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Literaturnobelpreis 2020 Literaturnobelpreis geht an die US-Amerikanerin Louise Glück

Er gilt als einer der umstrittensten unter den Nobelpreisen: der Preis für Literatur. Schon oft gab es eine große Überraschung bei der Nominierung. So auch dieses Jahr: Die Preisträgerin Louise Glück galt nicht als Favoritin.

Stand: 08.10.2020 | Archiv

Louise Glück | Bild: Robin Marchant/Getty Images/AFP/PA

Und wieder eine Überraschung beim Literaturnobelpreis: Die US-amerikanische Lyrikerin Louise Glück erhält die Auszeichnung für ihr dichterisches Werk. Geehrt wird sie nach Angaben der Schwedischen Akademie "für ihre unverwechselbare poetische Stimme, die mit strenger Schönheit die individuelle Existenz universell werden lässt".

Persönliche Erfahrung und Verwandlung

Louise Glück gehörte nicht zu den hoch gehandelten Favoriten für den Literaturnobelpreis, eine Unbekannte ist sie jedoch nicht. Die 1943 in New York geborene Glück debütierte 1968 mit dem Band "Firstborn" und machte sich bald einen Namen als Dichterin. Ihre Gedichte werden oft als autobiografisch fundiert beschrieben, auch die Schwedische Akademie stellt fest: Wichtige Themen Glücks seien Kindheit und Familie, die enge Beziehung zwischen Eltern und Geschwistern.

Dennoch sei sie keine Dichterin des persönlichen Bekenntnisses: "Glück sucht das Universelle und lässt sich dabei in vielen ihrer Werke von Mythen und klassischen Motiven inspirieren. Die Stimmen von Dido, Persephone und Eurydike - der Verlassenen, der Bestraften, der Verratenen - sind Masken für ein Selbst in Verwandlung, ebenso persönlich wie allgemeingültig", heißt es in der Begründung für die Preisvergabe.

Klare dichterische Sprache

Ein weiteres wichtiges Element in Glücks Arbeiten ist die intensive Naturerfahrung. Tages- und Jahreszeiten, Pflanzen, Wetter, Licht und Nacht gibt sie in Versen eine neue Ausdrucksqualität. Glücks Sprache ist keine der lyrischen Wort-Neuschöpfungen und des Metaphernreichtums, sondern konzentriert und klar. Eine im Wortsinn dichte Sprache für existenzielle Erfahrungen.

Schriftstellerin und Professorin für Englisch

Louise Glück lebt in Cambridge, Massachusetts, neben ihrem Schreiben ist sie Professorin für Englisch an der Yale University in New Haven, Connecticut. Glück hat namhafte Auszeichnungen für ihr Werk erhalten, darunter den Pulitzer-Preis (1993) und den National Book Award (2014). 2020 erhielt sie den Tomas-Tranströmer-Preis der schwedischen Stadt Västerås, benannt nach dem schwedischen Dichter, der vor neun Jahren ebenfalls mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Wenige Übersetzungen ins Deutsche

Zu Glücks Werken gehören die Gedichtbände "The Triumph of Achilles" (1985), "Ararat" (1990) und "Faithful and Virtuous Night" (2014), zwei Bücher liegen in der Übersetzung der Lyrikerin und Schriftstellerin Ulrike Draesner auf Deutsch vor: "Wilde Iris" (im Original 1992) und "Averno" (im Original 2006).

"Mit der Lyrikerin Louise Glück wird eine originäre lyrische Stimme ausgezeichnet. Sie hat früh begonnen, 'nature writing' in einem neuen Sinn aufzufassen: Die Natur ist kein Gegenüber mehr, sondern spricht selbst zu uns. Glück fragt sich, was es bedeutet, einen Körper zu haben. Und was die Seele sein könnte. Sie erkundet, wie Schmerz und Gewalt erlebt werden, wie sie weiterwirken, wie Menschen sich miteinander verbinden. Dabei erzählt sie antike Mythen auf faszinierende Weise neu oder fragt nach der Möglichkeit von Idyllen heutzutage."

Ulrike Draesner gegenüber dem Bayerischen Rundfunk

Rechte für deutsche Ausgabe ausgelaufen

Wer die Übersetzungen nicht schon im Bücherregal hat und das Werk Louise Glücks hierzulande kennenlernen will, der wird sich noch ein wenig gedulden müssen: Die deutschen Rechte sind nach Angaben des Luchterhand-Verlags, der Louise Glück auf Deutsch herausgibt, ausgelaufen. Man könne nicht nachdrucken, solange Glücks Agent Andrew Wylie die Rechte nicht freigebe, so der Verlag, bemühe sich aber um Erlaubnis für den Nachdruck und hoffe, diese heute noch zu erhalten.

