108

Lichtverschmutzung Lichtsmog stört die Dunkelheit der Nacht

Wenn Sie abends hochschauen, sehen Sie nur noch an wenigen Orten auf der Welt einen sternenübersäten Himmel. Lichtverschmutzung lässt die stockdunkle Nacht selten werden. Dieser Lichtsmog stört die Finsternis und ganze Ökosysteme - und macht auch uns Menschen krank.

Stand: 20.09.2021 13:20 Uhr

Satellitenaufnahmen von der Erde zeigen nachts ein strahlendes Lichtermeer. Wer jedoch von unten nach oben schaut, sieht oft: nichts. Fast die Hälfte der Deutschen unter 30 Jahren hat noch nie die Milchstraße gesehen. Die Sternenschau wird uns durch Straßenlaternen, Fassadenbeleuchtungen, strahlende Werbeschilder und vieles mehr vergällt.

Lichtsmog wird zum Problem

Ende des 19. Jahrhunderts zog die elektrische Beleuchtung in die Städte Europas ein. Ein Jahrhundert später kam die Ernüchterung: Die ersten Warnungen vor Lichtverschmutzung erklangen. Inzwischen leuchten unsere Städte zum Teil 4.000 Mal heller als das natürliche Nachtlicht. Dass die Nacht zum Tag wird, hat Folgen für Menschen, Tiere und sogar Pflanzen.

Earth Night : "Licht aus!" für eine Nacht pro Jahr

Alljährlich im Monat September findet die Earth Night statt. Die Aktion soll die Menschen dazu anhalten, ab 22.00 Uhr das Licht zu reduzieren. Das heißt nicht, dass man ab 22.00 ins Bett gehen soll, aber man kann zumindest Außenbeleuchtungen abschalten, Jalousien runterlassen, Gardinen vor den Fenstern zuziehen und das Licht in Haus und Wohnung bewusst einsetzen. Mehr Infos unter: earth-night.info

Lichtverschmutzung schadet der Gesundheit des Menschen

München bei Nacht: Lichtsmog lässt die Stadt auch bei Nacht erstrahlen.

Zu viel Kunstlicht kann auf Dauer krankmachen, sagen Schlafforscher. Insbesondere das blaue, kalte Licht der LEDs von Leuchtreklamen und moderner Straßenbeleuchtung, aber auch von Fernsehern, Handys oder Laptops wirkt auf uns wie Tageslicht und hält uns wach. Denn nur in Dunkelheit produziert unser Körper das Schlafhormon Melatonin, das unseren Tag-Nacht-Rhythmus steuert - wie übrigens auch bei den Wirbeltieren. Licht bremst die Melatoninproduktion. Ohne Dunkelheit leben wir gegen unsere innere Uhr und schlafen zu wenig. Wir können uns nicht ausreichend erholen, unsere Zellen sich nicht genügend regenerieren. Zu viel Licht in der Nacht kann auf Dauer chronische Schlafstörungen auslösen.

Lichtverschmutzung bringt die Natur aus dem Gleichgewicht

Wie der Mensch leiden auch andere tagaktive Organismen unter den zu hellen Nächten, weil sie sich nicht mehr richtig regenerieren können. Die künstliche Beleuchtung stört damit ganze Ökosysteme. 

Nachtaktive Vögel und Insekten werden in ihrem Rhythmus oder bei der Orientierung gestört. Eine Milliarde Fluginsekten zum Beispiel werden in Deutschland in einer Sommernacht durch Straßenlaternen gestört und viele lassen ihr Leben. Das Licht irritiert die Tiere. Sie wissen nicht mehr, was sie tun sollen - sie fressen nicht mehr, paaren sich nicht mehr und bestäuben keine Blüten mehr. Sie kreisen desorientiert um die Laternen und verbrennen, wenn diese noch nicht auf LED umgestellt sind, gehen vor Erschöpfung zugrunde oder werden von Feinden gefressen.

Die künstliche Beleuchtung ist damit ein Puzzlestein der komplexen Problematik von Vogelsterben und Insektensterben. Auch auf andere Tiere hat die Lichtverschmutzung teils verheerende Wirkung:

Wenn Tieren die Nacht geraubt wird

Totentanz-Laternen

Straßenlaternen haben einen tödlichen "Staubsaugereffekt": Motten umkreisen das Licht - und kommen von einer Straßenlaterne nicht mehr weg. Eigentlich ist es das Mondlicht, das die Nachtfalter anzieht, weil ihnen der Mond Orientierung gibt. Das Kunstlicht umkreisen die Falter buchstäblich bis zur Erschöpfung - bis zum Tod. Eine einzige Straßenlaterne kann auf diese Weise die gesamte Köcherfliegen-Population eines 200 Meter breiten Gewässerstreifens töten.

