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Kreide Ausflugsziel, Baustoff, Heilprodukt - aber Nichts zum Schreiben

Kreide kennen Sie aus Ihrer Schulzeit? Unwahrscheinlich. Echte Kreide gibt es zum Beispiel in den berühmten Kreidefelsen auf Rügen zu bewundern. Was Kreide alles kann - und was eben nicht.

Stand: 12.10.2016

Kreidefelsen auf Rügen | Bild: picture alliance / Arco Images GmbH

Die Kreidefelsen an der Ostküste der Insel Rügen können an einem sonnigen Tag richtig blenden. Über 100 Meter hoch ist die weiße Wand, steil, aber porös und bröcklig. Jedes Jahr verlieren die Kreidefelsen in der Ostsee ein wenig Material, 1958 und 1981 waren es sogar mehr als 100.000 Kubikmeter. Die hellen Felsen sind instabil, weil die Kreide mit anderen Materialien durchsetzt ist, mit Sand etwa, und weil sie zu rund 30 Prozent aus Feuchtigkeit besteht. Dadurch werden durch den Frost in jedem Winter einige Zentimeter einfach weggesprengt.

"Das sind so ein, zwei, drei Zentimeter jedes Jahr. Wenn es taut, fällt der Kreideschutt zu Boden und bildet einen Schuttkegel, der die Kreidefelsen früher gut abgestützt hat. Durch den steigenden Meeresspiegel wird dieser Kreideschuttberg nach und nach abgetragen. Irgendwann stehen dann die Kreideklippen ziemlich senkrecht an der Wasserkante. Hier und da bricht dann ein größerer Brocken ab. Das können durchaus mal 100.000 Kubikmeter sein."

Dr. Ingolf Stodian, Geologe

Kreidefelsen sind nur die Spitze des Kreidebergs

150 Meter dick ist die weiße Schicht aus sauberster, reinster "Schreibkreide".

Auf der einen Seite nagt also die Ostsee an der Küste, vom Landesinneren her graben Bäche am Kreidekliff. Aber die hohen hellen Felsen sind nur die Spitze des Kreideberges: Bohrproben zeigten, dass die oberen 150 Meter aus sauberster, reinster sogenannter Schreibkreide bestehen. Danach kommen weitere 450 Meter mit mehr Ton- und Sandanteilen.

Kreide - eine Ansammlung toter Tiere

Wanderer bestaunen die hohen Kreidefelsen auf Rügen.

Entstanden ist die große Kreideschicht auf Rügen in der Kreidezeit, vor rund 140 bis 60 Millionen Jahren. Die Region rund um Rügen muss eine subtropische Meereslandschaft gewesen sein. Allerdings mit einer geringen Wassertiefe von etwa 200 Metern. Die geringe Tiefe und viel Licht haben dazu geführt, dass das Wasser warm und nährstoffreich war und viele Lebewesen beherbergt hat. Die Überreste dieser Tiere haben sich am Meeresboden angesammelt und sind mit der Zeit zu Kalkschlamm geworden. In 1.000 Jahren bildeten sich rund 3,5 Zentimeter Kalkschicht. Die gesamte Kreidezeit schuf so ein 600 Meter dickes Segment.

"Wir haben in der Kreide ungefähr 1.500 Tier- und Pflanzenarten, die wir kennen. Davon rund 200 bis 300 Arten, die man ohne Lupe sehen kann: vorwiegend Muscheln, Seeigel, Seesterne, Schlangensterne, Ammoniten und Donnerkeilträger. Das größte Tier war der Mosasaurus mit etwa 15 Metern, aber von dem finden wir nur mal einen Zahn von zwei, drei Zentimetern."

Manfred Kutscher, Kurator des Kreidemuseums Rügen

Von der Ebene in die Höhe

Kreidefelsen

Kreideklippen gibt es zum Beispiel auch in Dorset und Dover in England, in Dänemark auf der Insel Møn, in Frankreich in Le Tréport und Étretat.

