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Grundgesetz-Änderung Warum der Begriff "Rasse" evolutionsbiologisch falsch ist

Der Begriff "Rasse" wird aus Artikel 3 des Grundgesetzes gestrichen. Dass dies nicht nur "Theoriekram" ist, wie mancher Politiker kommentierte, zeigt die Jenaer Erklärung. Darin hatten Evolutionsforscher bereits 2019 festgestellt, dass es in der Menschheit keine Rassen gibt.

Von: Ortrun Huber

Stand: 06.11.2020

Der Gesetzestext des Artikels 3 des Grundgesetzes mit dem Wort "Rasse" befindet sich auf einer Glasscheibe am Jakob-Kaiser-Haus in Berlin-Mitte. Bei den insgesamt 19 gravierten Glasplatten am Parlamentsgebäude an der Spreepromenade handelt es sich um das Werk "Grundgesetz 49" des Künstlers Dani Karavan.  | Bild: dpa-Zentralbild

Im Prinzip sind sich die meisten Politiker im Deutschen Bundestag darüber schon länger einig: Der Begriff "Rasse" soll nicht mehr im Grundgesetz stehen. Der Bundesrat debattierte am 6. November 2020 darüber, ob Rasse durch rassistisch ersetzt werden sollte. Auch im Justiz- und Innenministerium arbeitet man derzeit an einer neuen Formulierung.

Die Grünen im Bundestag hatten bereits im Sommer nach den Anschlägen in Hanau gefordert, den Begriff "Rasse" aus dem Grundgesetz zu streichen. Hintergrund war die auch in Deutschland geführte Rassismus-Debatte, die nicht zuletzt durch den gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd in den USA Ende Mai 2020 angestoßen wurde.

Unterstützung kam bald nicht nur von SPD, FDP und Linken. Auch die Kanzlerin sprach von "nachdenkenswerten Argumenten". Nun hat sich die Bundesregierung auf eine entsprechende Änderung geeinigt. Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) twitterte:

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Olaf Scholz 21.10.2020 | 14:17 Uhr 4/4 Wir verstärken die Demokratieförderung deutlich, schaffen einen Anti-Rassismus-Beauftragten und tilgen das Wort „Rasse“ aus dem Grundgesetz. All das sind wichtige Schritte im Kampf gegen Rassismus und Extremismus.

Menschliche Gene lassen sich nicht in Rassen aufteilen

Problematisch an dem Wort "Rasse" im Grundgesetz ist nach Ansicht von Experten vor allem, dass Artikel 3 nahelegt, es gebe unterschiedliche Menschenrassen. In der Wissenschaft gilt der Begriff heute als nicht korrekt. Denn obwohl Menschen rein äußerlich unterschiedliche Merkmale wie Hautfarbe, Haarfarbe, Kopf- und Körperformen besitzen, lässt sich menschliches Erbgut nicht in Rassen aufteilen.

Das steht in Artikel 3 GG

Konkret geht es um Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes. Dort heißt es:

"Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden."

Die Jenaer Erklärung

Führende Wissenschaftler aus der Evolutionsforschung, Biologie und Menschheitsgeschichte haben die Nicht-Existenz von Rassen bereits 2019 ausführlich dargestellt und begründet - in der Jenaer Erklärung. Diese besagt im Kern, dass es aus biologischer Sicht keine Rassen gibt - dies entbehre jeder wissenschaftlichen Grundlage. Erst durch rassistische Ideen sei das Konzept der Rasse entstanden.

"Es gibt im menschlichen Genom unter den 3,2 Milliarden Basenpaaren keinen einzigen fixierten Unterschied, der zum Beispiel Afrikaner von Nicht-Afrikanern trennt. Es gibt - um es explizit zu sagen - somit nicht nur kein einziges Gen, welches 'rassische' Unterschiede begründet, sondern noch nicht mal ein einziges Basenpaar."

Aus der Jenaer Erklärung vom 9. August 2019

Haeckel und die Frage nach den Menschenrassen

der Jenaer Zoologe und Evolutionsforscher Ernst Haeckel (1834 -1919)

Die Unterzeichner der Jenaer Erklärung haben sich 2019 mit ihrer Veröffentlichung klar von ihren wissenschaftlichen Vorgängern an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, insbesondere dem umstrittenen Gelehrten und Evolutionsbiologen Ernst Haeckel, abgegrenzt. Anlass waren Debatten, in denen rassistische Stereotypen wieder populär werden.

Der Jenaer Zoologe und Evolutionsforscher Ernst Haeckel, dessen Todesdatum sich 2019 zum hundertsten Mal jährte, gilt als Begründer der biologischen Rassentheorie. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte er eine vermeintliche wissenschaftliche Anordnung von Menschenrassen. Mit fein verästelten Stammbäumen führte der Jenaer Zoologe seinen Zeitgenossen vor Augen, dass alles Leben in demselben Ursprung wurzele und dass der Mensch zwar an der Spitze der Evolution stehe, aber doch gemeinsame Vorfahren mit den Affen habe. Auch die Menschheit teilte Haeckel in 12 Arten und 36 Rassen ein. Die Stellung der einzelnen Gruppen basierte auf willkürlich herausgegriffenen Merkmalen wie Hautfarbe, Kopfform oder Haarstruktur.

