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Studie zu Gehirnstrukturen bei Sucht Was stellt Alkohol in unserem Kopf an?

Ein Gläschen hier, ein Gläschen dort. Alkohol regt das Belohnungszentrum an, lässt uns entspannen. Wir wollen mehr davon. Aber warum ist das so?

Stand: 26.05.2020

Alkoholgläser und Flaschen | Bild: colourbox.com

Während bei uns in Deutschland zu Beginn der Coronakrise Toilettenpapier und Pasta rar waren, wurde in Frankreich Rotwein zur Mangelware. Wie sieht es bei uns Deutschen aus? Greifen wir während der Pandemie auch mehr zur Flasche oder sogar weniger? Das ist gar nicht so einfach zu beantworten: Laut dem Marktforschungsinstitut GfK kauften die Deutschen zwischen Ende Februar und Ende März 34 Prozent mehr Wein als im gleichen Zeitraum im Vorjahr. Bei Bier waren es 11,5 Prozent, bei klaren Spirituosen 31,2 Prozent. Das ist zwar ein ordentlicher Anstieg, jedoch lässt sich schwer einschätzen, ob damit nicht einfach nur der Konsum ausgeglichen wird, der üblicherweise in Restaurants oder Bars zu sich genommen wird.

An Alkohol gewöhnt

Ob mit Corona oder ohne: Nach dem Feierabend ein Bierchen trinken, mit den Mädels ein Glas Wein oder noch einen Absacker auf dem Heimweg - der Mensch ist ein Gewohnheitstier und an Alkohol hat er sich definitiv gewöhnt. Was ist es, das unser Verlangen nach Alkohol auslöst? Warum lechzen wir manchmal schon fast nach einem Glas, wollen uns damit belohnen oder runterbringen? Was macht Alkohol in unserem Kopf? Mit unserem Gehirn? Das erforscht gerade das “Bar-Lab” - ein Labor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim - in verschiedenen Studien.

Labor mit Hocker und Tresen

Denn will man Alkohol im Körper erforschen, macht man das am besten an einem Ort, an dem man typischerweise auch Alkohol zu sich nimmt und nicht in einem kalten, weißen Labor. Die Forscher*innen um Prof. Dr. Falk Kiefer wollen verstehen, wann der Körper Alkohol braucht, wann die Gefahr für eine Sucht entsteht und was er mit uns und in unserem Gehirn anstellt und haben dafür ein Labor mit Tresen und Barhocker gebaut, in dem sie ihre Probanden untersuchen.

Belohnung durch Alkohol

An sich wirkt Alkohol bei allen Menschen gleich: Ethanol stört die Signalverarbeitung zwischen den Nervenzellen und macht sie langsamer. Das merken wir schon ab 0,5 Promille. Gleichzeitig werden aber Glückshormone wie Dopamin und Serotonin ausgeschüttet, unser Belohnungszentrum wird aktiviert und verlangt nach diesen Glückshormonen. Die Grenze zur Abhängigkeit ist dabei fließend. Bleiben die Glückshormone aus, entsteht Stress.

Negativer vs. positiver Stress

Es gibt eine bestimmte Form von Stress, die unser Verlangen nach Alkohol begünstigt: negativer Stress wie beispielsweise bei einem Vorstellungsgespräch. Der Druck wächst. Wir wollen Alkohol, um entspannen zu können. Das gleiche gilt für schwierige Aufgaben im Arbeitsalltag. Das kann mit dem Cortisolwert überprüft werden, ein Indikator für Stress. Positiver Stress hingegen vermindert das Verlangen nach Alkohol - wie beispielsweise Ausdauersport.

Strukturänderung im Gehirn

Alkohol wirkt sich allerdings nicht nur kurzfristig auf unser Gehirn aus, auch langfristig verändert es bei Suchtpatienten die Strukturen:

"Wir sehen an den Gehirnstrukturen, dass das Gehirn alkohol-assoziierte Hinweisreize, also eine Flasche Bier oder ein Glas Wein, schneller verarbeitet und schneller darauf reagiert – es ist also sozusagen trainiert, das ist wie bei einem Klavierspieler, der Noten sieht, reagieren schon die Finger und die Emotionen springen darauf an."

Prof. Dr. Falk Kiefer, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit

Erholung nach Abstinenz

Dass Alkohol schädlich ist - vor allem für die Leber - ist bekannt. Mit jedem Glas werden Hirnzellen zerstört, langfristig gehen Hirnmasse und Hirnvolumen verloren. Die gute Nachricht ist aber, dass sich nicht nur unser Körper, sondern auch unser Gehirn nach einer Abstinenz relativ schnell erholen: Die Leber regeneriert sich schon nach wenigen Tagen, durch den Alkohol eingelagerte Fette werden abgebaut. Der Stoffwechsel von Vieltrinkern ist nach einem halben Jahr wieder im Gleichgewicht, das Abnehmen fällt leichter, die Haut strafft sich. Auch das Gehirn und die kognitiven Funktionen erholen sich nach wenigen Monaten und sind in den meisten Fällen nicht langfristig eingeschränkt.

Die Suchtmediziner gehen davon aus, dass die Gene eine Rolle für hohen Alkoholkonsum spielen: Wer erblich bedingt mehr Alkohol verträgt, trinkt auch mehr und ist anfälliger für eine Abhängigkeit. 

Hier erhalten Sie Hilfe!

Wer Hilfe braucht, kann sich beim Infotelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zur Suchtvorbeugung unter (0221) 89 20 31 melden. Weitere Infos auch hier: Kenn Dein Limit.


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