen Universität Wien.

"Was die menschliche Gesundheit betrifft, denke ich immer noch, dass unser Körper den Darminhalt als 'Außenraum' ansieht, aus dem gezielt Nährstoffe und Flüssigkeit entnommen werden und in den unter anderem auch Giftstoffe entsorgt werden können. Die Aufnahme von Stoffen ist zum Glück relativ spezifisch."

Dr. Hanns Moshammer, Medizinische Universität Wien

Allerdings sei die Darmbarriere bei Kleinkindern noch nicht so gut ausgebildet, weshalb durchaus Forschungsbedarf bestehe. Das sieht auch Dr. Eleonore Fröhlich von der Medizinischen Universität Graz so. Bei einer entzündlichen Darmerkrankung, bei der die Darmschleimhaut nicht intakt ist, könnten Partikel durchaus in den Körper gelangen und mit dem Immunsystem interagieren.

"Falls Fremdstoffe an die Partikel gebunden sind, könnte dies zu unerwünschten Reaktionen kommen. Ungeklärt ist, ob und wie die Darmbakterien auf Mikropartikel reagieren; eine Veränderung der Darmflora nach Exposition mit Nanopartikeln wurden jedenfalls nachgewiesen."

Dr. Eleonore Fröhlich, Medizinische Universität Graz

Keine einheitliche Definition für Mikroplastik

Welche Korngröße der Begriff Mikroplastik umfasst, darüber sind sich die Wissenschaftler nicht einig. Allgemein werden Teilchen bis zu einem Durchmesser von 5 Millimetern als Mikroplastik bezeichnet. Es sei kaum vorstellbar, dass größere Partikel die Darmwand passieren und so in den Körper eindringen könnten, so Dr. Eleonore Fröhlich. Viel mehr Sorge bereite ihr die Tatsache, dass in der Studie auch Billionen von Nanopartikeln nachgewiesen wurden. Diese könnten sehr wohl in den menschlichen Organismus gelangen und den Körper stärker belasten als Mikroplastikteilchen, die größtenteils mit dem Stuhl ausgeschieden werden.

Babyflasche: Lieber aus Plastik oder Glas?

Babyflaschen aus Glas sondern keine Mikroplastikteilchen ab. Aber sie sind schwer und können zerbrechen. Was also tun? Nicht mehr abkochen? Nein, sagt Dr. Hanns Moshammer, keimfreie Babyflaschen seien immer noch zu bevorzugen. Trotzdem – und das mahnen auch die Autoren der Nature-Studie an: Die Auswirkungen von Mikroplastik auf Kleinkinder und Erwachsene müssen weiter erforscht werden.

Sendungen zum Thema

  • Mikroplastik in Babyfläschchen. nano, 31.03.2021 um 10:45 Uhr, ARD-alpha

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