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Insekten als Rohstoff Taugen sie als Tierfutter oder Antibiotika?

Nicht nur als Nahrungslieferant könnten Insekten in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Auch als Ersatz für Soja im Tierfutter oder als neue Antibiotika kommen manche Krabbeltiere in Frage - mit mehr oder weniger hohen Hürden.

Stand: 16.11.2020

Mit mehr als eine Million Arten sind Insekten DAS Erfolgsmodell der Evolution. Sie sind Nahrung für Tiere. Und in vielen Ländern der Welt sind die Krabbeltiere ganz selbstverständlich als Lebensmittel akzeptiert. Als Nutztiere liefern sie zudem seit Jahrhunderten Honig und Seide. Doch womöglich können die kleinen Tiere noch viel mehr.

Gerade für die Landwirtschaft und für die Medizin gibt es vielversprechende Forschungsansätze. Von Nutzen ist dabei vor allem der hohe Proteingehalt und das Immunsystem der Tiere, das mit hochspezialisierten Eiweiß-Molekülen, sogenannten Peptiden, funktioniert. Ein weiterer Vorteil ist, dass Insekten wirklich jedes organische Material verwerten können. Dennoch ist der Einsatz in der Praxis manchmal nicht einfach.

Larven der Schwarzen Soldatenfliege als Fischfutter

Insekten könnten tatsächlich eine Zukunft als heimisches Proteinfutter haben und damit eine Alternative zum energieaufwändigen Import von Soja aus pestizidbelasteten Monokulturen, wie zum Beispiel aus Brasilien sein, für die der Regenwald abgeholzt wird.

Schon jetzt werden die Larven der Schwarzen Soldatenfliege an Fische verfüttert. Das Problem ist aber: Auch hierfür werden Ressourcen verbraucht. So müssen es die Larven warm haben. Und weil Insekten keine Körperwärme erzeugen, muss die Wärme über das ganze Jahr hinweg zugeführt werden. Das rentiert sich aus ökologischer Sicht nur, wenn die entweichende Wärme, die sogenannte Abwärme, genutzt werden kann.

Hürden beim Tierfutter aus Insekten

Tierfutter aus Insekten ist auch nur dann wirklich nachhaltig, wenn die Insekten selbst kein Tierfutter brauchen. "Reststoffe", die aus der Tierfütterung übrig bleiben und dann noch als nachhaltige Ernährung für die Insekten übrig wären, stünden laut Brigitte Paulicks vom Lehrstuhl Tierernährung der TU München "momentan gar nicht zur Verfügung".

Erschwerend kommt hinzu, dass Insekten, die als Tierfutter verfüttert werden sollen, nicht alles fressen dürfen. Denn was an Lebensmittel liefernde Tiere verfüttert werden darf, dafür gibt es strenge Regeln. Verpackungsmaterial ist ebenso tabu wie Kompost, Mist oder Gülle. Dabei könnten Insekten all diese Abfälle in proteinhaltiges Futter umwandeln. Und das Pflanzenmaterial, das aus ökologischer Sicht sinnvolles Insektenfutter wäre, können nicht alle der kleinen Krabbeltiere gut verwerten - am ehesten noch die Heuschrecken.

Neue Antibiotika aus Peptiden der Insekten?

Ist schon heute möglich: Einsatz von Maden bei der Wundheilung.

Hoffnung macht hingegen der Einsatz von Insekten in der Medizin. Und hier vor allem als neues Antibiotikum. Grund dafür ist das Immunsystem der Tiere, das mit hochspezialisierten Eiweiß-Molekülen, sogenannten Peptiden, funktioniert. "Wir haben Peptide gefunden, die wirklich alle Pathogene [also krankmachenden Erreger] getötet haben, die wir getestet haben", sagt Andreas Vilcinskas, der als Professor für Zoologie weltweit das erste Institut für Insekten-Biotechnologie in Gießen gegründet hat.

Peptide der Insekten als mögliches Konservierungsmittel

Einige Peptide wirken auch gegen Bakterien, gegen die seit 60 Jahren keine neuen Antibiotika-Moleküle gefunden wurden. Aber ob daraus wirklich mal Medikamente werden, ist derzeit noch nicht absehbar, denn die Hürden sind hoch. Schneller könnte es hingegen mit antibakteriellen Insekten-Peptiden als Konservierungsmittel gehen. Zum Beispiel für Kosmetika, aber auch für Lebensmittel.

"Bei der Lebensmittelkonservierung ist der Wunsch nicht unbedingt ein Blockbuster, der alles platt macht, sondern da möchte man zum Beispiel, dass Salmonellen und Listerien gehemmt werden, aber die Milchsäurebakterien, die noch gebraucht werden, nicht beeinflusst werden [...] Und wenn Sie dann so eine mehrere Hundert Kandidaten umfassende Liste haben, finden Sie auch was, was passt."

Andreas Vilcinskas, Professor für Zoologie am Institut für Insekten-Biotechnologie

Chitin - zu was der Stoff Hoffnung gibt

Ebenso eignet sich Chitin, aus dem beispielsweise bei Insekten der Kokonfaden besteht, als Nahrungs-Ergänzungsmittel mit positiven Wirkungen auf die Darmflora sowie zur Herstellung von Bio-Plastik, oder auch um Trübstoffe aus Getränken zu entfernen. Bisher wird Chitin dafür aus Meerestieren gewonnen. Aber es hat sich gezeigt: Aus Insekten lässt sich Chitin effizienter und mit weniger aggressiven Chemikalien produzieren.

Insekten als Rohstoff: Forschung erst am Anfang

Die kleinen Tiere könnten also für viele große Probleme unserer Zeit ihren Beitrag leisten: Unterernährung, Antibiotika-Resistenzen, die Auswirkungen der industrialisierten Landwirtschaft auf Umwelt und Klima. Noch steht diese Forschung aber ganz am Anfang.

  • Insekten als Ressource. IQ - Wissenschaft und Forschung, 17.11.2020 um 18:05 Uhr, Bayern 2

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