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FrauenGeschichte - Frauen schreiben Geschichte Gertrude Ederle bezwingt den Ärmelkanal

Gertrude Ederle ist nicht nur die erste Frau, die den Ärmelkanal durchschwimmt. Die Amerikanerin ist dabei auch noch zwei Stunden schneller als jeder Mann zuvor! Und sie schwimmt sogar viel weiter als geplant.

Stand: 20.07.2021

Gertrude Ederle durchschwimmt 1926 als erste Frau den Ärmelkanal. Weitere Porträts gibt's bei FrauenGeschichte - online und im Instagram-Kanal. | Bild: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo/Bearbeitung:BR

Die Amerikanerin Gertrude Ederle (1905 bis 2003) schwimmt 1926 als erste Frau und schneller als jeder Mann zuvor durch den Ärmelkanal. Für die Strecke vom französischen Cap Gris-Nez bis zur englischen Küste von Dover braucht sie nur 14 Stunden und 31 Minuten. Damit ist die Tochter deutscher Einwanderer rund zwei Stunden schneller als der bisherige männliche Rekordhalter. Dabei schwamm sie sogar eine längere Strecke: Der Ärmelkanal ist an seiner schmalsten Stelle etwa 34 Kilometer breit. Weil Gertrude Ederle aber immer wieder von starken Strömungen abgetrieben wird, schwimmt sie am Ende sogar rund 56 Kilometer - 22 Kilometer mehr als geplant.

Gertrude Ederle stellt ersten Weltrekord mit zwölf Jahren auf

Es ist nicht ihr erster Rekord: Bereits mit zwölf Jahren stellt die Tochter deutscher Auswanderer einen neuen Weltrekord über 800 Meter Freistil auf. Bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris gewinnt sie eine Goldmedaille und zweimal Bronze. Im Sommer 1925 versucht sie sich erstmals am Ärmelkanal: Wegen eines Missverständnisses ziehen ihre Begleiter sie jedoch nach acht Stunden und 43 Minuten vorzeitig aus dem Wasser. Damit ist der Versuch gescheitert und Trudy, wie sie genannt wird, stinksauer.

6. August 1926: Gertrude Ederle will den Ärmelkanal bezwingen

Am 6. August 1926 will sie es endgültig schaffen: Eingerieben mit Olivenöl, Wollfett und Schweineschmalz trotzt sie dem eiskalten Wasser, den gefährlichen Strömungen, Quallen und meterhohen Wellen. Vom Beiboot aus versorgt ihr Vater sie mit heißer Hühnerbrühe, Hähnchenschenkeln und Obst. Zur Motivation spielt er ihr ihre Lieblingsschlager und die Nationalhymne auf einem Reisegrammophon vor. Und immer wieder hält er Schilder hoch, auf denen die Namen von Autoteilen stehen: Als Belohnung für die erfolgreiche Ärmelkanal-Bezwingung hat er seiner Tochter einen roten Sportwagen versprochen.

Gertrude Ederle will nicht aus dem Ärmelkanal kommen

Doch dann schlägt das Wetter um, es beginnt zu regnen und zu stürmen, die Wellen türmen sich immer höher auf. Der Trainer will sie aus dem Wasser holen, aber ihr Vater weigert sich. Gertrude Ederle hat ihm nämlich vorher eingebläut: "Holt mich nicht aus dem Wasser, außer ich bitte darum!" Ein Begleiter versucht sie dennoch vom Abbruch zu überzeugen und ruft: "Komm raus, Mädchen! Komm raus!" Doch sie antwortet nur "What for?" - und schwimmt weiter.