Früher Vogel

Großstadtlicht bringt das Paarungsverhalten von Singvögeln wie Amseln, Rotkehlchen, Blaumeisen, Kohlmeisen oder Buchfinken durcheinander: Wo Straßenlaternen in die Nester scheinen, beginnen die Männchen morgens um bis zu anderthalb Stunden eher mit ihrem Gesang. Je früher die Männchen mit dem Gesang beginnen, umso besser die Chancen, eine Partnerin zu finden.

Hotel statt Meer

Schlüpft eine Meeresschildkröte aus ihrem sorgfältig in den Sand gelegten Ei, rennt sie sofort los: zum hellsten Punkt. Denn der war früher immer das Meer. Heute sind es jedoch die hellerleuchteten Hotels und Strandpromenaden, die für die Schildkrötenbabies immer öfter zur Todesfalle werden.

Irrfahrt im Licht

Unseren Schiffen weisen sie den Weg in den sicheren Hafen. Doch Zugvögel schicken sie auf eine endlose Irrfahrt: Denn statt sich am Sternenzelt zu orientieren auf ihrem Weg ins Winter- oder Sommerquartier, kreisen Zugvögel häufig um Leuchttürme oder über hellen Städten.

Finstere Räuber

Thomas Davies von der britischen Universität Exeter hat in einer im April 2013 veröffentlichten Studie festgestellt, dass das Leben von Bodenkleintieren durch Lichtverschmutzung bei Tag und Nacht beeinflusst wird. Er stellte Bodenfallen in bewachsene Seitenstreifen auf, die von Straßenlaternen beleuchtet wurden. Das Ergebnis: Im Licht sammelten sich insgesamt mehr räuberische und aasfressende Insekten als andere Tiere. Laufkäfer, Weberknechte und bestimmte Spinnenarten waren auch tagsüber dort zu finden. Davies folgerte daraus: Die Insektengemeinschaft wird durch Straßenlaternen dauerhaft verändert.

Brücke im Weg

Lachse schwimmen tausende Kilometer flussaufwärts, um sich zu paaren. Doch beleuchtete Brücken versperren ihnen den Weg: Sie wirken wie eine Barriere, die Fische verweilen dort lange. Zu lange, um rechtzeitig anzukommen?

Was macht Lichtverschmutzung mit den Pflanzen?

Selbst Pflanzen brauchen die Dunkelheit, um sich von der Photosynthese und den Anstrengungen, kaputte Blätter und Stängel zu reparieren, zu erholen. Außerdem werden dauerbeleuchtete Pflanzen seltener bestäubt und bilden so weniger Früchte aus. Ihr jahreszeitlicher Rhythmus gerät aus den Fugen und sie verpassen den Herbst und den Frühling - werfen zu spät die Blätter ab oder entwickeln zu früh im Jahr neue Triebe.

Die Welt wird jedes Jahr heller

Der von einem internationalen Wissenschaftlerteam herausgegebene Weltatlas der Lichtverschmutzung dokumentiert, wie massiv künstliche Beleuchtung den Nachthimmel mittlerweile weltweit erhellt: Mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung lebten demnach bereits 2016 unter einem lichtverschmutzten Himmel. In Europa und den USA sind es sogar 99 Prozent der Bevölkerung.

Lichtverschmutzung ist ein weltweites Problem

Auch in Deutschland nimmt der Lichtsmog zu

Auch in Deutschland werden die Nächte immer heller: Eine Anfang 2018 veröffentlichte Studie des Deutschen GeoForschungsZentrums (GFZ) zeigte, dass in den meisten Bundesländern die nächtliche Beleuchtung wächst - sowohl in der Fläche als auch in der Helligkeit des Lichts. Einige Bundesländer - darunter Bayern - werden pro Jahr um drei bis vier Prozent heller.

Immer mehr LED-Leuchten erhöhen Lichtverschmutzung

Ein Grund für die zunehmende Lichtverschmutzung könnte der vermehrte Einsatz von LED-Leuchten sein. Denn immer mehr Kommunen stellen auf diese energieeffizienten und kostensparenden Leuchtmittel um - und kaufen, weil die LED-Lampe so günstig ist, auch immer hellere Lampen.

