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Das Huhn Begegnungen mit einem verkannten Tier

"Du dummes Huhn" - wer hat das nicht schon gedacht? Dabei ist ein Huhn alles andere als dämlich. Das zeigen Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre. Demnach verfügen die Tiere durchaus über kognitive und emotionale Fähigkeiten.

Stand: 15.03.2021

Zwei Hühner | Bild: colourbox.com

Schön anzusehen und anzuhören sind sie nicht gerade: roter Kamm, wimpernlose Augen, aufgeregtes Gegacker bei den Damen oder lautes Gekrähe beim Alpha-Hahn noch zu nachtschlafener Zeit. Das Haushuhn (Gallus gallus domesticus) stammt vom Bankivahuhn ab, einem Wildhuhn aus Südostasien. Von keinem anderen Nutztier des Menschen gibt es weltweit so viele Exemplare.

Unterschätztes Masthuhn

Der Vorfahre des Haushuhns: das Bankivahuhn

Die wenigsten Menschen in den Industrieländern bekommen allerdings lebendige Hühner zu sehen. Gezüchtet und gemästet werden sie größtenteils in abgeschotteten Massentierhaltungen. Und so werden sie im Bewusstsein der meisten nur noch als leidende Tiere in Mast- und Eierfabriken wahrgenommen. Dabei belegen Studien aus den vergangenen Jahren, dass Hühner weit mehr Gefühl und Verstand haben, als gemeinhin angenommen.

Die ersten Haushühner

Wie es dazu kam, dass Menschen und Hühner sich zusammentaten, ist unbekannt. Selbst der Blick in Alfred Brehms Tierleben gibt keinen Aufschluss darüber, wann der Mensch den Wildvogel gezähmt hat. Fest steht, dass es bereits in der Mitte des 5. Jahrtausends vor Christus Knochenfunde von Haushühnern in China und in der Grenzregion von Indien und Burma gegeben hat. Später gab es dann schriftliche Belege in Ägypten, noch später dann in Griechenland und irgendwann auch nördlich der Alpen.

Poulet de Bresse: das Huhn in den französischen Nationalfarben blau, weiß, rot.

Kaum einem anderen Nutztier wird mehr Verachtung zuteil. Obwohl es so gern gegessen wird. Die Mär vom sorglos herumstolzierenden Huhn auf dem romantischen Bauernhof hält sich hartnäckig. Ganz anders in Frankreich. Dort ist der stolze Hahn ein Nationalsymbol. Das französische Poulet de Bresse ist gar in den Nationalfarben gekleidet: blaue Füße, weißes Federkleid und roter Kamm. Es gilt als Zeichen der Revolution und der Widerstandsbewegung gegen die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg.

Dummes Nutztier?

Dumm oder nicht dumm, das ist häufig die Frage beim Huhn.

Huhn ist gleich dumm? Eher ist das Huhn selbst auszurotten als dieses Vorurteil. Aber ist das Huhn wirklich so einfältig? Neuere Forschungen sprechen eine ganz andere Sprache. Hühner verfügen über kognitive und emotionale Fähigkeiten. Sie lernen schnell, setzen Gelerntes rasant um und können bis zu neunzig verschiedene Artgenossen unterscheiden. Lori Marino vom "The Someone Project" hat wissenschaftliche Beweise für die vielfältigen Fähigkeiten des Federviehs gesammelt und sie im Januar 2017 im Fachjournal "Animal Cognition" veröffentlicht.

Schlau und sozial

Tatsache ist, ein Huhn lebt gefährlich. Besonders Fuchs und Habicht haben es auf die gefiederten Zweibeiner abgesehen. Deshalb verstecken sich brütende Hennen gerne in Hecken und unter Büschen. Abends schlafen die Tiere zu ihrem eigenen Schutz vorzugsweise auf Bäumen.

Der Hahn zeigt wo's langgeht. Er macht auch auf Futter aufmerksam.

Hühner sind soziale Tiere, die in einer festen Gruppenstruktur leben. Hat der Hahn etwas zu fressen gefunden, ruft er seine Hennen herbei, um es ihnen zu zeigen. Wer das Korn oder den Wurm dann schließlich fressen darf, das bestimmt dann die sprichwörtlich gewordene Hackordnung.

Empathisch und trickreich

Gut geschützt vor dem Feind: eine Henne mit Nachwuchs.

Komplexer als bislang angenommen ist die Kommunikation unter Hühnern. Bis zu dreißig verschiedene Laute kann ein Huhn hervorbringen, um sich verständlich zu machen. Es verfügt aber auch über ein großes Repertoire visueller Zeichen, das Gescharre im Boden ist nur eines davon. Darüber hinaus ist ihnen eine Art Mitgefühl eigen: Wenn der Flaum ihrer Küken vom Wind zerzaust wird, zeigt die Glucke ähnliche Stresssymptome wie der Nachwuchs.

Verblüfft hat die Forscher, dass die Tiere auch täuschen und tricksen können, etwa wenn ein unterlegener Hahn mit seinem typischen Gebaren Hennen anlockt. Dies macht er allerdings ohne die üblichen "Dok-dok"-Rufe, um den Alpha-Hahn nicht auf das Rendezvous aufmerksam zu machen. Damit verfügt das Huhn über differenzierte Eigenschaften und Fähigkeiten, die sonst nur Raben und Primaten zugeschrieben werden.


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