200 Jahre Sebastian Kneipp Wasserdoktor, Influencer, Visionär

Von: Bernd Thomas

Stand: 10.05.2021

Er war Medienstar, Bestsellerautor, Seelsorger, Quereinsteiger, Dorferneuerer, Influencer, Menschenkenner, Visionär, Kräuterpfarrer und "der Wasserdoktor": Sebastian Kneipp. Seine Methoden und Ideen sind bis heute populär. Doch sind sie noch aktuell und wirksam?

Auf natürliche Weise Gesundheit und Wohlbefinden stärken: Sebastian Kneipps Philosophie ist heute so modern wie nie.  | Bild: dpa-Bildfunk/Marc Waldow

Geboren vor 200 Jahren im Allgäu, heute weltweit bekannt: Sebastian Kneipp ist eine der prägenden Persönlichkeiten der Naturheilkunde. Seine Methoden gehören zu den Klassikern, wenn es darum geht, gesund zu leben und gesund zu bleiben.

Nach einer Kindheit und Jugend in armen Verhältnissen, war der 28 jährige Theologiestudent lebensbedrohlich erkrankt, wahrscheinlich an Tuberkulose, damals ein unheilbares Leiden. Die Ärzte hatten ihn schon aufgegeben. Im Winter 1849 begann er, inspiriert von den Schriften des Arztes und Naturheilgelehrten Johann Siegmund Hahn, regelmäßig ins eiskalte Wasser der Donau zu steigen, um sich selbst zu heilen. Das gelang tatsächlich und veränderte sein Leben. Kneipps Ziel fortan: "...den Menschen mit seinem Wissen und Erfahrungen zu dienen für Gott und die Gesundheit."

Kneipp: Kräuterpfarrer und Wasserdoktor

Zitat. Die Heilkraft des Wassers

Sebastian Kneipp und seine Behandlungen  | Bild: Kneipp-Bund

"Wer das Gießen versteht, ist ein Künstler in der Heilkunde ... Wie jedoch jeder einzelne Guss auf einen bestimmten Körperteil eine bestimmte Wirkung ausübt, so kann hier wiederum durch Anwendung verschiedener Güsse auf den ganzen Körper eingewirkt werden."

Sebastian Kneipp

Hydrotherapie: Wasser, vielfach genutzt

Rund 120 unterschiedliche Wasseranwendungen umfasst die Hydrotherapie nach Kneipp, viele beschrieben in seinem Standardwerk Meine Wasser-Kur. Darin hatte Kneipp wesentliche Inhalte von Heinrich Friedrich Franckes Beschreibung der „Gräfenberger Wassercur“ übernommen, allerdings ohne dies offenzulegen. Die Anwendungen setzen physiologische Reize und nutzen dabei natürliche Reaktionen des Körpers.

Kneipp-Wasseranwendung | Bild: BR/Eva Manten

Kneippen: Einfach, günstig, überall

Sein umfassendes Wissen möglichst vielen weiterzugeben, war Sebastian Kneipp besonders wichtig. Jeder kann die Grundsätze der Kneippschen Methoden leicht lernen, nutzen und so gut wie überall einsetzen.  

Wirkungen und richtige Anwendung

Wasseranwendungen

  • fördern die Durchblutung
  • beugen Infekten vor
  • stärken das Herz-Kreislaufsystem
  • beugen Krampfadern vor
  • helfen bei Schlafstörungen
  • wirken anregend, erfrischend, entspannend, beruhigend und psychisch stabilisierend

Nach dem Kneippen das Wasser nur abstreifen, sich bewegen und trocknen lassen!

  • Gute Konstitution erforderlich, Vorsicht bei Vorerkrankungen: vor Beginn mögliche Risiken mit Therapeuten abklären
  • Nicht übertreiben: kein Zwang; zu Beginn nur kurz, circa 30 bis 60 Sekunden sich dem Reiz aussetzen, erst bei Gewöhnung die Anwendungsdauer langsam steigern
  • Bei kalten Füßen und Händen: voher anwärmen, Wechsel zwischen kalt und warm möglich 
  • Regelmäßige Anwendung bringt nachhaltige Wirkung
  • Vorsicht bei Kindern: sie reagieren deutlich stärker als Erwachsene

Der Klassiker: Wassertreten

Auf den Geschmack gekommen? Eine ausführliche Sammlung von Kneipp-Wassertretanlagen in den verschiedenen Regionen Bayerns und deutschlandweit gibt es hier.

Wasser und noch viel mehr

200 Jahre Kneipp | Bild: Kneipp-Bund/Jaeckle

Wasseranwendungen sind zwar zentral, aber nur ein Bestandteil der Heilmethoden Kneipps. Insgesamt umfasst sein Konzept fünf Elemente: Wasser, Bewegung, Ernährung, Ordnung oder Balance und Heilpflanzen. Sebastian Kneipp nutzte alle Elemente und wandte sie jeweils entsprechend an. Zum heutigen ganzheitlichen Behandlungskonzept wurden sie später zusammengefasst und entsprechend systematisiert. Der ganzheitliche Ansatz versteht sich nicht als Alternative, sondern als Ergänzung zur klassischen Medizin und vor allem als Möglichkeit zur Prävention.