Von der Suche nach rassischer Überlegenheit

Doch nicht nur Haeckel trug damit - bis in unsere Zeit - zu einem angeblich wissenschaftlich begründeten Rassismus bei. In der anthropologischen Literatur trieben seit Anfang des 18. Jahrhunderts vor allem zwei Themen die Wissenschaft um: Inwieweit sind Tier und Mensch vergleichbar und inwieweit können Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit anatomisch, also von ihrer äußeren Gestalt her, verglichen und in eine Hierarchie eingeordnet werden. In der Kolonialzeit wurden im Rahmen von Sammelexpeditionen Schädelsammlungen angelegt, die zum Teil noch heute in deutschen Universitäten und Museen lagern. Die Form und Größe der Schädel sollten als Nachweis für die rassische Über- bzw. Unterlegenheit dienen bzw. für die Intelligenz von Menschen.     

Anpassung an unterschiedliche Lebensräume

Tatsächlich, so betonen die Autoren der Jenaer Erklärung, haben aber die Phänotypen des Menschen, also seine äußerlichen Merkmale, nichts mit einer vermeintlichen "Rasse" zu tun - weder die Kopfform, noch Körperbau oder die Hautfarbe. Stattdessen passt sich der Mensch an seinen Lebensraum an. Die Schattierung der Haut eines Menschen hängt allein von der Intensität der Sonneneinstrahlung ab:

"Unsere Hellhäutigkeit ist sehr jung. Noch vor wenigen 1000 Jahren waren die Menschen, die nach Europa kamen, deutlich dunkelhäutiger. Aber wenn man hier dauerhaft leben will, hat man ein Problem. Man hat zu wenig Sonneneinstrahlung und damit zu wenig Vitamin D-Synthese. Also sind wir ausgebleicht, weil es hier zu wenig Sonne gibt."

Martin S. Fischer, Professor für Evolutionsbiologie am Institut für Zoologie und Evolutionsforschung, Friedrich-Schiller-Universität Jena und Mitautor der Jenaer Erklärung.

Dasselbe gilt für dunkelhäutige Menschen. Je näher jemand am Äquator lebt, umso stärker musste sich die Haut dem Grad der Sonneneinstrahlung anpassen. Die Hautfarbe eines Menschen folgt also allein dem Prinzip des Sonnenbadens, nur auf Jahrhunderte und Generationen ausgedehnt. Sie ist aber keine Frage der Rasse.

Haeckel: Wegbereiter der Rassenideologie

Ernst Haeckel avancierte zu einem Wegbereiter der Rassenhygiene in Deutschland. Nazi-Ideologen zogen Teile seiner Aussagen später für ihren Rassismus heran - bis hin zur Unterscheidung zwischen einer vermeintlich arischen und einer vermeintlich jüdischen "Rasse". Eine verhängnisvolle Lehre, die sich heute noch immer in (nicht nur) virtuellen Echokammern niederschlägt. Dabei, so betonen die Autoren der Jenaer Erklärung, habe die Erforschung der genetischen Vielfalt die Rassenlehre als bloßes Konstrukt entlarvt. Die Idee der Existenz von Menschenrassen sei von Anfang an mit einer Bewertung dieser vermeintlichen "Rassen" verknüpft.

"Die Vorstellung der unterschiedlichen Wertigkeit von Menschengruppen ging der vermeintlich wissenschaftlichen Beschäftigung voraus."

Aus der Jenaer Erklärung vom 9. August 2019

Fest steht, dass auch die Väter und Mütter des Grundgesetzes 1949 ein deutliches Zeichen gegen den Rassenwahn der Nationalsozialisten setzen wollten – auch wenn sie den Begriff der "Rasse" selbst nicht kritisch hinterfragten.

Die vorrangig und vermeintlich biologische Begründung von Menschengruppen als "Rassen" habe zur Verfolgung, Versklavung und Ermordung von Abermillionen von Menschen geführt, schrieben die Autoren der Jenaer Erklärung im vergangenen Jahr. Und sie riefen ausdrücklich dazu auf, den Begriff "Rasse" nicht mehr zu verwenden.

"Uns ist auch bewusst, dass eine bloße Streichung des Wortes Rasse aus dem Sprachgebrauch die Dinge, wie aktuell aufgezeigt, wie Intoleranz, wie Rassismus, nicht verhindern. Aber ich denke, es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung und schafft Bewusstsein auch in der Öffentlichkeit, dass wir solche problembehafteten Wörter, die sich eben auch noch bei unserem Grundgesetz finden, nicht mehr benutzt sollten."

Uwe Hoßfeld, Professor für Biologiedidaktik, Friedrich- Schiller-Universität Jena und Mitautor der Jenaer Erklärung


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