Wetten und Ranglisten lagen wie so oft falsch

Mit Louise Glück ehrt die Schwedische Akademie nach Tomas Tranströmer und der Polin Wisława Szymborska (ausgezeichnet 1996) nach einigen Jahren wieder ein lyrisches Werk. Eines, das manche Ähnlichkeiten mit dem einer anderen Autorin hat, die beim britischen Wettbüro Ladbrokes im Vorfeld der diesjährigen Preisvergabe ganz vorn auf der Liste aussichtsreicher Kandidaten stand: Anne Carson. Wie Louise Glück bezieht sich auch die kanadische Lyrikerin immer wieder auf antike Stoffe, zugleich trägt auch ihr Werk autobiografische Züge. Mit der Wahl Louise Glücks hat die Schwedische Akademie erneut bewiesen, dass sie sich an die von Ranglisten und Wettquoten erzeugten Erwartungen nicht gerne hält.

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Louise Gluck, Academy Class of 2012, Full Interview | Bild: Academy of Achievement (via YouTube)

Louise Gluck, Academy Class of 2012, Full Interview

Glück erhält rund eine Million Euro für die Auszeichnung

Der Literaturnobelpreis ist mit zehn Millionen Kronen (rund eine Million Euro) dotiert und wird am 10. Dezember überreicht, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel. Die Auszeichnung wird seit 1901 vergeben, die Wahl für eine Preisträgerin oder einen Preisträger trifft die Schwedische Akademie in Stockholm.

Skandal um Literaturnobelpreis-Komitee

Nachdem die Schwedische Akademie durch Vetternwirtschaft, Skandale und Vorwürfe sexueller Belästigung de facto handlungsunfähig geworden war, wurde der Literaturnobelpreis 2018 zunächst ausgesetzt. 2019 wurde er dann für zwei Jahre verliehen: an die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk und den Österreicher Peter Handke.

Kontroverse um Peter Handke

Die Auszeichnung für Peter Handke brachte gleich neuen Streit um den Preis: Handke stand noch einmal heftig in der Kritik für seine Stellungnahmen zu Serbien in den Balkankriegen der 1990er-Jahre. Prominente Stimmen wie der aus Bosnien stammende Schriftsteller Saša Stanišić warfen Handke eine einseitige Parteinahme für Serbien und die Leugnung serbischer Gräueltaten vor, die "Mütter von Srebrenica" protestierten in Stockholm gegen die Preisvergabe. Handke selbst reagierte dünnhäutig auf die Kritik und hielt den Medien eine mangelnde Würdigung seiner literarischen Position vor.

Zu den Preisträgern vergangener Jahre gehören Günter Grass (1999), der Südafrikaner J. M. Coetzee (2003), Elfriede Jelinek (2004), Herta Müller (2009) und Swetlana Alexijewitsch (2015). 2016 erhielt Bob Dylan den Preis – auch das ein Lyriker, und auch das eine kontrovers debattierte Entscheidung.

Wie die Literatur-Preisträger ausgewählt werden

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The Nobel Prize Today is the announcement of the 2020 #NobelPrize in Literature. Ahead of the announcement watch our exclusive Q&A with Anders Olsson of the Swedish Academy, who helps to award the Literature Prize. https://t.co/R4dKjCB2uF

Today is the announcement of the 2020 #NobelPrize in Literature.
Ahead of the announcement watch our exclusive Q&A with Anders Olsson of the Swedish Academy, who helps to award the Literature Prize. https://t.co/R4dKjCB2uF | Bild: NobelPrize (via Twitter)

Deutschsprachige Literaturnobelpreisträger

Jüngste Literaturnobelpreise

2020: Louise Glück
2019: Peter Handke
2018: Olga Tokarczuk (nachträglich 2019 verliehen)
2017: Kazuo Ishiguro
2016: Bob Dylan
2015: Swetlana Alexijewitsch
2014: Patrick Modiano
2013: Alice Munro
2012: Mo Yan
2011: Tomas Tranströmer
2010: Mario Vargas Llosa
2009: Herta Müller
2008: J.M.G. Le Clézio
2007: Doris Lessing
2006: Orhan Pamuk
2005: Harold Pinter
2004: Elfriede Jelinek
2003: J.M. Coetzee
2002: Imre Kertész
2001: V.S. Naipaul
2000: Gao Xingjian
1999: Günter Grass
1998: José Saramago

Anders als die Wissenschafts-Nobelpreise, die jeweils für eine einzelne herausragende Leistung verliehten werden, zeichnet der Literaturnobelpreis das gesamte Werk eines Schriftstellers aus. Die Auswahl dürfte der 18-köpfigen Jury nicht ganz leicht fallen. Alfred Nobels Maßgabe, der Preis solle an ein "in idealer Weise herausragendes Werk" verliehen werden, lässt einigen Deutungsspielraum.

Dennoch gilt der Literatur-Preis als der bedeutendste unter allen Nobelpreisen. Und: Kaum ein Preisträger musste ihn mit jemand anderem teilen. Viermal jedoch gab es zwei Preisträger: 1904, 1917, 1966 und 1974.


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