Philosophie und Einfluss bis heute

Kneipp Konzept | Bild: BR/Eva Manten

Anekdote: Kneipp und die Schulmedizin

"Pfarrer Kneipp bat einmal einen Arzt, sich einen besonderen Krankheitsfall anzuschauen. Der Arzt kam der Aufforderung nach und bemerkte: Ein hochinteressanter Fall; ich habe während meiner ganzen Praxis einen solchen Fall nie gesehen. … Und der wissenschaftliche Name für diesen seltenen Fall? redet der Pfarrer Kneipp den Arzt an. Dieser weiß sofort einen lateinischen Namen zu nennen, ein zweiter Arzt weiß sogar einen zweiten, der nur allein der richtige sein soll, und die Meinungen theilen sich.
Und mit der medizinischen Wissenschaft hätten Sie doch alle Aussicht, diesen Fall mit Erfolg zu behandeln? fragt der Pfarrer.
Offen gestanden, gar keine, bemerken zwei Aerzte gleichzeitig. — Und der Pfarrer, halb ernst, halb lachend, schlägt die Hände zusammen und ruft: Ja, was nutzt mir denn ein wissenschaftlicher Name, wenn ich nicht helfen kann? Kurieren, das ist und bleibt die Hauptsache. Mädel, Du wirst wieder gesund, aber — ohne Wissenschaft."

Aus dem Erinnerungsbuch Josef Speyers, einem Mitarbeiter Sebastian Kneipps, 1894

Nur Placebo? Was sagt die Wissenschaft?

Medizinische Forschung ist komplex und teuer. Forschung zu Naturheilverfahren bietet hingegen wenig Aussicht auf Patente - die wiederum wirtschaftlichen Erfolg nach sich ziehen würden. Studiendesigns für Naturheilverfahren zu entwickeln, die strengen, wissenschaftlichen Anforderungen entsprechen und vergleichbare Daten liefern, ist dabei nicht weniger komplex als in der Medizin. Kein Wunder also, dass es nur wenige, meist kleinere Studien im Bereich der Naturheilverfahren und auch zur populären Hydrotherapie nach Kneipp gibt.

Alte Tradition. Naturheiler Kneipp

Sebastian Kneipp steht in einer Tradition von Naturheilern wie Vincenz Prießnitz oder dem Naturheilgelehrten und Arzt Johann Siegmund Hahn, dessen Buch „Unterricht von Krafft und Würckung des frischen Wassers in die Leiber der Menschen“ ihn zu seinem Selbstheilungsversuch inspirierte. Kneipp war Pfarrer, hatte keine medizinische Ausbildung, es kam mehrfach zu Konflikten. 1854 zeigten ihn ein Arzt und ein Apotheker wegen „Gewerbebeeinträchtigung durch die Wasserkur“ an, da er Cholerakranke behandelte. Sogar Kindestötung wurde ihm vorgeworfen. Kneipp wurde zu einer geringen Geldstrafe verurteilt. Weitere Anzeigen folgten.

Nach dem Erfolg seines Buches „Meine Wasserkur“, basierend auf den Erfahrungen von Vincenz Prießnitz, begann er mit ausgebildeten Ärzten zusammenzuarbeiten, aber seine Methoden blieben umstritten. Professor Hugo von Ziemssen, bedeutender Mediziner des 19. Jahrhunderts, bezeichnete Kneipps Heilverfahren als „Hokuspokus" und sprach Ärzten, die seine Methoden nutzten, jegliche Wissenschaftlichkeit ab. Heute hat sich die Sicht auf Kneipp verändert. Mediziner der Naturheilkunde sehen ihn als wichtigen Neuerer alter Methoden, da er Systematik in Bezug auf Begriffe und Verfahrensweisen einführte.

Zitat

Sebastian Kneipp und seine Behandlungen  | Bild: Stadt Bad Wörishofen

"Auch gehe ich durchaus nicht darauf aus, der wissenschaftlichen Medizin Konkurrenz zu machen; ich erkenne das Gute gerne an, wo ich es finde."

Sebastian Kneipp

Bad Wörishofen: vom Dorf zur Bäderstadt

Ausgangspunkt für ein Konzept mit Kultstatus: Bad Wörishofen entwickelte sich durch Sebastian Kneipp vom Bauernweiler zur Gesundheitsmetropole. Mehrere unterschiedliche Einrichtungen gründete Sebastian Kneipp, darunter das Sebastianeum und das Kinderasyl. Schon früh begann der wirtschaftliche Aufstieg des Ortes durch den internationalen Gesundheitstourismus und damit verbunden die weltweite Verbreitung der Kneipp-Ideen und Methoden.

Stress: ein zeitloses Thema

"Kaum irgendein Umstand kann schädlicher auf die Gesundheit wirken als die Lebensweise unserer Tage, ein fieberhaftes Hasten und Drängen aller im Kampfe um Erwerb und sicherer Existenz ... Es ist kein Wunder, wenn Krankheiten so viele Opfer fordern, denn die Menschheit ist von der früheren, einfachen, natürlichen Lebensweise abgewichen. Nicht etwa, daß die Errungenschaften unserer Zeit wieder geopfert werden müßten, aber es muss ein Ausgleich gefunden werden, um die überanstrengten Nerven zu stärken, ihre Kraft zu erhalten; es muss ein Gleichgewicht hergestellt werden zwischen der Arbeit und Lebensweise – und dem Verbrauch auch der Nervenkraft."

Sebastian Kneipp

Public Health. Zukunftspotential Kneipp

200 Jahre Kneipp | Bild: Kneipp-Bund/Jaeckle

Kneipps ganzheitlicher Ansatz verbindet Eigenverantwortlichkeit und die Chance, selbst für mehr Gesundheit und Lebensqualität zu sorgen. Auch mit Vorerkrankungen kann jeder seine Methoden ohne großen finanziellen oder technischen Aufwand anwenden, ein Konzept mit Potential.

Neue Forschungsergebnisse könnten Kneipps Ideen neuen Schub verleihen. Zudem sorgt eine Ankündigung für die nahe Zukunft für Aufsehen nicht zuletzt in den hart gebeutelten Kur- und Badeorten: Badekuren könnten bald wieder von den Krankenkassen bezuschusst werden.  

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