Auf der Suche nach den Lichtverschmutzern

Der Quelle von Lichtverschmutzung, also Lichtern, Scheinwerfern und Reklametafeln, versucht die App "Nachtlicht-Bühne" auf den Grund zu gehen. Da in der Regel nur öffentliche Lichtquellen bekannt sind, private und gewerbliche hingegen nirgendwo erfasst werden, sind Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, mithilfe der App künstliche Lichtquellen zu zählen. In die App eingegeben werden können neben dem Standort auch die Größe, Helligkeit und Lichtfarbe jeder Leuchte.

Die Daten werden ans Deutsche GeoForschungsZentrum in Potsdam übermittelt. Hier werden die gesammelten Informationen mit Satellitendaten abgeglichen, um herauszufinden, aus welchen Quellen die Lichtverschmutzung stammt. Mitmachen beim Lichterquellen-Suchen kann jeder.

Das kann jeder Einzelne gegen Lichtverschmutzung tun

Auf Illuminationen um der Lichteffekte willen sollte an Haus und im Garten verzichtet werden. Für Beleuchtungen an Haustür oder auf dem Weg dorthin ist zum Beispiel die Wahl der richtigen Lampe ausschlaggebend. Kugellampen oder Wandleuchten strahlen ihr Licht in alle Richtungen ab. Abgeschirmte Leuchten hingegen leuchten nur nach unten - eben dahin, wo das Licht wirklich gebraucht wird. Auch die Lichtfarbe spielt eine Rolle. Grellweißes Licht ist ungünstig, gelblich-oranges ideal. Achten Sie beim Kauf auf die Kelvinzahl - je niedriger diese ist, desto wärmer ist das Licht, desto besser für Natur und Tiere.

Lichtsmog beschert Astronomen trübe Aussicht

Sternbild Skorpion in der Milchstraße

Auch Astronomen sticht die Lichtverschmutzung ins Auge. Inzwischen stehen bei uns die Chancen schlecht für Sterngucker: Das nächtliche Firmament ist bereits zu hell, um feine, lichtschwache Objekte wie schwache Sterne, ferne Nebel oder etwa die Milchstraße zu beobachten. Schon Ende der 1990er-Jahre zeigte eine Analyse von Satellitenaufnahmen durch Pierantonio Cinzano und Fabio Falchi, damals an der Universität Padua, in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen National Geophysical Data Center (NOAA), dass ein Fünftel der Menschheit die Milchstraße gar nicht mehr sehen kann.

Sternenparks zum Schutz der Dunkelheit

Dark Sky

"Dark Sky" ist eine Initiative der Vereinigung der Sternfreunde e.V. gegen Lichtverschmutzung. Es engagieren sich dort professionelle und Hobbyastronomen, Volkssternwarten, Planetarien und astronomische Vereine. Ziel ist es, Gebiete, in denen noch ein nahezu natürlicher dunkler Himmel beobachtet werden kann, zu bewahren. Dadurch soll nicht nur die Dunkelheit und damit die astronomische Beobachtung geschützt werden. Vielmehr geht es auch um den Schutz nachtaktiver Tiere und darum Energie zu sparen.

Sternenparks

Inzwischen werden immer mehr Sternenparks eröffnet - Schutzzonen für die Nacht. Jeder Sternenpark benötigt ein spezielles Beleuchtungskonzept. So sollten abgeschirmte, blendfreie Leuchten eingesetzt werden, die horizontal montiert sind. Dadurch ist das Licht nach unten gerichtet. Zudem muss die Lichtfarbe stimmen: gelblich-orange ist ideal. Ein Blauanteil darf nicht vorhanden sein und das Licht sollte regelbar sein.
Auch im Umfeld des Sternenparks muss künftig Lichtverschmutzung vermieden werden, denn der Titel ist nur vorläufig und an Auflagen geknüpft. Zudem verpflichtet sich ein Sternenpark auch, Besucher und das Umfeld über Astronomie und die Lichtverschmutzung zu informieren.

Dark Sky Reserves

Gebieten kann der Titel "International Dark Sky Reserve" verliehen werden. Vergeben wird so ein Titel von der "International Dark-Sky-Association", je nach Grad der Dunkelheit in Bronze, Silber und Gold. "Dark Sky Reserves" verpflichten sich, ebenfalls entsprechende Beleuchtung zu installieren, die nur nach unten strahlt. Die ausgezeichneten Gebiete verpflichten sich, eine Kernzone mit dunklem Himmel durch eine umliegende Schutzzone abzusichern.

Dark Sky Communities

Das sind ganze Kommunen, die aufgrund entsprechender Maßnahmen wie vernünftig gerichteter Beleuchtung, wenig Leuchtreklame oder nächtlicher Außenbeleuchtung versuchen, die Dunkelheit zu schützen.


108