Nach dem Ende der Kreidezeit wurde die Hochebene hinter Rügens Kreideküste langsam aufgefaltet. Wie sehr, lässt sich am Königsstuhl erkennen. Der fast 120 Meter hohe weiße Kreideblock wurde von den Kräften der Erdbewegung von der Waagerechten in die Senkrechte aufgestellt.

Künstler verewigen das Kreidekliff

Von den Kreidefelsen sind nicht nur Geologen und Touristen begeistert. Seit Jahrhunderten ziehen die weißen Klippen auch Maler, Dichter, Schriftsteller und andere Künstler magisch an. Das bekannteste Gemälde, das die Kreidefelsen der Ostsee verewigt hat, ist wohl "Kreidefelsen auf Rügen" von Caspar David Friedrich aus dem Jahr 1818.

"Das Bild ist natürlich einmalig, die weiße Kreide. Bei Abbrüchen färbt sich das Wasser türkisblau, das sieht aus wie Südsee. Wenn dann noch die Sonne scheint, gibt's hier kein Halten mehr. Das schöne zarte Grün der Buchenwälder kommt dazu, später ist es Dunkelgrün. So hat jeder Zeitpunkt seinen Reiz."

Dr. Ingolf Stodian, Geologe

Kreide wird seit Jahrhunderten genutzt

Im Kreidemuseum in Gummanz kann man die alten Geräte besichtigen, mit denen früher Kreide abgebaut wurde.

Auf Rügen wird die Kreide jedoch nicht nur bestaunt, sondern auch genutzt - und seit Jahrhunderten abgebaut. Die ersten Belege hierfür stammen aus dem 12. Jahrhundert, damals wurde das Material zum Verputzen und Streichen von Steinhäusern genutzt. Ab dem 19. Jahrhundert war Kreide in Porzellan, Steingut, Fliesen, Farben, Lacken und sogar in Gummi zu finden. Ab den 1920er-Jahren wurde der Kreideabbau industrialisiert: Waren früher Männer mit Schaufeln und Spaten in kleinen Familienbetrieben aktiv, erledigten die Arbeit nun Bagger, Schaufelräder und Rührwerke. Im ehemaligen Kreidewerk Gummanz ist heute ein Kreidemuseum untergebracht, in dem nicht nur die geologischen und biologischen Zusammenhänge erläutert werden und Fossilien aus der Kreidezeit bestaunt werden können. Es informiert auch über den Abbau und die Aufbereitung des bröckeligen Gesteins.

Die Geburtsstunde der Heilkreide

Kreide kann man auch als Maske für den Körper auftragen.

Der Legende nach wurde 1920 noch eine andere Art der Kreidenutzung entdeckt: Ein ermatteter Arbeiter soll in ein Kreidebecken gefallen sein. Als er herausgefischt wurde, sollen sich seine müden Muskeln wieder erholt angefühlt haben. Die Heilkreide begann ihren Siegeszug von Rügen aus in diverse Badewannen und sogar in ganze Kreideschlammabteilungen in Krankenhäuser. Seit 1937 gilt Rügener Kreide als Heilsediment, das Mineralstoffe wie Kalzium, Eisen, Kalium, Magnesium und Natrium enthält. Weil der Körper diese Stoffe über die Haut aufnehmen kann, wird Heilkreide bei zahlreichen Erkrankungen angewandt. Laut diverser Studien verbessert Heilkreide die Zellregeneration und Wundheilung.

Schreiben mit Kreide?

Nur eines kann die Kreide nicht - und dabei denkt man daran doch immer zuerst, wenn man das Wort "Kreide" hört: Schulkreide sein. Der weiße, staubige Schreibstift, der so grässlich über die Tafel kratzt, der ist aus Gips - Calciumsulfat. Die Kreide aus dem Boden besteht aus Calciumkarbonat. "Die mechanischen Eigenschaften dieser Kreide wären gar nicht geeignet, sie in solcher Stabform zu produzieren. Das hat man probiert, aber sie ist nicht stabil genug und zerbröckelt", erklärt Geologe Ingolf Stodian.

"Man kann damit schreiben, aber man hat dann einen Brocken in der Hand und keinen Stift. Deswegen hat das nichts mit der Schreibkreide in der Schule zu tun."

Dr. Ingolf Stodian, Geologe


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