Gertrude Ederle wird "Frau Wozu?" und "Königin der Wellen"

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Als die 20-Jährige schließlich den Strand von Dover erreicht, wird sie auf einen Schlag als "Mrs. What for" und "Queen of the waves" zur berühmtesten Sportlerin der Welt. Wenige Wochen später jubeln ihr in New York bei einer Konfetti-Parade rund zwei Millionen Menschen zu. Sie wird sogar von US-Präsident Calvin Coolidge im Weißen Haus empfangen. Ihren versprochenen Gewinn, den roten Sportwagen, bekommt sie auch: gesponsert von einem Zeitungsverlag.

Gertrude Ederle auf einen Blick:

  • 1905: Geboren am 23. Oktober in New York City.
  • 1914: Beim Besuch der deutschen Großmutter lernt Gertrude Ederle im Bissinger See im Landkreis Esslingen das Schwimmen.
  • 1917: Erster Weltrekord über 800 Meter Freistil.
  • 1921 - 1925: Sie stellt insgesamt 29 nationale Rekorde in den USA und Weltrekorde auf. Sieben davon allein im Jahr 1922.
  • 1924: Goldmedaille in der 4x100-Meter-Freistilstaffel und zwei Bronzemedaillen über 100 Meter und 400 Meter Freistil bei den Olympischen Spielen in Paris.
  • 1925: Erster Versuch, den Ärmelkanal zu durchschwimmen.
  • 1926: Erfolgreiche Ärmelkanal-Bezwingung am 6. August. Vor ihr hatten dies nur fünf Männer geschafft.
  • 1929: Ärztliche Prognose eines vollständigen Gehörverlusts.
  • 2003: Gertrude Ederle stirbt am 30. November.

Gertrude Ederle wird zum Vorbild vieler Frauen

Mit ihrer Ärmelkanal-Durchquerung wirft die Pionierin des Frauensports das Klischee vom vermeintlich "schwachen Geschlecht" über den Haufen und beweist allen Zweiflern: Eine Frau kann dem Mann körperlich ebenbürtig sein. "Wenn mir einer sagt, ich könnte etwas nicht, dann tu' ich es erst recht." Sie wird damit zum Vorbild für viele Frauen - nicht nur, aber auch, was das Schwimmen betrifft: Zehntausende Amerikanerinnen erwerben das Schwimmabzeichen.

Die Ärmelkanal-Bezwingerin Gertrude Ederle wird taub

Für ihre Pionierleistung zahlt Gertrude Ederle jedoch einen hohen Preis: Infolge einer Masernerkrankung leidet sie schon seit ihrer Kindheit an einem Hörschaden, der sich durch das Kanalschwimmen verschlechtert. Ihre große Schwimmkarriere ist damit vorbei, darum arbeitet sie zunächst als Showschwimmerin im Varieté und später als Schwimmlehrerin für gehörlose Kinder. 1929 prognostiziert ihr ein Arzt, dass sie wegen des Schwimmens endgültig das Gehör verlieren werde, was offenbar spätestens 1940 der Fall ist.

"I was happiest between the waves."

Gertrude Ederle

Sie erfindet den Bikini - und lässt ihn nicht patentierten

Weil der Einteiler beim Schwimmen nervt, entwirft Gertrude Ederle kurzerhand einen Zweiteiler und erfindet damit den Bikini.

Reich wird sie durch ihren Rekord auch nicht - obwohl sie ganz nebenbei den Bikini erfindet. Bei ihrer Ärmelkanal-Bezwingung trägt sie nämlich einen selbstentworfenen Zweiteiler, der sie weniger einschränkt als ein Badeanzug.

Dieses seinerzeit "unerhörte" Schwimmdress lässt sie sich nicht lukrativ patentieren. Ihr Versäumnis macht sich zwanzig Jahre später ein Mann zunutze.

Am 30. November 2003 stirbt Gertrude Ederle im hohen Alter von 98 Jahren.

"FrauenGeschichte" auf Instagram

Viel zu oft standen Frauen, die Großes geleistet haben, im Schatten der Männer. Der BR-Instagram-Kanal "FrauenGeschichte" zeigt die weibliche Perspektive auf die Vergangenheit.


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